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Daniel Kehlmann - Unter der Sonne
Buchinformation
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Kehlmann, Daniel:
Unter der Sonne

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(Bücher frei Haus)

Stellen wir uns - zu Kehlmanns Ehrenrettung - Folgendes vor: Kein Verlag möchte einen jungen Autor dem Publikum als Erstes mit einem Geschichtenband präsentieren, aber mit Kurzgeschichten fangen viele Autoren ihr Schreiben ja an. Vielleicht auch Daniel Kehlmann, den ein Wiener Verlag schon 1997 mit einem Roman, „Beerholms Vorstellung“, vorgestellt hatte, von dem dieser Storyband dann das zweite Buch gewesen ist.

Man muss heute vor diesem, damals komplett untergegangenen Werk ernstlich warnen: Kauft es nicht, lest es nicht! Nicht mal, dass es schlecht geschrieben wäre, es ist schon okay. Aber: weil es durchweg langweilt. Ein Anfänger-Autor probiert sich aus; wir müssen da nicht unbedingt dabei sein.

„Unter der Sonne“ lässt sich nirgendwo in der realen Welt zeitlich, sozial und dem Schauplatz nach verorten. „Unter der Sonne“ hat niemals Figuren - im Sinne von: mehrere Figuren, zwischen denen sich was abspielt. „Unter der Sonne“ hat von Text zu Text immer wieder den isolierten Protagonisten, in dessen zermartertem Hirn der Faden der Erzählung abrollt. Es ist das Werk eines literarischen Wunderkindes ohne Bindung an irgendwas - außer die eigenen Lektüreerfahrungen und die eigene Gewitztheit. Traurig, eitel und einsam.

Ein junger Mann findet ein Millionen-Guthaben auf seinem Girokonto, offenbar ein Fehler in der Software der Bank. Er fantasiert sich in eine abenteuerliche Bankräuberflucht hinein, die ihn um die halbe Welt führt.

Die Langeweile und Einsamkeit eines sommerlichen Sonntagnachmittags bringt einen Jungen dazu, einen Stein von der Autobahnbrücke auf die fahrenden Autos zu schleudern. Die Sache endet zwar glimpflich, doch die erwachte Mordlust wendet sich als Nächstes dem eigenen Hund zu.

Ein Literaturwissenschaftler reist nach Frankreich, um sich das bisher nirgendwo vorhandene Foto vom Grabstein eines berühmten Autors zu besorgen. Dieser jedoch, offenbar über seinen Tod hinaus dem Germanisten keineswegs zugetan, will dieses Foto verhindern und treibt den Deutschen in einen Zug, der ihn ins völlig Abwegige führen wird.

Ein einfacher Mensch, nicht eben gebildet, entdeckt als Hobby die Philosophie, beim Anhören einschlägiger Vorträge im Radio. Dann aber widersprechen sich deren Aussagen und am Ende sitzt er, völlig irre geworden, in einer Heilanstalt.

Ein zuvorkommender Elektriker richtet das Wort direkt an den Leser und erklärt uns, wie er die Wohnungen von Kunden ausspioniert, wie er sich Zugang verschafft in deren Abwesenheit und Brandsätze installiert. (Immer wieder diese Bösartigkeit und Zerstörungslust in den Texten des Wieners Kehlmann!)

Und zuletzt dann: Eine lange und zermürbende Bürobesprechung kommt an ihr Ende, als vor den Fenstern eine Schneekatastrophe sich ankündigt. Dennoch bricht der gestresste Herr Lessing zur Heimfahrt auf. Diese stellt sich als eine ins absolute Weiß heraus, in die friedliche Totalauslöschung einer Existenz.

Gewisse Anfängerschwächen könnten wir dem jungen Kehlmann schon noch vergeben. Dass er uns in der Bankgeschichte nicht nur den Protagonisten und auch nicht nur dessen Bankbetreuerin vorstellt, sondern auch noch - und zwar namentlich und mit Angabe verschiedener Lebensumstände - deren Freund, obwohl der mit dem dann folgenden Text nicht das Geringste zu tun haben wird. Dass in der Schnee-Geschichte eine völlig leere, eben im Wegfahren begriffene Straßenbahn plötzlich doch noch stoppt und die Tür sich auftut, nachdem man außer Atem an den hinteren (!) Wagen geschlagen hat. Dass sämtliche in dieser Schneegeschichte vorkommenden Figuren über zweisilbige Namen (wie Kehlmann) verfügen: Lessing, Perske, Köhler, Hansen, Mühlheim, Berger.

Kopfschüttelnd nehmen wir zur Kenntnis, dass der allein in seiner Wohnung verkommende, arbeitsunfähig gewordene Philosophiefunkhörer von einer Mitarbeiterin des Sozialamtes (!) persönlich aufgesucht (!) wird, nachdem die Kassiererin im Supermarkt, bei der er oft hatte anschreiben lassen (!), ihn sehr lange nicht mehr gesehen hatte, deshalb als Allererstes das Sozialamt (!) um Unterstützung gebeten hat.

All diese kleinen Schwächen geben einem jedoch nicht den Begriff von der einen großen Schwäche dieses Buchs: Indem es in keiner der Geschichten eine Handlung im Sinne von Aktion und Reaktion gibt, sondern überall das Durchbrennen der Sicherungen in einer einzigen Figur, indem es darum auch keine wörtliche Rede zwischen unterschiedlichen Charakteren geben kann, indem jedes Mal von Neuem das Sich-Auflösen eines Bewusstseins in eine Art Bild oder Phantasie hinein gestaltet wird, legt sich das bleierne Netz der Langeweile auf dieses Buch.

Hier kommen der letzte Absatz von „Unter der Sonne“:

Zitat:

Es gab keine Menschen mehr. Sie wurden alle vernichtet, eine kalte Apokalypse fegte über den Planeten, und nur er, Lessing, durch einen sinnlosen Zufall, war noch da. Aus toten Häusern floß elektrisches Licht in eine leere Welt. Morgen früh, am Ende der Nacht, würde die Sonne aufgehen in makellosem Glanz.


[*] Diese Rezension schrieb: Klaus Mattes (2015-03-13)

Hinweis: Diese Rezension spiegelt die Meinung ihres Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung von versalia.de übereinstimmen.



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