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Rezensionen


 
Howard Jacobson - Liebesdienst
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Jacobson, Howard:
Liebesdienst

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(Bücher frei Haus)

Das deutsche Publikum kennt den englischen Schriftsteller Howard Jacobson aus seinem im vergangenen Jahr bei DVA erschienen Buch „Die Finkler-Frage“, das in England mit dem Booker-Preis ausgezeichnet wurde. Wegen des großen Erfolgs legt DVA jetzt einen zweiten Roman Jacobsons nach, der im Original unter dem Titel „The Act of Love“ schon 2008 veröffentlicht wurde.

Hier wie dort geht es um menschliche Obsessionen. In „Die Finkler-Frage schilderte Howard Jacobson mit vielen ironischen Stilmitteln sowohl die innerjüdischen Debatten um Sex, Identität, Israel, die Palästinenser, den Holocaust und "den HERRN", als auch in der Person von Julian Treslove eine auch bei etlichen dem Judentum affinen Menschen bei uns eigene Sehnsucht nach dem Jüdischsein. Da konnte man hören von skurrilen Debatten im Kreise der sogenannten ASCHandjiddn, die sich ihres Jüdischsseins schämen, konnte lesen über die Frage , ob die jüdische Sitte der Beschneidung das sexuelle Verlangen nun steigert oder hemmt, von einem jüdischen Blogger, der durch manuelle Stimulation seine entfernte Vorhaut wieder hochziehen will, und immer wieder waren es köstliche Dialoge, die oft in nichts anderem bestanden, als in Fragen und Gegenfragen.

Die Obsession im vorliegenden Buch ist die Eifersucht. Sie hat den ich- erzählenden Protagonisten des Buches, den überaus belesenen, gebildeten und wohlhabenden Antiquar Felix Quinn aus dem exquisiten Londoner Stadtteil Marylebone erfasst.

Felix Quinn ist verheiratet mit der schönen und attraktiven Marisa, die er vor Jahren einem anderen Mann ausgespannt hatte. Schon in seiner Kindheit hat er die schmerzhafte Erfahrung der Eifersucht kennengelernt, als ein Mädchen, mit dem er ins Kino ging, plötzlich einen anderen küsste: „Wie man Eifersucht überlebt, wurde zur Frage meines Lebens. Wie kann man akzeptieren, dass derjenige, den man liebt, die Liebe nicht erwidert? Wie kann man es aushalten, dass ein anderer die Küsse der Geliebten bekommt? Wie kann man damit fertig werden, wenn man verlassen wird? Wie findet man sich damit ab, das man ungeliebt ist und ungeliebt bleiben wird, ausgestoßen, nicht, weil man selber nichts taugt, sondern weil man dem Glück zweier anderer im Wege steht; dass man bis in alle Ewigkeit einsam bleiben muss, damit die beiden anderen bis in alle Ewigkeit zusammen bleiben können?“

Als Felix` Frau Marisa während der Hochzeitsreise nach Florida in die dortigen Feuchtgebiete erkrankt, hat Felix sein Schlüsselerlebnis als Erwachsener, das seine schon in der Kindheit angelegte Obsession, der er in der Zwischenzeit nur während des Studiums entsprechender Stellen der Weltliteratur von der Antike bis in die Gegenwart gefrönt hatte, mit einem Schlag aktiviert und ihn nicht mehr verlässt. Denn der vom Hoteldirektor herbeigerufene kubanische Arzt bittet nicht nur um einen starken Drink, sondern untersucht Marisas Brust. „Jetzt hatte alle Ungewissheit ein Ende: Ab jetzt war ich ein Mann, der durch den Anblick der Hand eines anderen Mannes an der Brust der Frau, die er liebt, erregt wurde.“

Dieses Erlebnis lässt ihm keine Ruhe. Er findet in dem gut aussehenden Marius den Mann, mit dem er glaubt, seine Fantasien befriedigen zu können. Geduldig und über einen langen Zeitraum bereitet er den Coup vor, für den er allerdings die Unterstützung seiner Frau braucht, die seine außergewöhnlichen sexuellen Bedürfnisse schon länger aus seinen Erzählungen kennt.

Howard Jacobson lässt sich mit der genauen Charakterisierung dieser Hauptpersonen viel Zeit, an manchen Stellen zu viel, wie ich finde. Zunächst bleibt das Buch für den, der diese Lust und diesen Schmerz an der Eifersucht nicht kennt (oder der seine entsprechenden Fantasien erfolgreich verdrängt hat) eher befremdlich, an manchen Stellen sogar fast abstoßend. Doch nicht nur die zahlreichen Hinweise auf Analogien in den großen Werken der Weltliteratur und die genauen Beobachtungen der Psychologie seiner Hauptfiguren machen das Buch dennoch zu einer geschätzten Lektüre, sondern auch das Hohelied auf die Liebe, das er anstimmt.

Howard Jacobson, Liebesdienst, DVA 2012, ISBN 978-3-421-04406-8

[*] Diese Rezension schrieb: Winfried Stanzick (2013-06-26)

Hinweis: Diese Rezension spiegelt die Meinung ihres Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung von versalia.de übereinstimmen.



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