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Rezensionen


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Hartmuth Malorny - Die schwarze Ledertasche
Ein neuer Wallraff
Hartmuth Malorny über seine Erfahrungen als
Straßenbahnfahrer in Dortmund
Von Sabine Scholz
Hartmuth Malorny: Die schwarze Ledertasche.
Verlag Max-Stirner-Archiv, Leipzig, erscheint Juli 2003.
187 Seiten, 15,90 EUR.
ISBN 3-933287-54-5
Die deutsche Erzählliteratur widmet sich viel zu selten dem
Thema Arbeitswelt. In dem ersten Roman „Die schwarze
Ledertasche“ des Dortmunder Autors Hartmuth Malorny
(Jahrgang 1959), von dem bisher drei Gedichtbände vorliegen,
geschieht es auf direkte und nachvollziehbare Weise. Anhand
von locker aneinandergereihten Begebenheiten schildert
Malorny, ähnlich wie seinerzeit Günter Wallraff in seinen
Industriereportagen, den nervenaufreibenden Alltag eines
Straßenbahnfahrers vom Eignungstest, über die Ausbildung bis
zu den aberwitzigen Normen des Schichtdienstes. Dabei geht
es Malorny nicht nur um bloße Aufdeckung von Missständen und
Ausbeutung, sondern diese Arbeitswelt wird vor allem als
Möglichkeit der Begegnung mit anderen Menschen gesehen, die
oft verzweifelt versuchen, dem Berufsethos gerecht zu
werden. Malorny tarnt sich nicht, er schlüpft in keine Rolle
und hat sich auch nicht wie Wallraff „eingeschlichen“.
Wallraff ist nämlich überzeugt, dass man sich verkleiden
muss, um die Gesellschaft zu demaskieren. Man muss täuschen,
um die Wahrheit herauszufinden. Ganz anders Malorny, mit
Ehrlichkeit zeichnet er ein desolates Bild der Dortmunder
Trambahnbahnfahrer: „In den nächsten Tagen, Wochen und
Monaten ging es Schlag auf Schlag. Der Fahrbetriebswart
(FBW) verteilte die Zettel mit den „Gestrichenen”, mit den
Überschichten drauf, wie Lotterielose. Wer an seinen freien
Tagen einen annehmbaren Dienst als Zusatzleistung bekam,
hatte schon halb gewonnen. Hauptsächlich wurden die Neuen
mit Zetteln bedacht. Zur Zeit grassierte ein
Personalnotstand, der sich trotz der fortwährenden
Neueinstellungen lange Jahre nicht legte.“
Auch für Malorny gilt, was Heinrich Böll einmal über
Wallraff geschrieben hat: „er dringt in die Situation, über
die er schreiben möchte, ein, unterwirft sich ihr und teilt
seine Erfahrungen und Ermittlungen in einer Sprache mit, die
jede 'Überhöhung' vermeidet": „ich pumpte und pumpte,
und selbst nach drei, vier Bewegungen spürte ich keine
Bremswirkung, und dann richtete ich mich wieder hoch, drehte
mich gelassen um und sagte: „Entweder jemand zieht den
Notbremshebel, oder wir richten da vorne ein Massaker an.“
Betty war der Notbremse am nächsten. Sie reagierte sofort.
Die Schienenbremse schlug hart auf, Funken sprühten, die
Bahn bremste und rutschte, und ca. 50 Meter vor der Kreuzung
kam sie zum Stillstand. Währenddessen hielt ich den linken
Fuß auf der Klingel. Außer Wiebruch hatten alle einen
gehörigen Schreck in den Gliedern. Er lächelte bloß. „Was
hätten Sie denn gemacht...?” fragte ich ihn nach drei
Sekunden. Betty fragte: „Und wenn die Notbremse nicht
funktioniert hätte?” „Keine Sorge, die Notbremse
funktioniert immer”, sagte er.“ Über sein Vorbild Bukowski
äußert sich Hartmuth Malorny folgendermaßen: „Als ich den
Roman schrieb, befand ich mich auf dem Scheideweg und
dachte, der Job sei abgehakt. In Bukowskis "Der Mann
mit der Ledertasche"(1971) geht es um einen Postboten
und die Widrigkeiten seines Jobs. Bukowski kündigte seinen
Job beim Postamt (13 Jahre) und schrieb seinen ersten Roman.
Letztes Jahr hatte ich ebenfalls 13 Jahre Straßenbahnfahrer
hinter mir. Ich will mich nicht mit Bukowski vergleichen,
aber diese gewisse Parallelität gefiel mir. Deshalb die
Ähnlichkeit des Titels.“
Malornys Stärke liegt besonders in der Schilderung von
Liebes- und Sexszenen, die immer wieder in den Roman
eingestreut sind. Eine Episode mit einem Girl aus der
Kneipe: „Wir tranken und klammerten uns wie Ertrinkende
aneinander, denn wir wussten, dass unsere Zeit abgelaufen
war. Wir fickten uns in den Schlaf.“ Sehr poetisch wird die
Liebesgeschichte mit Betty, einer Straßenbahnfahrerin,
erzählt, die sich eigentlich über den ganzen Roman hinzieht
und ihm Spannung verleiht: „Ich drehte mich um. Sah ihr in
die Augen. Sagte ein paar dumme Sätze. Ich streichelte sie
und sie streichelte mich. Ich legte mich auf sie und machte
es ganz langsam. Wir hatten Zeit. Der Wahnsinn dort draußen
blieb vor der Tür. Es war so ziemlich die beste Nummer. Oder
die vor ein paar Stunden. Es war eine Nummer voller Magie
inmitten der tanzenden Staubpartikel, die wir aufwirbelten.
Nun, sie hatte mich flüsternd aufgefordert zu kommen, und so
kam ich eben. Mit ihr. Dieser anbrechende Tag konnte nur
noch im Unglück enden.“
[*] Diese Rezension schrieb: Wolfgang Stoeregaard (2003-10-04)
Hinweis: Diese Rezension spiegelt die Meinung ihres Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung von versalia.de übereinstimmen.
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