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Sándor Márai - Befreiung
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Márai, Sándor - Befreiung bestellen
Márai, Sándor:
Befreiung

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(Bücher frei Haus)

Der ungarische Schriftsteller Sándor Márai entpuppt sich in allen seinen Schriften als ein Meister der psychologischen Studie. Immer wieder gelang es ihm, die emotionalen Triebkräfte seiner Figuren in einem besonderen Licht zu sehen. Die Handlungen kommen ohne auf den Effekt abzielende Plots aus, das, was als der pulsierende Handlungsstrom beschrieben werden kann, ist bei Márai die Besonderheit der humanen Motivationslage. Die Biographie als programmatische Vorbedingung für das menschliche Handeln im Hier und Jetzt ist das Unabwendbare. Nun erschien zum ersten Mal seine auch im Ungarischen erst im Jahr 2000 veröffentlichte Aufzeichnung mit dem Titel Befreiung. Man fand das Skript über fünfzig Jahre nach seiner Erstellung.

Die Handlung spielt im Budapest des Jahres 1944, die parafaschistischen Pfeilkreuzler und die deutschen Besatzer bereiten alles vor, um die Stadt gegen die Rote Armee zu verteidigen. Hauptfigur ist Erzsébet, eine junge Frau, die ihren Vater, einen berühmten Wissenschaftler, der sich offen für die Juden eingesetzt hat und jetzt auf der Todesliste steht, vor den Suchenden zu verstecken weiß. Er wird mit anderen in einem Keller eingemauert, um nicht gefunden zu werden. Sie selbst geht in einen Luftschutzkeller, wo sie mit vielen anderen die Bombardements erlebt. Dort ist ein sehr pittoreskes Publikum vertreten. Bildungsbürger, Kohlenträger, intellektuelle Juden, Frauen, die dem KZ entflohen sind und ein Hausmeister, der mit den Faschisten kollaboriert.

Erzsébet beobachtet die sozialen Beziehungen dieser zusammen gewürfelten Gesellschaft sehr genau, ihr entgeht nichts und gleichzeitig entspannt sich in ihr ein innerer Monolog über das Wesen der kurz bevor stehenden Befreiung. Wie in einer soziologischen Studie seziert sie den Verfall der bestehenden Ordnung und entwickelt Thesen über die zu erwartende neue. Es beginnt eine Auflösung ihrer inneren Haltung, die die Grauen der Vergangenheit kennt und gleichzeitig die Illusionierung des Zukünftigen zerstört. Als die Straßenkämpfe näher rücken, wird der Keller von den Faschisten evakuiert, doch Erzsébet und ein Gelähmter verbergen sich und bleiben zurück. Sie wollen die Befreier dort erwarten. Und plötzlich steht ein junger Rotarmist im Keller und es entwickelt sich ein Dialog zwischen der jungen Frau und dem Sibirier, ohne dass die beiden die Sprache des jeweils anderen verstünden. Urplötzlich vergewaltigt der Rotarmist die junge Frau, um nachher verlegen zu sein und sich zu schämen. Erzsébet selbst hat Mitleid mit dem Mann, der aus dem Keller geht. Als sie selbst ins Freie tritt, liegt der Rotarmist tot auf der Straße und sie kniet sich über ihn, um ihm das Blut aus dem Gesicht zu wischen.

So wie Primo Levi in Ist das ein Mensch? kalten Auges die Soziologie des KZs beschrieben hat, so figuriert Sándor Márai Belagerung und Befreiung, die keine ist. Scham steigt auf, nicht wegen einer Nation oder einer Ideologie, Scham steigt auf, weil der Mensch ein Mensch ist.

[*] Diese Rezension schrieb: Gerhard Mersmann (2010-03-24)

Hinweis: Diese Rezension spiegelt die Meinung ihres Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung von versalia.de übereinstimmen.



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