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Rezensionen


 
Daniel Kehlmann - Ruhm
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Kehlmann, Daniel:
Ruhm

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(Bücher frei Haus)

Oft sind die lobenden Worte aus den Klappentexten, genau die, wegen denen man das Buch gekauft hat, auch schon die gewesen, die einen hätten warnen können. Für Daniel Kehlmann lautet die meist gebrauchte Einschätzung: „intelligent“. Auf dem Umschlag und auf Seite 4 dieses Taschenbuchs liest es sich so: FAZ: „... ein Buch von funkelnder Intelligenz“, Welt: „... raffiniertes literarisches Bravourstück“, DLR: „... ein hochintelligentes Buch und zugleich ein Lesevergnügen“, Rowohlt Verlag: „... tiefgründig und elegant erzählt“, Weltwoche: „... hat mit seinem neuen Roman Weltliteratur geschaffen“, NZZ: „Er scheint alles zu können“, NZZ am Sonntag: „... brillant“. Wie oft in solchen Fällen stimmt das beinah alles, aber am Ende wird man damit weniger glücklich, als man sich erhofft hatte.

Daniel Kehlmann, ein Alleskönner, der die Selbstironie auch beherrscht, lässt sein Alter Ego, den Schriftsteller Leo Richter, dies so beschreiben: „... der Autor vertrackter Kurzgeschichten voller Spiegelungen und unerwarteter Volten von einer leicht sterilen Brillanz.“ „Ruhm“ ist ein Roman „aus Kurzgeschichten“.

Daniel Kehlmann hat vor allem anderen immer schon seine Baupläne für die effektvolle Storymechanik im Kopf, um diese herum „windet“ er im nächsten Arbeitsschritt noch eine Welt und Wirklichkeit wie das Fleisch um einen stählernen Roboterarm: Ort, Zeit, Wetter: Umleitung eines Zürich-Fluges nach Basel, Nebel, Schnellzug nach Zürich braust in diesen hinein.

Kehlmanns Welterfahrung wirkt oft „vermittelt“, sekundär. Wie bei einem Bücherwurm aus der Bibliothek der abendländischen Geistesgeschichte, der ahnt, dass man heute eher im Internet bloggt als Kant im Original zu lesen. Er ist fleißig, er schafft sich das drauf: Sprachduktus eines kontaktgestörten Promi-Bloggers, im Netz mehr lebendig als zusammen mit Menschen aus Fleisch und Blut. Die Figur ist da, weil Kehlmann sie für einen Einfall benötigt, den es vorzuzeigen gilt, nicht, weil sie jemand wäre, den er persönlich gekannt hat.

Der leitende Angestellte eines Telekom-Unternehmens versucht, parallel zwei Leben mit zwei Frauen zu führen. Bald sieht er sich einem so massiven Beschuss böser Zufälle ausgesetzt, dass er sein Leben nur noch als Fegefeuer zu begreifen vermag, das komplette Auffliegen aller Tricks innerlich schon vorweggenommen hat. Kehlmanns Einfall für die alte Geschichte von einem ertappten Lügner: Wo sowieso jeder Leser weiß, wie so was ausgehen wird, könnte es die Figur auch gleich wissen. Es klopft an der Tür des Stelldichein-Hotelzimmers, der nackte Protagonist beschließt, die Waffen zu strecken: Draußen kann ja doch keiner sonst als die betrogene Frau stehen. Aber genau an dieser Stelle, bevor irgendwer erfährt, wer da geklopft hat, bricht die Erzählung ab.

Eine krebskranke, betagte Dame fliegt nach Zürich, um sich euthanasieren zu lassen. Unterwegs merkt sie, dass sie weiterleben möchte, koste es, was es wolle. Weil sie in einer Geschichte (des Autors Leo Richter) steckt, bittet sie den Schreibenden, das Ende doch noch abzuändern. Nach einigem Widerstand gibt er nach und lässt die Protagonistin am Leben. Bloß hilft das nichts. Eine Figur kann über das Ende ihres Textes hinaus nicht wirklich weiter, sie ist eine Figur.

Auch der Promi-jagende Blogger trifft auf Leo Richter, will aber gerade das Gegenteil: Figur in einem von Richters Texten werden, damit sein schattenhaftes Leben an Realität gewinnt. Doch dann gerät sein Alkoholkonsum außer Kontrolle und am Ende ist Richters Hotelzimmer verwüstet. Der Blogger kann es nicht fassen, so eine Chance und dann nichts geschafft, in keine Geschichte reingekommen! Aber, stimmt ja nicht, genau das war ja seine Geschichte. Wir haben sie gelesen. Der Betrunkene war in ihr.

Eine neue Freundin hat Richter auch. Auf einer Lesereise durch Südamerika setzt er ihr mit seinen kleinen Eitelkeiten und seiner großen Flugangst zu. Dabei hat Elisabeth, eine Ärztin, die sich ausbedungen hatte, auf keinen Fall in einem der Bücher des Berühmten erwähnt zu werden, selbst unter Horrorfantasien zu leiden, seit sie weiß, dass sich ihre Kollegen bei „Ärzte ohne Grenzen“ durch einen Bürgerkrieg schlagen müssen. Mit einem Mal erkennt Leo Richter, dass Menschenleben mehr wiegen als seine literarische Karriere. Er bricht die Tournee ab, fliegt mit Elisabeth hinüber ins Herz Afrikas und entwickelt binnen kürzester Zeit enorme Führungsqualitäten. Das gibt’s doch nicht, denkt Elisabeth. Stimmt, es gibt so was nur in einem Buch des Autors Leo Richter und sie befindet sich mittlerweile in eben diesem. Merkt aber auch, dass Richter nicht gewillt ist, ihr darin die Heldenrolle zu überlassen.

Wir schauen in einen Spiegel, sehen kein Gesicht, sondern einen Kopf von schräg hinten. Vor dem Kopf ist wieder ein Spiegel und in dem Spiegel ein Kopf, auch wieder von hinten. Diese, irgendwie altmodische Grundunsicherheit beim Erkennen von Wirklichkeit, ob sie tatsächlich real oder eher „sich vorgemacht“ ist, von Buch zu Buch treibt das Daniel Kehlmann um. Dass er für einen vergnüglichen Massenunterhalter mit dem noblen Air der klassischen Bildung gehalten wurde, von Millionen Lesern weltweit - bisher aber nur mit einem einzigen Buch -, kommt nicht nur ihm wie ein Versehen vor, hat aber die Verkaufszahlen fast schon eines Paulo Coelho gebracht. Unter dem Namen Miguel Auristos Blancos hat Kehlmann aus dem populären Brasilianer einen Running Gag von „Ruhm“ gemacht. Wo immer man hinkommt, dessen Bücher sind dort ein Hit. Aber nur Scharlatanerie. Und schlimmer noch: Er selbst sieht das so.

Zitat:

Sie sank auf das Bett. Sie war mit Carl, Henri und Paul im Jahr davor in Somalia gewesen. Am letzten Tag hatte Carl ihr gesagt, daß er das nicht mehr lange machen würde, seine Nerven hielten es nicht mehr aus, und gut für die Seele sei es auch nicht. Was tat man den dreien jetzt gerade an, in was für einem lichtlosen Zimmer, unerreichbar für alles, was in der Welt vernünftig war? Sie lag reglos da, und unversehens hatte sie sich in ein Gespräch mit vier Polizisten verfangen, die auf irgendeine Weise zu ein und derselben Person verschmolzen, der sie keine falsche Antwort geben durfte, obwohl sie nach Details aus ihrer Kindheit fragte und ihr sehr schwere Rechenaufgaben stellte, denn für jede falsche Antwort mußte jemand sterben. Eine Hand legte sich auf ihre Schulter, mit einem Schrei fuhr sie hoch.


[*] Diese Rezension schrieb: Klaus Mattes (2015-01-07)

Hinweis: Diese Rezension spiegelt die Meinung ihres Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung von versalia.de übereinstimmen.



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