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Milan Kundera - Die Kunst des Romans
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Kundera, Milan - Die Kunst des Romans bestellen
Kundera, Milan:
Die Kunst des Romans

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(Bücher frei Haus)

1986 in Frankreich herausgekommen, als Nachklapp zu seinem Welterfolg „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“, für die Münchner Neuauflage (2007 bei Hanser) vom Autor extra noch einmal durchgesehen und leicht verändert, versammelt der Band die Essays Milan Kunderas zu seinem Selbstverständnis als mitteleuropäischer Romankünstler. Als, sagt er, wissentlich einer der Letzten dieser an ihr Ende kommenden Kette großartiger Künstler. Die Tragik Europas, sagt er, sei es gewesen, zu wenig auf die europäischen Romanmeisterwerke gehört zu haben. Nicht auf die Schriftsteller, sagt er, immer hätten Romane nämlich intelligenter zu sein als deren Schöpfer. Ein Romancier, der intelligenter sei als sein Buch, habe den Beruf verfehlt.

Dass, wenn große Autoren sich über die Werke der allergrößten auslassen, eigentlich am laufenden Band Selbstkommentare herauskommen, ist fast schon Binsenweisheit, doch grenzt es bei diesem Buch an Etikettenschwindel, es als „Einführung in den abendländischen Roman“ anzubieten. Keineswegs versorgt uns der Böhme mit seiner persönlichen Einführung in die europäische Literatur, vielmehr geht es im Kern stets darum, was ihn beim Konzipieren der eigenen Romane (namentlich bei „Das Leben ist anderswo“, „Das Buch der lächerlichen Liebe“, „Die unerträgliches Leichtigkeit“) künstlerisch angetrieben hatte. Somit ist dieses - sehr gescheite und erhellende - Buch nur für denjenigen zu empfehlen, der Kunderas Hauptwerke vorher schon gründlich in sich aufgenommen hat.

Obwohl von Anfang an für eine Herausgabe als „Essay“ (die Gattungsbezeichnung des Buchs) vorherbestimmt, handelt es sich immer noch um eher „Verstreutes“ aus diversen, von einander unabhängigen Entstehungszusammenhängen. Da sind die zwei Gespräche mit Christian Salmon über die Kunst des Romans, so stringent entfaltet, dass wir schnell merken, um unverbindliches, freies Daherplaudern handelt es sich mitnichten, sondern um in wechselseitiger Arbeit komponierte Großessays. Bei Milan Kundera geht es natürlich nie einfach nur ums Denken, sondern eben auch ums besonders elegante, schöne, ums „funkelnde“ Denken. Als intellektueller Denk-Performer und Artist stellt es sich selbst in die Nachfolge des französischen Rokokos. Der Name Diderot steht dafür ein.

Abgeschlossen wird das Buch mit der „Jerusalemer Rede“, in der Kundera sich beim Volk Israel nicht etwa für dessen Überlebenwille und Festhalten am alten Glauben bedankt, sondern fürs große europäische Kulturerbe, das von keinem anderen Volk so respektiert und gepflegt worden sei wie von den Juden.

Für eingeschworene Kundera-Fans dann jedoch am allervergnüglichsten: Kunderas als ABC gegliederte Einführung in sein Denken, die er für seine Übersetzer angelegt hatte.

Auf keinen Fall darf man sich unter „Die Kunst des Romans“ einen „Romanführer“ vorstellen. Kundera kommt auf seine Landsleute Jaroslav Hašek, Bohumil Hrabal, Josef Škvorecký, Ivan Klíma zum Bespiel fast mit keinem Wort, dafür immer wieder auf diese zwei Handvoll großer Meister zu sprechen: Cervantes, Sterne, Diderot, Goethe, Flaubert, Proust, Kafka, Joyce, Musil, Faulkner. Interessant, dass ausgerechnet der wenig bekannte Österreicher Hermann Broch ihn mit seinen „Schlafwandlern“ am tiefsten beeinflusst zu haben scheint. Dessen Name fällt nun auch im „Kitsch“-Paragraf des Kundera-Lexikons.

Zitat:

Da das 19. Jahrhundert in Deutschland und in Zentraleuropa viel romantischer (und viel weniger realistisch) war als anderswo, hat sich der Kitsch dort maßlos ausgebreitet; dort ist das Wort Kitsch auch entstanden, ist es noch immer geläufig. Für uns in Prag war der Kitsch der Hauptfeind der Kunst. Nicht so in Frankreich. Hier wird der wahren Kunst die Unterhaltung entgegengesetzt. Großer Kunst die leichte, die Kleinkunst. Aber was mich angeht, mir sind Agatha Christies Kriminalromane nie auf die Nerven gegangen! Dagegen Tschaikowski, Rachmaninow, Horowitz am Klavier, die großen Hollywoodfilme, „Kramer gegen Kramer“, „Doktor Schiwago“ (o armer Pasternak!), das hasse ich zutiefst, aufrichtig. Und mich reizt zunehmend der Geist des Kitschs in den Werken, die formal modernistisch sein wollen.


[*] Diese Rezension schrieb: Klaus Mattes (2014-10-12)

Hinweis: Diese Rezension spiegelt die Meinung ihres Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung von versalia.de übereinstimmen.



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