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Ismail Kadare - Der zerrissene April
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Kadare, Ismail:
Der zerrissene April

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(Bücher frei Haus)

Bis ins Jahr 1990 ist er der zweitbekannteste Albaner der Welt gewesen, der mittlerweile fast achtzigjährige einstmalige Renommierautor eines bizarr-stalinistischen Systems. Weil er bis zum letzten Tag der Sozialistischen Volksrepublik die Treue gehalten und nicht einen Satz der Kritik gesagt hat, allerdings in Folge seiner herausragenden Stellung immer wieder Äußerungen tat, die im damaligen Land als kühn gelten durften, ist Kadare nicht unumstritten. Auch, weil er seit dem Untergang des Kommunismus das Heil in der von ihm prognostizierten Rechristianisierung sieht. Das Volk werde zu seinem Glauben und damit auch in die europäische Kultur heimkehren. Für Kadare ist der Islam etwas Künstliches, von türkischen Besatzern dem Albanertum Übergestülptes.

Diktator Enver Hoxha starb, nach Jahrzehnten der Tyrannei (blutige Säuberungen), erst 1985 und, wo dieser Blutrache-Roman schon vorher entstanden war, ist begreiflich, dass, auch wenn er mit Brauchtum, Überlieferungen und Rechtsprechung kritisch umgeht, der Kommunismus an keiner Stelle erwähnt werden kann. So wenig wie die Isolation, in die ein paranoider Herrscher das Land an der Adria geführt hatte, die primitiven Bunker, mit denen er das Gebirge verschandeln ließ, um, wie eine Schweiz des Mittelmeerraumes, jeden kommenden Krieg als Heldenvolk zu überstehen. Im Buch ist dagegen viel von alten Türmen im nördlichen Hochland die Rede. In ihnen haben sich örtliche Potentaten niedergelassen und auch als Asyle für von Blutrache Bedrohte haben sie ihren sozialen Zweck gefunden.

Es wird so modern gedacht und gesprochen im Buch, der Leser stellt fest, dass er es mit einem souverän verfassten Kunstwerk zu tun hat, deswegen braucht es geraume Zeit, bis man bemerkt, dass man sich in einem historischen Roman befindet. Anfangs fällt nur die Abwesenheit von Autos auf - von denen es unter Hoxha ja nicht viele gab -, doch wenn nach der Hälfte des Buchs vom Königreich Albanien die Rede ist, wird mit einem Mal deutlich, dass wir uns in der Spanne zwischen 1912 und 1939 (als Mussolini das Land annektierte) befinden. Wahrscheinlich zu Anfang dieser Epoche. In den Zwanzigern ist Albanien von wechselnden Warlords und Obristen dominiert worden.

Mo Yan, der chinesische Nobelpreisträger, kommt einem in den Sinn. Als dieser - ebenfalls in den Achtzigern - mit ebenfalls historischen, gewaltreichen und volksnahen Stoffen - für den Westen entdeckt wurde, vor dem Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens, vor dem Untergang der realsozialistischen Systeme Europas, empfahl man dem Publikum diesen Chinesen als großartigen wie zeitgemäßen Vertreter seiner Nationalliteratur, zugänglich, instruktiv sollte das Lesen sein. Als Mo Yan nach Jahren seinen Nobelpreis erhielt, war von einem Opportunisten oder einer Ranke am Balkongitter des Totalitarismus zu lesen.

Man staunt, wenn ein solches Werk die Jahrzehnte und Ozeane überspringt, in einem fremden Kosmos den Keim zu neuer Kunst legt. Sean Penn als Filmemacher verlegte Dürrenmatts Mädchenmörder-Parabel „Das Versprechen“ nach Nevada. Des Berners bekanntestes Stück „Besuch der alten Dame“ wurde von Djibril Diop Mambéty als senegalesische Dorfgeschichte verfilmt. Walter Salles, Brasilianer, von dem wir vor allem die Guevarra-Jugendbiografie „Die Reise des jungen Che“ in bester Erinnerung behalten haben, hat den „Zerrissenen April“ verfilmt. „Hinter der Sonne“, wie es bei ihm hieß, spielte in Brasilien um den Ersten Weltkrieg herum.

Zentrales Thema des Romans ist der seit Jahrhunderten gegen alle staatlichen Eingriffsversuche im Hochland verwurzelte „Kanun“, ein rigider Sittenkodex mit teilweise komischen bzw. unverständlich gewordenen Ritualen. Die Handlung setzt ein, als der junge Gjorg einen ihm gleichgültigen Mann ermordet, weil seit siebzig Jahren eine blutige Fehde zwischen zwei Familien tobt. Jede Exekution kann nur durch weiteres Blutvergießen in der jeweils anderen Familie gereinigt werden. Alles hat mit der Tötung eines Unbekannten, eines Durchreisenden, angefangen. Weil für den Kanun die Ehre des Gastes das höchste Gut darstellt, kann die Familie des Gastgebers im sozialen Kosmos des Dorfes nur bestehen, wenn sie das Blut des Fremden an den Nachbarn rächt.

Die Riten sehen vor, dass Gjorg nach der Tat am Tisch seiner Feinde speisen muss, diese ihm eine Unverletzlichkeitsgarantie für die nächsten dreißig Tage zu schwören haben, er am Turm von Orosh deswegen sein Blutgeld abzuliefern hat. Gjorg ist ein wandelnder Toter geworden. Nach einem Monat, ab Mitte April, werden ihn die männlichen Mitglieder der anderen Familie jagen.

Als Untoter stößt Gjorg, dies der zweite Faden des Buches, von Anfang an auf die kommende Verwicklung zulaufend, auf die Hauptstädterin Diana. Schnell fühlt diese sich von ihm angezogen. Aber sie ist nicht frei, sie könnte die Kutschenreise durchs Gebirge gar nicht ohne einen Mann ausführen. An ihrer Seite ist der Schriftsteller Besian Vorpsi, ein angesehener Autor, dessen Leben in letzter Zeit von seinem schwachen Charakter überschattet wird. Er schwadroniert aufgeblasen daher und behandelt Diana wie ein Renommierstück. Über die ehernen Gesetze des Kanun ist er des Lobes voll. Allerdings dem Alkohol ebenso zugeneigt.

Ein schlank und fehlerlos geschriebener Roman auf europäischem Schreibniveau, dabei eher konventionell und vorhersehbar. Auf Deutsch zuerst beim österreichischen Residenz Verlag erschienen, ist Kadares „härtestes Buch“ von Johanna Rachinger, Generaldirektorin der Österreichischen Nationalbibliothek, im Wiener Boulevardblatt „Kurier“ unter die „100 besten Bücher aus 100 Jahren“ gezählt worden. Albanisch beherrschen wohl nicht viele literarische Übersetzer, Joachim Röhms Übertragung erweckt leider auch nicht den Eindruck vom Nonplusultra: „Gjorg nahm eine rasche Bewegung des Armes wahr, die darauf gerichtet schien, das Gewehr von der Schulter zu reißen, und schoß.“

Zitat:

Er hat vor einigen Tagen getötet und kommt nun aus Orosh zurück.
„Ich habe es gehört“, sagte sie, ohne den Blick vom Fenster zu wenden.
Der Hochländer stand wie festgenagelt und starrte die junge Frau aus fiebrigen Augen an.
„Wie bleich er ist“, stieß Diana hervor.
„Er heißt Gjorg“, erläuterte Besian und setzte sich zurecht. Dianas Kopf war weiter am Fenster. Draußen war die Stimme des Wirts zu hören.


[*] Diese Rezension schrieb: Klaus Mattes (2015-05-09)

Hinweis: Diese Rezension spiegelt die Meinung ihres Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung von versalia.de übereinstimmen.



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