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Hans Werner Holzwarth - Ai Weiwei
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Holzwarth, Hans Werner:
Ai Weiwei

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(Bücher frei Haus)

Nachdem die Produktionskosten in China so niedrig sind,, kann ein Künstler wie Ai Weiwei auch in großen Dimensionen denken. Und das tut er. Im Jahr 2007 verfrachtete er 1001 Chinesen zur Documenta 12 nach Kassel, um sie als „Wanderarbeiter“ in eine sog. „soziale Plastik“ einzubinden. Oder für seine Installation „Sunflower Seeds“ für die er 2010 1.600 Arbeitskräfte in die Tate Modern in London mobilisierte. Der Künstler, der seit jeher das Talent hat, „sich selbst in eine unangenehme Situation zu bringen“, hat tatsächlich einen „ausgeprägten Risikoappetit“, wie Uli Sigg im Geleitwort zum großen vorliegenden TASCHEN Prachtband schreibt. Seine Großprojekte, die kaum kalkulierbar sind, konterkarieren seine Spielernatur, die ihn einst auch mit nur 30 Dollar in der Tasche nach Amerika aufbrechen ließ. Er sei der „Widerspruch in Person“ und würde sicherlich nichts von dem Gesagten unterschreiben, fügt Sigg hinzu, eher würde er jedes Argument auf den Kopf stellen und dekonstruieren, um „elegant dessen Nichtigkeit zu beweisen“. Aber Ai Weiwei legte sich auch mit der chinesischen Staatsmacht an, was ihm sehr viel Bewunderung von den Netizens of the World einbrachte. Ai Weiwei kennt die Macht sozialer Medien und nutzt diese ebenso, wie seinen Namen, obwohl er natürlich auch weiß, dass „aus eigener Kraft sein Welt-Status nicht zu schaffen gewesen wäre. Zu danken hat er auch der Globalszene der visuellen Kunst, die mit ihrer Solidarität für ihn eingestanden ist“.

Im Zeichen des Mittelfingers
Ai Wie Wei hat seine künstlerische Karriere in New York als Fotograf begonnen und dann vorerst zur Malerei gewechselt. Sein „Triple Mao“ von 1989 erinnert natürlich an Andy Warhol, aber danach habe er es sehr bald mit der Malerei auch wieder aufgegeben, sagt der Künstler selbst. Bald begann er nämlich mit Skulpturen, vorerst noch in Bilderrahmen oder verformten Kleiderbügeln. Unter dem Einfluss von Dada und Duchamp arbeitete er dann gerne weiter mit Alltagsgegenständen und heftete zum Beispiel Kondome an Armee-Regenmäntel, da er aber in seiner New Yorker Zeit zehnmal umgezogen war, sind viele ready made Kunstwerke aus dieser Zeit auch verloren gegangen, vielleicht aber auf einer New Yorker Müllkippe noch zu finden. Nach seiner Rückkehr nach Peking traf und lebte er im dortigen East Village mit vielen anderen Künstlern und Dissidenten zusammen, was auch ihn in den Focus der Überwachungskameras und -systeme des Staates brachte. Natürlich führte das auch zu seiner Politisierung, was anhand eines von ihm angefertigten Plakates, das in die Kunst der Adbusters eingereiht werden könnte, besonders gut zum Ausdruck kommt: Offiziellen Plakaten, die vor den gefährlichen Neujahrsfeuerwerken warnten, fügte Ai Wei Wie einen Mittelfinger hinzu, denn der Staat hatte gerade auf die Demonstranten am Tiananmen-Platz (dem „Platz des himmlischen Friedens“) geschossen. Einmal schloss er auf eigene Kosten auch einfach ein staatliches Museum, weil man diese auch mieten kann und sie ansonsten ohnehin nur Propaganda zeigten. Als Ai Weiwei auf eine vermeintlich antike Vase den Coca Cola Schriftzug malte, legte er wohl auch sich selbst den Grundstein für die Vermarktung seiner Künstlerexistenz, so wie es auch schon Warhol getan hatte. Eine weitere „Mittelfinger“-Aktion führte ihn vor die bekanntesten Häuser politischer Herrschaft, ob in Peking, Paris oder Washington, Berlin und an vielen anderen, auch religiösen Orten, streckte er seine Mittelfinger hinaus oder schrieb sich selbst FUCK auf die Brust.

Gegen den Utilitarismus der Welt
Bald fing Ai Weiwei aber auch an, mit Möbeln zu arbeiten. So kaufte er sich Originale und zweckentfremdete sie so, dass ihr Nutzen nur mehr absurd erschien oder die Objekte völlig unbrauchbar wurden. Als er das erste mal auf die Biennale eingeladen wurde, wechselte er bei einer Wechselstube am Markusplatz in Venedig so oft 100 Dollar, bis nichts mehr übrig blieb, dazu musste er sich aber gleich mehrere Wechselstuben bedienen, denn der erste Beamte war bald mit seinen Nerven am Ende. Eine Fotodokumentation hält die Aktion fest, die zeigt, mit welchen einfachen Mitteln einen doch sehr großen Effekt erzielen kann. 1999, als die Aktion stattfand, gab es übrigens noch keinen Euro, weswegen viele europäische Währungen auf den Bildern zu sehen sind, die es heute gar nicht mehr gibt. Roger M. Buergel, der ebenfalls einen Beitrag zu vorliegendem Werkband verfasst hat, sieht Ai Weiwei als „Mittler“. Einige Seiten weiter nennt ihn William A Callahan einen „Grenzgänger zwischen Kunst und Politik“. In seiner weltlichen und post-religiösen Spiritualität habe der Künstler an die Stelle der himmlischen Mächte das chinesische Regierungssystem gestellt, meint Buergel und weiter über Ai Weiweis Auftritt bei der Documenta: „Es war ein schwer greifbares Ereignis, das die Wahrnehmungsdistanz zwischen chinesischer und Kasseler Realität aufgehoben hatte“. Und nichts Geringeres erwartet man sich schließlich von Kunst! Eine besondere Ausstellung von und mit Ai Weiwei mit Titel "Ai Weiwei. Translocation - Transformation“ erwartet die Wien Besucher vom
14. Juli - 20. November diesen Jahres im 21er Haus und im Belvedere.

Ai Weiwei
Mehrsprachige Ausgabe: Deutsch, Englisch, Französisch
Gebundene Ausgabe: 600 Seiten
Format: 25,7 x 5,3 x 33,5 cm
TASCHEN;
ISBN-10: 3836526492
ISBN-13: 978-3836526494

[*] Diese Rezension schrieb: jürgen Weber (2016-04-23)

Hinweis: Diese Rezension spiegelt die Meinung ihres Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung von versalia.de übereinstimmen.



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