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Rezensionen


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Erich Kästner - Gesang zwischen den Stühlen
"Gesang zwischen den Stühlen" wurde erstmals 1932
veröffentlicht und ist der letzte Band, zugleich
konzeptionell und stilistisch auch der rundeste und
ausgereifteste, aus einer Reihe von vier Gedichtbänden, die
in der Weimarer Republik zwischen 1928 und 1932, um der
klugen Voraussicht Kästners gerecht zu werden, sollte man
vielleicht doch treffender sagen, die vor Beginn der
Nazidiktatur erschienen sind.
Kästner selbst fasste die zur damaligen Zeit entstandenen
Gedichte in einem späteren Vorwort zu "Herz auf
Taille", dem ersten der vier Bände, 1965 als
"Zeitgedichte gegen Zeitgeschichte" zusammen.
Weiterhin definierte er seine damaligen Gedichte in diesem
Vorwort als: Anklage, Elegie, Satire, Feuilleton, Glosse,
Ulk, Frivolität, Epistel, Pamphlet; und dem kann man nur
zustimmen.
Diese Einordnung macht zugleich deutlich, dass Kästner sich
mit offenen Worten an den Leser wendet. Seine Gedichte
müssen nicht erst entschlüsselt werden, sie erzählen alle
kleine Geschichten, welche zeitlich direkt in die damalige
Zeit einzuordnen sind. Und doch sind sie oftmals so clever
verfasst, dass sie bis heute ihre Gültigkeit als Spiegel der
Gesellschaft nicht verloren haben oder wie nie zuvor in den
vergangenen Jahrzehnten wieder an Gültigkeit gewinnen.
Ob es nun um die Moral der Wirtschaft geht:
"Unerhörte Geldbeträge
braucht man für die Arbeitskräfte!
Lohn ist nichts als Armenpflege
und verdirbt bloß die Geschäfte."
(aus: Aktuelle Albumverse)
Oder um die Wirtschaftskrise, hier ein Beispiel aus dem
Bereich Jugendarbeitslosigkeit:
"Schon sind wir eine Million!
Wir waren fleißig und gelehrig.
Und ihr? Ihr schickt uns, minderjährig,
fürs ganze Leben in Pension.
[...]
Sind wir denn da, um nichts zu tun?
Wir, die geborenen Arbeitslosen,
verlangen Arbeit statt Almosen
und fragen euch: Und was wird nun?"
(aus: Das Riesenspielzeug)
Ob es nun um die Ellenbogengesellschaft im Allgemeinen geht:
"Nachts sind die Straßen so leer.
Die Menschen legten sich nieder.
Nun schlafen sie, treu und bieder.
Und morgen fallen sie wieder
übereinander her."
(aus: Rezitation bei Regenwetter)
Oder auch immer wieder um exemplarische Einzelfälle, die in
einer solchen Gesellschaft leben:
"Als er keinen Mut mehr hatte,
stopfte er zerpflückte Watte
in die Tür- und Fensterspalten,
um das Zimmer dicht zu halten.
[...]
Krank und müde vom Getue
um die goldne Gunst der Welt,
setzte er sich nun zur Ruhe,
wenn auch ohne Ruhegeld."
(aus: Nekrolog für den Maler E.H.)
Wer also interessiert ist an einem historischen Rückblick,
aus Sicht eines aufgeweckten Zeitzeugen, der mit offenen
Augen und journalistischem Spürsinn die Abgründe seiner
Gesellschaft kritisch sezierte und dabei unglaubliches
Gespür für die negative Zukunft seines Landes bewies, und
wer sich dennoch gerne gegenwarts- und zukunftsorientierte
Gedanken aus heutiger Sicht macht, der liegt mit
"Gesang zwischen den Stühlen" genau richtig.
Erich Kästner wurde am 23. Februar 1899 in Dresden geboren
und studierte Germanistik, Philosophie, Geschichte und
Theatergeschichte in Leipzig, Rostock und Berlin, mit
anschließender Promotion. Nach dem Studium war er als
Journalist, Theaterkritiker, Redakteur, Drehbuchautor und
vor allem als Schriftsteller tätig. Vor dem Zweiten
Weltkrieg lebte er längere Zeit in Berlin. Nach den
Bücherverbrennungen am 10. Mai 1933, denen auch Schriften
von Erich Kästner zum Opfer fielen (u.a. auch "Gesang
zwischen den Stühlen"), und mehreren Verhaftungen durch
die Gestapo, erhielt er ab 1942 totales Publikationsverbot,
blieb aber dennoch in Deutschland. Nach dem Krieg ging er
nach München, wo er seine erfolgreiche Arbeit nun auch als
Kinderbuchautor und Mitarbeiter diverser Kabarett-Ensembles
fortsetzte. Am 29. Juli 1974 starb Erich Kästner in München.
Er erhielt unter anderem den Georg-Büchner-Preis (1957) und
das Große Bundesverdienstkreuz (1959).
[*] Diese Rezension schrieb: Alexander Czajka (2005-12-04)
Hinweis: Diese Rezension spiegelt die Meinung ihres Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung von versalia.de übereinstimmen.
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