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Sibylle Lewitscharoff - Apostoloff
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Lewitscharoff, Sibylle:
Apostoloff

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(Bücher frei Haus)

„Ach ja ... damals ... Wir hatten hier schon paar komische Figuren rumlaufen. Erinnert ihr euch noch an die eine Tante? So ein grottiges Weib, das nachmittags einzufallen pflegte, dann gar nicht mehr wegging, bis wir alle in tiefem Schlaf lagen? Wahrscheinlich drehte sie dann neugierig und abschätzig ihre Runde durchs Haus, bevor sie, weit nach Mitternacht, zu ihrem Siedlungshaus zurücktrippelte. Wie sie ja sehr oft und richtig stolz bekannt gab, hassten sie fast sämtliche Männer auf Anhieb, selbst die Frauen hielten sie manchmal für eine Hexe. So war’s auch ihrer Mutter, einer Schwäbin mit Schwertgosch, schon gegangen. Allein die Katzen verstanden sie genau. Immer sei die langmütige Schwester ihr vorgezogen worden, was die Sympathie angehe.

Mit ihrer Schwester, darauf kam sie sehr oft zu sprechen, war sie durch Bulgarien geschippert - in einer richtigen Luxuslimousine. Ein gewisser, aber wirklich nicht wichtig, Rumen Apostoloff saß am Lenkrad. Angeblich ja, weil in Bulgarien unten ein Bekannter, einer aus dieser Blase von kurz nach dem Krieg nach Degerloch eingewanderten gut-bürgerlichen Bulgaren, eine Technik zur rückstandsfreien Beseitigung toter Körper in den Markt einführen wollte. Geld hätte man den Schwestern gezahlt, damit sie ihren Vater vom Stuttgarter Friedhof ausgraben ließen und als Demonstrationsobjekt zur Vernichtung freigaben. Es stimmte natürlich nicht, aber sie fand sich super, dass sie sich solche Sachen ausdenken konnte.

Diese Frau war nur auf irgendeine winzige Kleinigkeit angewiesen, die ihr gerade in den Sinn kam, dann schwatzte sie ohne Punkt und Komma. Wer von den Stuttgarter Bulgaren seinen ersten Swimming Pool in den fünfziger Jahren bekommen hätte. So Zeug, als ob das irgendwen gejuckt hätte! Ich habe nie wirklich hingehört. Aber angeblich war sie da ja schon ziemlich anerkannt und quasi berühmt als Schriftstellerin von Suhrkamp. Sie erzählte von ihren verschiedenen Großeltern und Tanten und immer auch von irgendwelchen bulgarischen Sehenswürdigkeiten, die sie da unten haben. Eigentlich so in etwa wie dieser Schriftsteller-Einleiter in Merian. Bloß geht davon keiner 200 Seiten lang.

Die verdächtige Pasta, die auf jeder Speisekarte stehe. Das verdächtige Grillfleisch überall. Das sie kein einziges Mal gegessen hätte, sondern den Salat mit Schafskäse, den es zum Glück überall gebe in Bulgarien. Dieser sei dann wieder zu wässrig angemacht, also nicht wie ein feiner schwäbischer Kartoffel- oder Wurstsalat. Die gute Frau damals, die dachte allen Ernstes, uns kümmert so was! Wie oft sie sich auf der Reise mit dem toten Vater hätte über irgendwas beschweren müssen, aber die Schwester habe dauernd nett sein wollen. Die fing dann an, sich in den Apostoloff zu verlieben, ab diesem Moment drehten die beiden ihr eigenes Ding und sie konnte nicht mehr über sie lästern. Den besten Schafskäse von Deutschland habe es jedoch viele Jahre in Stuttgart, in der Markthalle und nur bei dem Bulgaren dort drin gegeben. Und dieser Bulgare habe natürlich zur Clique jener nach dem Krieg Emigrierter, zu ihres Vaters Bulgarenkreis, gezählt. Es ging einem direkt nahe.

Den Champagner habe sie auf dieser Reise immer ablehnen müssen. Alkohol trinke sie keinen, Ausnahme: Eierlikör. Und als Nächstes sprach sie gleich von so einem modernen Nationaldenkmal, das die da in ihren Bergen oben haben, Schumen heißt das, „1300 Jahre Bulgarien“: „Dreck! Dreck!“ Was für ein Bild, wie dieses dickliche kleine Frauenzimmer ganz vorn auf der Sesselkante hopste und eine geschlagene Druckseite lang „Dreck! Dreck!“ schrieb. Außerdem: „Expressionistischer Betondreck!“

Als Kinder schrien wir sofort auf, wenn wir sie oben an der Straße ums Eck biegen sahen. Aber wir waren zur Höflichkeit gezwungen, unsere Eltern bestanden drauf, dass irgendwer für diese Frau so tat, als hätte sie was zu sagen. Sie galt eine Zeitlang als Genie! Sie kriegte einen Bückling- oder Bücher- oder Linden-Preis. Man hätte Anstoß erregt, wenn man ehrlich ausgesprochen hätte, wie man sich wirklich fühlte, wenn sie einen belagerte.

In Bulgarien unten sei geschmacklich alles verdorben, das Land verschmiert, versudelt, verhudelt von sozialistischer Utopie und postsozialistischem Glump. Diese volkstümlichen schwäbischen Ausdrücke, die sie fortwährend in ihre bulgarischen Eskapaden mixte, und wie befriedigt sie grinste, ich, die Tochter des bulgarischen Arztes, der sich erhängt hat, bemeistere das Degerlocher Schwäbisch wie ihr au!

Heimlich, innerlich, muss es ihr klar gewesen sein, dass sie den Leuten auf die Nerven ging. Überleg mal: Wenn jetzt jede ältere, unverheiratete Schwarzwälder-Kirschtorten-Genießerin loslegt, die Katastrophen ihrer Sommerfrische als Roman unter die Leute zu semmeln, was machen wir denn dann mit diesen ganzen Büchern? Wie werden wir das unauffällig los? Weil sie diese Feindseligkeit spürte, drehte sie ihre angebliche „Drolligkeit“ ständig weiter auf. Den ganzen drolligen Tanten-Schnack erzählte sie, als wäre es die kühnste Gaunerei. Dabei, jetzt sag du, jeder ist irgendwo hingefahren und hat Salat gegessen und Beton oder Hotels schlimm gefunden, oder?

Zitat:

Das einsame Personal an dem kilometerlangen Empfangstresen ist schwer zu erreichen. Wird einen überhaupt jemand hören, wenn man die Stimme zu einer schüchternen Frage erhebt? Alles macht einen muffigen, abgewirtschafteten Eindruck. Vor allem riecht’s. Es riecht durchdringend nach Reinigungsmitteln, Reinigungsschlämmen, die, wie ich mir vorstelle, jeden Morgen aus Eimern über diesen Teppichboden gekippt werden, dann liegen die Pilzbüschel in seifig schmierigem Morast und verwandeln die ihnen ursprünglich feindliche Chemie mit emsig sich regenden Pilzärmchen, durch unablässig sich öffnende und wieder schließende Pilzmünder in freundlichen Nährschlamm.

„Ach so. Ah ja. Die! Die meinst du. Die olle Schrulla. Doch, doch, bei uns ist die eine Zeitlang auch eingefallen wie die Krähen. Dann haben die Kinder mal Indianerles gespielt und sie umzingelt und in die blaue Tonne gesteckt und den Deckel drauf gedrückt. Ab da ist die nie wieder aufgetaucht.“

[*] Diese Rezension schrieb: KlausMattes (2015-12-01)

Hinweis: Diese Rezension spiegelt die Meinung ihres Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung von versalia.de übereinstimmen.



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