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Jonathan Lethem - Der Garten der Dissidenten
Buchinformation
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Lethem , Jonathan:
Der Garten der
Dissidenten

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(Bücher frei Haus)

Wie viel eigene Geschichte in Jonathan Lethems neuem Roman steckt, kann eigentlich schon an der Detailliertheit seiner Erzählung ermessen werden. Anscheinend hatte der Autor tatsächlich einen deutschen Großvater und eine kommunistische Großmutter und so arbeitet er mit „Der Garten der Dissidenten“ auch ein Stück eigene Familiengeschichte auf. Drei Generationen linker Gegenkultur werden in Lethems neuntem Roman porträtiert und sie sind noch dazu alle verwandt miteinander: die Kommunistin Rose, die das Ende ihrer Utopien im Altersheim erlebt, ihre Tochter Miriam, deren 68er-Esoterik sie nicht vor einem frühen Tod bewahren kann und der Quasi-Enkel Cicero, der sein Schwul-sein noch ausleben kann, bevor die Große Krankheit alles zerstört. Und dann gibt es da noch die Occupy-Bewegung, die versucht, jene Früchte zu ernten, die die Generation vor ihnen einst aussäte. Aber auch das, was die 68er da zum Blühen bringen wollten, muss nicht immer positiv bewertet werden, ganz und gar nicht. Genausowenig Rose’s Mann, der in der DDR sein Heil sucht und Dresden neben Nagasaki und Hiroshima stellt. „Der Garten der Dissidenten“ ist sicherlich einer der ersten Romane, der sich um eine Historisierung des Kalten Krieges als ganz eigene Epoche bemüht.
Die Nervensäge aus unserm Viertel
„Die Sechziger bilden einen Algenteppich, durch den sie alle hindurchpflügten und nach Öffnungen suchten, um auftauchen und frei atmen zu können“, schiebt Lethem seinem Protagonisten Sergius (der leibliche Enkel von Rose) als Gedanke in den Kopf und es ist klar, was damit gemeint ist: Die selbsterklärten Befreier werden bald selbst zu einer Altlast und sollten schleunigst entsorgt werden. Auch Rose, die eigentliche Hauptfigur des Romans, muss am Ende das Scheitern ihrer Utopien zugeben, wenn sie sich im Altersheim ihrer Aphanisis ergibt. Die Lust auf Geschlechtsverkehr weicht der Sehnsucht nach einem regelmäßigen Stuhlgang und selbst wenn dieser wieder eintritt, ist sie bald nur mehr fähig Cicero zu terrorisieren, aber auch dieser hört ihr nicht mehr wirklich zu. Rose, die Nemesis ihrer Nachbarschaft, sucht im Altenheim vergeblich nach Gesprächspartnern, denn „so wie jeder wirkliche Kommunist ist am Ende auch sie allein“, schreibt Lethem. Ihr Dilemma zeit ihres Lebens: „Sie wollte die Welt befreien, aber sie versklavte jedes arme Würstchen, das sie in die Krallen bekam.“ Könnte man politischen Messianismus vielleicht auch als Deckmäntelchen für Nymphomanie betrachten? Jedenfalls wird ihr genau ihre Promiskuität zum Verhängnis, denn als sie mit einem schwarzen Polizisten schläft, dem Vater von Cicero, wird sie aus der Partei ausgeschlossen, wobei nicht ganz klar ist, ob es wegen dem „schwarz“ oder dem „Polizisten“ ist, wie Lethem absichtlich ironisierend offen lässt. Schließlich schreiben wir die Fünfziger und damals waren selbst die Linken in den USA noch segregiert und das Land insgesamt eine Apartheid-Gesellschaft und weit davon entfernt eine Demokratie zu sein.
Das Ende einer Epoche
Jonathan Lethem beschreibt den Niedergang der „roten Buddenbrooks der USA“ ohne Lamoryanz, denn in der Gegenwart von Gott, kann nichts geschehen, weil ER alles ausfüllt. Die Metapher auf die USA, die sich nach dem Zweiten Weltkrieg eher zum Arbeiterparadies denn zur kapitalistischen Falle mauserte, mag nicht von allen unwidersprochen hingenommen werden. Aber zumindest konnte man es in den Fünfzigern noch zu etwas bringen und vielleicht hatten die Kommunistin Rose und ihre Genossinnen deswegen so wenig Erfolg, ihre Sämchen zum Sprießen zu bringen. Lethems Prosa schießt oft über das Ziel hinaus, ist verwirrend, detailreich, überbordend in seinen Beschreibungen, dann wieder voller amerikanischer Intima, die für Europäer kaum nachzuvollziehen sind (Stichwort: Baseball, Comics) und natürlich voller sprachlicher Bilder, die an Schönheit nichts zu wünschen übrig lassen und deren slang wohl auch sehr schwierig zu übersetzen war, dennoch aber gut gelungen sind. „Auf dem auch nach Sonnenuntergang noch glühenden Asphalt warf das Kaugummi Blasen“ ist eines der Bilder die bleiben werden, aber auch die „Ofenszene“ bei der die jüdische Kommunistin Rose den Kopf ihrer Tochter Miriam in einen Gasofen steckt, entbehrt nicht einem gewissen Zynismus. Ausdrücke wie „Der Krieg des Lamms“ oder die verbalaggressiven skatologischen Injurien sind vielleicht etwas zu sehr „Achtziger“ aber nichtsdestotrotz eben „typisch Lethem“. Als Sergius nach einer Sexnummer am Flughafenklo beim Einchecken ausgerechnet von dem Beamten rausgefischt wird, der damals Mohammed Atta durchgewunken hatte, ist auch Lethem nach vierhundert Seiten Familienchronik wieder in der Jetztzeit angelangt und damit auch am Ende des amerikanischen Zeitalters. Ein Abgesang auf eine Epoche voller Humor und Sprachspiele

Jonathan Lethem
Der Garten der Dissidenten
Aus dem Amerikanischen von Ulrich Blumenbach (Org.: Dissident Gardens),
476 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-50116-2

[*] Diese Rezension schrieb: Jürgen Weber (2014-08-07)

Hinweis: Diese Rezension spiegelt die Meinung ihres Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung von versalia.de übereinstimmen.



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