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Doris Knecht - Gruber geht
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Knecht, Doris - Gruber geht bestellen
Knecht, Doris:
Gruber geht

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(Bücher frei Haus)

„Sich etwas nicht vorstellen zu können, ist nun eben einmal nicht Grunds (sic!) genug, um davon verschont zu bleiben.“, resümiert Gruber an einer Stelle des vorliegenden Romans und dabei denkt er gar nicht an seinen Tumor, sondern an etwas ganz anderes, das hier nicht schon eingangs verraten werden soll. Die Knecht hat mit „Gruber“ einen neuen Typ Antiheld geschaffen, einer der uns wahrscheinlich noch längere Jahre begleiten wird, wie die österreichische Autorin unlängst in einem Interview angekündigt, ja gedroht hat. Mit dem größten Vergnügen, Frau Knecht! Eigentlich ist er nämlich gar nicht so unsympathisch, der Gruber, am Ende des Buches hat man ihn sogar fast schon ein bisschen lieb gewonnen. Immerhin ist er ein alter Rebell, er hasst Spießer und schimpft gerne über die Schweizer. Aber seine Schattenseiten sind auch nicht so ohne: er fährt einen Porsche, arbeitet als Immobilienheini, wechselt die Frauen schneller als die Hemden, die noch dazu mit seinen Initialen bestickt sind: JFG! Die Anspielung an einen österreichischen Ex-Politiker ist wohl wenn nicht erwünscht, so doch zumindest nicht ausgeschlossen. Dennoch kommt der Gruber aber sympathisch rüber: „Johnny (also JFG, JRW) will die Katastrophe. (…) Johnny zeigt so lang auf die Risse und Absplitterung der Idylle, bis es den anderen schließlich nicht mehr gelingt, sie zu übersehen. Johnny sorgt dafür, dass es bricht, er ist die Sollbruchstelle jeder Idylle, und das ist er mit großem, fast moralischem Eifer.“ Und so ein Mann soll Krebs bekommen? Ein Antiheld sein?

Doch-nicht-Happy-End-Doch!
Gruber echauffiert sich gerne über die anderen, die alles falsch machen, die Schweizer, die Spießer, die Ärzte („für unattraktive Leute, die sonst keine Beachtung finden“). Aber man kenne das ja aus der Psychologie, dass „Menschen oft genau die Menschen scheuen, die ihnen in der größten Not geholfen haben. Weil sie an diese Not nicht erinnert werden wollen, weil sie die Momente der Niederlage verdrängen wollen, verdrängen sie auch diejenigen, die davon wussten und die sie gesehen haben, in diesem schwachen, unglücklichen Moment.“ Und so geht Gruber zuerst auch seiner Sarah aus dem Weg, die nach nur einem Mal „kurz nicht aufpassen“ schon ein Kind von ihm erwartet. Gruber wird durch den Krebs nur verwundbar, doch durch Sarah zu einem anderen Menschen, einem, der wieder etwas positiver in die Welt hineinschaut. Das sei aber nicht der Krebs, sondern die Liebe, die das bewirke, betont die Knecht, die sich mit ihrem „Doch-nicht-Happy-End-doch!“ sichtlich schwer getan hat. Jedenfalls fällt das aus dem Weg gehen dem Gruber anfangs sehr leicht, denn Sarah ist DJane in Berlin und er arbeitet in Zürich und lebt/stirbt bald nur mehr in Wien, wo er seine Chemo macht.

Sich radikal ändern kraft der Liebe?
Charaktere kann die Knecht besonders gut schildern und da muss man sich nicht nur die beiden Protagonisten anschauen. Da ist etwa die Geschichte mit den Schraubverschlüssen, die der Sarah immer dann runterfallen, wenn sie nervös ist. Oder Grubers Monolog mit dem Sofa und den Kochtöpfen. Es gibt aber auch Kathi Gruber, die Schwester, mit ihren drei Kindern und ihrem Mann Tom, den der Gruber „Spießer“ nennt, Philipp Grubers bester Freund, Grubers Mutter, diverse Frauen mit und ohne Namen aus der Vergangenheit Grubers, aber auch Ruth, die beste Freundin von Sarah, eine Frauenärztin, die immer dann Schluss macht, wenn es ihr zu nahe geht. Daneben, davor, währenddessen wird gegen Kinderkriegen, Suppe kochen, italienische Designersofas und Flokatis gebasht, dass es nur so scheppert, denn die Erzählweise der Knecht ist so flott und rasant, dass man dabei glatt auf den Plot vergisst. Denn der ist eigentlich nur Nebensache, das Wichtigste ist doch, dass sich ein Mensch kraft der Liebe eines anderen - wenn nicht radikal so doch zumindest ein kleines bisschen - ändern kann. Aber glaubt die Knecht dann auch noch an den Osterhasen?

Verblüffend authentisches Repertoire an neuen Ausdrücken
Die Innensicht der Hauptfigur wird übrigens in der dritten Person erzählt, die Wahrnehmungen der Nebenfiguren dagegen aus der Ich-Perspektive. Das ist ein raffinierter dramaturgischer Trick, der genauso zur Romanlänge beiträgt, wie die unnötigen Facebook und SMS s, aber da wird wohl der Verlag an die Zielgruppe gedacht haben und nicht unbedingt die Autorin. Diese verfügt nämlich über ein verblüffend authentisches Repertoire an Ausdrücken, etwa wenn morgens „die Stadt ihre Betriebstemperatur noch nicht erreicht hat“. Ihrer liebsten Vokabel - als quasi Superlativ – gebührt wohl tatsächlich ein Platz 1: „lässig“, damit werden sich wohl nicht nur die Ostösterreicher schwer tun. Ein Wiener ist natürlich charmant, „aber im Prinzip unzurechnungsfähig“, fügt die Knecht dem gängigen Klischee keck hinzu. Dann gibt es aber auch die verbal pubertierenden Kraftausdrücke, wovon der Text geradezu strotzt, die vor allem auf eine Störung in der analen Phase schließen lassen könnten, beim Gruber natürlich, nicht bei der Autorin. Oder die Ausdrücke „Antipasti häufeln“, „Playmobil-Nachbau“. „Yvonne`s final kontaminiertes amouröses System“, „Siechenbonus“, „antranspiriert werden“, „faktische Entgruberung“ (Gruber vor dem Spiegel) oder: „die Scheißgasse, durch die er eh schon watet bis Oberkante Unterlippe“. Originell, originell und wenn nicht echt, so doch gut erfunden!

Wien: Berlin, 2:1
Zumindest göttlich ist übrigens auch wie die Knecht Wien gegen Berlin ausspielt: die Wiener seien so luxusverwöhnt, dass sie von Tischen äßen, die Berliner platzierten ihre Sandwiches und Getränke auf dem Boden oder der Bank neben sich, Tische wären wohl etwas zu elaboriertes. „Wie weit sich die Leute erniedrigen, nur um lieb und lässig zu wirken“, lästert Gruber als ein Gast in einer Berliner Kneipe die Scherben seines umgestoßenen Kaffeeglases selbst wegräumt. Oder Grubers Monolog über die jüngeren Berliner Mütter, einfach köstlich! Also eigentlich sind Bootlegs ja etwas, das man gar nicht veröffentlicht, weil es sich ja um illegales Material dreht. Auch Prosciutto schreibt man eigentlich mit „s“, aber bitte. Oder Theatro statt teatro. Aber davon abgesehen ist „Gruber geht“ nicht nur ein gelungener Debütroman einer ansonsten eher unaufgeregten Familienthemenkolumnistin, sondern auch eine ausgezeichnete Milieustudie, wie die Bobos heute so leben, was ihre Feindbilder sind und wohl auch, was sie insgeheim an ihnen bewundern und nie gewagt hätten zuzugeben und wohl auch was Frauen an einem Mann wie Gruber so fasziniert.

Doris Knecht
Gruber geht
Rowohlt Berlin

[*] Diese Rezension schrieb: Jürgen Weber (2011-04-20)

Hinweis: Diese Rezension spiegelt die Meinung ihres Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung von versalia.de übereinstimmen.



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