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Daniel Kehlmann - Die Vermessung der Welt
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Kehlmann, Daniel:
Die Vermessung der Welt

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(Bücher frei Haus)

Der Zufall sei ein Feind allen Wissens, ihn habe er immer besiegen wollen. Aus der Nähe betrachtet sehe man nämlich hinter jedem Ereignis die unendliche Feinheit des Kausalgewebes. Trete man weit genug zurück, offenbarten sich die großen Muster. Freiheit und Zufall seien eine Frage der der mittleren Entfernung, eine Sache des Abstands, so der als Mathematiker in die Geschichte eingegangene Carl Friedrich Gauß, dem Kehlmann hier seine Worte in den Mund legt. „Wer metaphysische Angst nicht kenne, werde nie ein deutscher Mann“, so der eigentliche Protagonist dieses Romans über zwei Giganten des 18./19. Jahrhunderts, Alexander von Humboldt. Sein Bruder, Wilhelm, war Minister in Preußen und ermöglichte dem Jüngeren wohl damit die Reisen, die er selbst nie gewagt hätte. „Dass du bist, was nicht werden soll, und ich bin, was du nicht sein kannst, dass wir zu zweit durchs Dasein müssen, einander, ob wir wollen oder nicht, für immer näher als jedem anderen“, so beschreibt Kehlmann das Dilemma der beiden Brüder Humboldt. Eine weitere schier unüberwindbare Hürde stellte sich Humboldt aber in der Institution der spanischen Monarchie entgegen, denn diese verbot es Ausländern, die Kolonien zu bereisen. Doch der Premier in Madrid, eine traurige Figur namens Manuel de Urquijo, der mit seiner Königin schlief, wusste um die Vergänglichkeit seines Samens und stellte Humboldt als Bedingung für seine Einreise, die Erstellung eines Potenzmittelchens zur Aufgabe. Mit seinem französischen Freund Bonpland und in allen Ehren mit Pässen und Papieren des Königs machten sich die beiden schließlich auf, die Neue Welt zu erkunden.

Mission: Die offen liegenden Wahrheiten der Schöpfung
“Alle großen Ströme seien verbunden. Die Natur sei ein Ganzes.“, zitiert Humboldt den wahnsinnig gewordenen Aguirre, der gegen seinen König revoltierte, um auf dem Amazonas von vergifteten Pfeilen dahingerafft zu werden. Aguirre habe als erstes von einem Kanal berichtet, der die zwei größten Flüsse des Kontinents, den Amazonas und den Orinoco, verbinden würde. Man müsse selbst sehr genau sein, damit einem die Unordnung nichts anhaben könne. Und so scheut sich Humboldt auch nicht, seinen Finger in einen Topf „curare“ (das indianische Pfeilgift) zu tauchen und ihn abzuschlecken. Denn Humboldt weiß, dass es nur dann gefährlich ist, wenn es in die Blutbahn kommt. Der bekennende Humanist befreit auch drei Sklaven, die ihn dafür anspucken, denn was sollten sie mit ihrer Freiheit schon anfangen? Wer sollte sie ernähren? Humboldt schiffte nicht nur den Orinoko, sondern bestiegt auch den Chimborazo, der damals – vor der Entdeckung des Himalaya-Massivs - als der höchste Berg der Welt galt. „Wer weit reise, erfahre viele Dinge. Ein paar davon über sich selbst.“, so die Philosophie seines französischen Begleiters Bonpland. Er habe keine anderen Geheimnisse, als die so offen liegenden Wahrheiten der Schöpfung, meint Humboldt.

Gauß: Das Meer ist schon zu weit
Der Raum biege und die Zeit dehne sich, so der zweite Protagonist von Kehlmanns Roman, Carl Friedrich Gauß. Der trockene Mathematiker sorgt für viel Slapstick im Roman, etwa als Humboldt mit ihm seinen Sohn befreien will. Oder das Gespräch zwischen Humboldt und einem Lama, der alles von Humboldt Gesagte als Botschaft wertete, obwohl es keine gab, auch hier gibt es für den aufmerksamen Leser was zu lachen. Das Meer müsse man doch gesehen habe, fordert Kollege und Lehrer Bessel Gauß zu einer Spazierfahrt auf, doch dieser erwidert nur: „Müsse man? Wo steht das geschrieben?“ Als ihm vom Gähnen am Meer, die Tränen über die Wangen liefen, schrie Bessel gegen den Wind an: „Nicht wahr! Es ist bewegend!“ Gauß meinte, dann könne man jetzt ja umkehren. Gauß war schon das Meer zu weit, reisen hasste er. Aber wer glaubt, es habe sich bei ihm um einen prüden Menschen gehandelt, der irrt. Er heiratete zwar, aber unterhielt eine Prostituierte, die er mehr liebte als seine Frau und deren Sprache er sogar lernen wollte. Auch Goethe kommt bei Kehlmann zu Ehren, wenn auch nur indirekt zitiert, deswegen hier in voller Länge sein Wanderers Nachtlied: „Über allen Gipfeln/Ist Ruh,/In allen Wipfeln/Spürest du/Kaum einen Hauch;/Die Vögelein schweigen im Walde./Warte nur, balde/Ruhest du auch.“ Wohl eher eine Hommage auf Homboldt als auf Gauß.

„Als könnte man vor sich selbst davonlaufen“
Die Geschichte von Gauß und Humboldt, die von Kehlmann bis zu ihrer Begegnung 1828 parallel erzählt wird, läuft auf eine Zuspitzung hinaus: der eine hedonistischer Mathematiker, der andere asketischer Naturforscher, Kartograph, Geograph. Nach ihrer Begegnung trennen sie sich wieder, der eine, um in Russland seine Vermessungen fortzusetzen, der andere, um sein Russisch wegen einer russischen Prostituierten aufzupolieren. Beide Männer gelten als Leuchttürme ihrer Zeit, und doch sind sie beide unglücklich bis zu ihrem einsamen Tod gewesen, der eine in Braunschweig, der andere auf seinen Reisen durch die Welt. Doch auch ihr selbsternannter Biograph Kehlmann, der sicherlich einiges hinzuerfand, vermag nicht wirklich zu sagen, wer der unglücklichere von beiden gewesen sein mag. Dieser Mann sei beeindruckend, meint Gauß an einer Stelle über Humboldt, aber es wäre doch unsinnig, die Wahrheit irgendwo und nicht „hier“ zu suchen. „Als könnte man vor sich selbst davonlaufen“, so Gauß. Doch Humboldt sieht im Reisen vor allem einen Weg, nämlich der Langeweile zuhause zu entkommen, denn dort habe er alles: Schloss und Hof, Hab und Gut. Zweifel darüber äußert auch Humboldt selbst, wenn er nach seiner langen Reise nach Russland ins verhasste Berlin zurückkehrt und an Gauß denkt, wie er eben jetzt wohl durch sein Teleskop auf Himmelskörper blicke und Humboldt sich fragt, wer von ihnen wohl weiter herumgekommen war und wer immer zu Hause geblieben.

Daniel Kehlmann
Die Vermessung der Welt
Rowohlt 2013

[*] Diese Rezension schrieb: Jürgen Weber (2013-01-05)

Hinweis: Diese Rezension spiegelt die Meinung ihres Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung von versalia.de übereinstimmen.



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