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Andreas Maier - Die Straße
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Maier, Andreas:
Die Straße

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(Bücher frei Haus)

Mit seinem neuen Roman „Die Straße“ setzt der hessische, in Friedberg geborene und aufgewachsene Schriftsteller Andreas Maier seinen auf über 10 Bände angelegten Romanzyklus „Ortsumgehung“ fort. Man muss den das Projekt sozusagen vorbereitenden Band „Onkel J. Heimatkunde“ und die beiden ersten Romane mit den Titeln „Das Zimmer“ und „Das Haus“ nicht unbedingt gelesen haben, um sehr schnell in ein Buch hineinzukommen, das Anfang der achtziger Jahre im hessischen Friedberg spielt. Andreas Maier ist älter geworden, und entdeckt an der Schwelle zur Pubertät zunächst einmal die Veränderungen, die er bei seiner etwas älteren Schwester beobachtet. Sie und ihre Freundinnen erwachen sexuell, machen sich ihren eigenen Körper lachend zu Eigen und träumen von den in Friedberg stationierten amerikanischen GIs.

Die besorgten Väter und Mütter versuchen krampfhaft ihre Töchter von den meist von den Vätern phantasierten sexuellen Aktivitäten abzuhalten. Es ist ein Klima aufgeladener und dennoch unterdrückter Sexualität, in der die alten Männer Praline lesen und die Jungen und Mädchen relativ alleingelassen ihre Sexualität entdecken.

Immer wieder kommt Andreas Maier auf die Hexenhausmänner zu sprechen, die den Jungen nachstellen und sie nach der Schule unter allen möglichen Vorwänden in ihre Häuser locken. Was da alles passiert, bleibt nur in Andeutungen stecken. Doch dass der Autor selbst ein solches Erlebnis gehabt hat, deutet er gegen Ende des Buches an.

Mit Sicherheit missbraucht wurde der amerikanische Austauschschüler John von seinem ersten Gastgeber. Auf Vermittlung von Andreas Vater kommt der dicke John in die Familie und aus den geplanten sechs Wochen Aufenthalt wird fast ein ganzes Jahr.

Und auch der aus dem Buch „Wäldchestag“ dem Leser bekannte alte Adomeit taucht gegen Ende des Buches, als John längst die Familie Maier wieder verlassen hat, auf. Ein Mensch, wie er typisch ist für die Welt von Andreas Maier und den er so beschreibt:
„Ein Mensch, und alles offensichtlich an ihm. Kein Schwein, und keiner, der einen zu einem Mitschwein machen wollte. Ich sehe die scharf konturierenden Farben der Frauenfotos immer noch vor mir. Sie waren nie erotisch. Aber er glaubte daran. Und dann waren sie es ja auch. Und nur so konnte es sein. Vielleicht sprach er anschließend ein Gebet, aber nur im geheimen, den offiziell war er Atheist. Ein Mensch, und ich würde ihm heute noch, wenn ich ihm etwas auf das Grab legte, vielleicht Rosen hinlegen, denn Rosen wuchsen immer im Garten meiner Eltern, und ich war mein ganzes Leben in Friedberg immer von Rosenduft umgeben, aber vor allem würde ich ihm eine ‚Praline’ aufs Grab legen, oder eine ‚Sankt Pauli Nachrichten’“.

In seinen Frankfurter Poetikvorlesungen sagte Maier über seine Vorstellung von Literatur:

„Ich wüsste nichts anderes, als dass Literatur den Zweck hat ( meine Literatur, die ich lese und die ich schreibe), die Wahrheit zu sagen, nicht explizit, sondern anders. Auch wenn die explizite Wahrheit vielleicht im Schweigen liegt und vielleicht sogar darin, dass ich immer nur erkenne, dass sie so niemand richtig sagen kann, und vor allem ich nicht. Die Wahrheit ist, dass wir falsch sind und richtig sein könnten und falsch allein kraft unseres eigenen Entschlusses, oder nennen wir es meinetwegen auch Trägheit, sind. Die Wahrheit ist, dass wir uns alle als moralische Wesen darstellen, aber faul sind, roh, verschlagen und brutal noch in den unbeachtetsten Momenten. Aber alles das lässt sich in der Literatur kaum sagen, das kann ich Ihnen sagen.“

Maiers Bücher sind dieser Wahrheit verpflichtet, die immer auch seine eigene Wahrheit ist. Man darf schon heute den nächsten Band des Romanzyklus „Ortsumgehung“ erwarten. Der Rezensent tut das mit einer ganz persönlichen Freude, lebte er doch zeitweise Anfang der achtziger Jahre in Friedberg und vorher und nachher immer in einem Radius von etwa 100 km davon entfernt.

Andreas Maier, Die Straße, Suhrkamp 2013, ISBN 978-3-518-42395-0

[*] Diese Rezension schrieb: Winfried Stanzick (2013-11-27)

Hinweis: Diese Rezension spiegelt die Meinung ihres Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung von versalia.de übereinstimmen.



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