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Annie Leibovitz - At Work
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Leibovitz, Annie:
At Work

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(Bücher frei Haus)

„Desire is hunger is the fire I breathe“, heißt es in einer Textzeile der von Annie Leibovitz porträtierten Patti Smith. Im Hintergrund lodert ein Benzinfeuer, das die Sängerin zu versengen droht und doch steht sie es – schweißgebadet – durch, bis der richtige Shot gelingt und uns aus dem Bild die Patti Smith anschaut, die sie selbst noch nicht kannte. Vielleicht ist es dieses kleine Geheimnis, das uns die Fotokunst von Annie Leibovitz entschlüsseln lässt, dass es ihr gelingt, die Porträtierten etwas von sich preisgeben zu lassen, das ihnen selbst an sich sogar noch unbekannt erscheint. Auch als die Fotografin Patti Smith ein zweites Mal, runde 20 Jahre später porträtiert, scheint dasselbe gewisse Etwas aus dem Bild hervorzuragen. Trotz der erlittenen Schicksalsschläge (Mann und Bruder gestorben) lodert dasselbe Feuer in der um Jahre gealterten Rocksängerin, ganz ohne Benzinfässer im Hintergrund auch in mattem Schwarz/Weiß. „Im Grunde sind beide Bilder ein und dasselbe Bild. Patti war ja auch derselbe Mensch“, schreibt Annie Leibovitz in ihren Begleitworten und tatsächlich kann man dieses Feuer dieser Tage auch in Österreich noch bewundern, wo sich Patti Smith gerade auf Tournee befindet.

Gerne wurde die Künstlerin Annie Leibovitz auch als „Haus- und Hoffotografin der Rolling Stones“ betitelt und tatsächlich erinnert man sich an die Bilder von Keith Richards, der im Drogenrausch sein eigenes Hotelzimmer nicht mehr findet oder den Snapshot vom „Jumpin Jack Flash“-Jagger auf einem legendären Konzertfoto im Philadelphia der Siebziger. Mick Jagger, dünn wie ein Junkie und dennoch muskulös und sehnig, trägt Lidschatten, verzehrt wie der „Devil“ persönlich oder lümmelt auf einem Sofa, mit seiner Löwenmähne in Pose, herum. Viele kennen auch das Foto von Jagger im Bademantel mit Handtuch-Turban, ein Foto, das ihn bereits deutlich gealtert zeigt, 1975 in Buffalo, Bundesstaat New York, in einem Fahrstuhl, dessen Oberlicht seine Lider noch schwärzer und düsterer erscheinen lassen. „Ätherisch wie ein Schmetterling“ nennt ihn die Fotografin auf diesem Bild. Annie Leibovitz schreibt über ihre Tournee mit den Rolling Stones, dass es das Schwierigste gewesen sei, „auf Gedeih und Verderb den Beleuchtern ausgeliefert zu sein, die meist auf Drogen waren“. Noch nie in ihrem Leben sei sie so von etwas mitgerissen worden. „Eine Rock-Tournee hat nichts Natürliches an sich. Man bewegt sich viel zu schnell durch Zeit und Raum. Es ist eine extreme Erfahrung. Zuerst kommt die Wucht des Auftritts, darauf folgen Isolation und Einsamkeit.“ Die „verlorenen Buben“ betreten wie junge Götter den Raum und etwas von diesem Glanz und Ruhm fiel auch auf sie herab, glücklicherweise habe sie ihre Kamera aber vor zu viel Macht beschützt. Sie stand zwischen ihnen.

Andere Porträts in vorliegender Werkschau zeigen auch Schauspieler, die von Annie Leibovitz in Szene gesetzt wurden. Interessant sind auch ihre Kommentare zu dieser Spezies Mensch zu lesen: Schauspieler würden gerne Rollen spielen, um von sich wegzukommen, von einer Fotografie fühlten sie sich aber in die Ecke gedrängt. „Ihre Persönlichkeit zu projizieren, gehört für sie nicht zu ihrer Arbeit. Fotografiert zu werden, bedeutet für sie implizit verkauft zu werden.“ Die meisten Schauspieler hätten ihren Beruf ergriffen, um von sich selbst wegzukommen. Als Fotomodelle seien sie deswegen denkbar unbrauchbar, auch wenn man zugeben muss, dass eine nur mit einem schwarzen Rollkragenpullover bekleidete Nicole Kidman oder ein nur mit einer schwarzen Hose bekleideter Johnny Depp, beide auf einem Bett ausgestreckt, durchaus eine Art von Poesie verbreiten. Aber das liegt wohl mehr an der Fotografin, als am Modell. Als dankbarstes Modell bezeichnet Annie Leibovitz übrigens den amerikanischen Schriftsteller William S. Burroughs, der 81-jährig von ihr in Kansas „gestellt“ wurde. Seine stoische Gelassenheit und seine Bereitschaft sich fotografieren zu lassen, ließen einige Porträts entstehen, die den Stachel im Fleisch jeden Betrachters anregen.

Neben den Texten und Fotos von Annie Leibovitz befindet sich im Anhang noch ein Interview mit der Künstlerin mit den zehn meistgestellten Fragen an sie. Außerdem erzählt eine kleine „Veröffentlichungsgeschichte“ den chronologischen Verlauf ihres Erfolgs anhand kleiner Faksimiles von Titelblättern und ähnlichem. Eine Chronologie der Fotografin, die übrigens in Connecticut als dritte von sechs Kindern geboren wurde, rundet dieses wunderbare persönliche Buch über Annie Leibovitz wohltuend ab. Weitere Fotos und die dazugehörigen Entstehungsgeschichten von der Fotografin, auf Grundlage eines Interviews mit Sharon DeLano erzählt, finden Sie auch zu: Arnold Schwarzenegger (einmal sogar nackt!), Queen Elizabeth II., O.J. Simpson, Demi Moore, John und Yoko, Al Sharpton und vielen mehr.

Annie Leibovitz
At Work
Mit Texten und Fotografien von Annie Leibovitz

2009
Schirmer/Mosel Verlag
240 Seiten 120 Duotone und Farbabbildungen, 96 farbige Illustrationen
ISBN: 978-3-8296-0382-9
46,00.-€

[*] Diese Rezension schrieb: Jürgen Weber (2009-07-18)

Hinweis: Diese Rezension spiegelt die Meinung ihres Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung von versalia.de übereinstimmen.



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