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Rezensionen


 
Wilfried Meichtry - Mani Matter: (1936-1972)
Buchinformation
Meichtry, Wilfried - Mani Matter: (1936-1972) bestellen
Meichtry, Wilfried:
Mani Matter: (1936-1972)

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(Bücher frei Haus)

Gesetzt den - unwahrscheinlichen - Fall, es gäbe jemanden, der zwar Deutsch spricht, aber nicht Alemannisch und der vom (1972 verstorbenen) Berner Barden Mani Matter bis jetzt nur berichten gehört hätte, seine Texte noch nicht auswendig hersagen kann - und der eine Einführung in Werk und Leben des Liedermachers wünschte um zu prüfen, ob der Unvergessene (in der Schweiz!) heutigen poetischen und musikalischen Standards noch genügt: Dann hätte unser Jemand seit dem Jubiläumsjahr 2011 (Matter wäre 75 gewesen, wäre er mit 36 nicht schon gestorben auf der Autobahn) zwischen zwei Titeln unterm Autornamen Meichtry zu wählen. 2011 richteten Wilfried Meichtry, Historiker und Romancier aus dem Wallis, Pascale Meyer, Museumskuratorin, sowie Andreas Spillmann, verantwortlicher Museumsdirektor, eine kleine Ausstellung über Mani Matters Werdegang, Nachlass und Nachwirken aus. Dieses, nicht eben umfangreiche, durchgehend mit Schwarzweißfotos illustrierte Buch ist der Katalog. Allerdings gibt es von Meichtry im Verlag Nagel & Kimche noch die große Matter-Monografie (im Anschluss erschienen). Jene ist ordentlich, wenn auch nicht brillant, und sie verwertet größtenteils dieselben Fotos und biografischen Informationen, die Meichtry im Katalog auch eingesetzt hat.

Was also wählen? Eigentlich dies hier, also den (kleinen, dünnen, schwarzweißen) Katalog. Wer anschließend dann Tagebuch- und Briefauszüge Matters nachlesen wollte, kann das große Werk noch immer erwerben. Bei umgekehrter Reihenfolge wird man sich des Gefühls, einer Doublette aufgesessen zu sein, schwerlich erwehren können.

Warum nun diesen, in seinem (schönen) Buchdesign reichlich „luftigen“ Katalog, wenn darin die Erinnerungen des Matter-Weggefährten Franz Hohler kaum Gewichtiges enthalten, Pascale Meyers Randbemerkungen zur Schweiz der fünfziger, sechziger und siebziger Jahre ihr Thema nur oberflächlich anreißen? Eher schon wegen dem Aufsatz von Felicitas Hoppe. Die niedersächsische Schriftstellerin hatte zu dessen Lebzeiten keinerlei Kenntnis von Matter, stieß erst Jahre später bei einem Aufenthalt in Basel auf ihn, als man ihr eine Schallplatte schenkte, die sie zuerst ja gar nicht verstehen konnte und von der sie später hörte, dass die in Deutschland nicht zu bekommen wäre.

Zitat:

... Matters Geschichten sind kein Programm, keine Biermann’sche Trommel, sie sind nicht auf Welterklärung aus, sie geben keine Marschrichtung vor. Sie sind so augenblicklich wie ewig, alltäglich, metaphysisch zugleich, musikalische Philosophie, in anderen Worten: Poesie. Und, wie leise und behutsam auch immer, nicht bescheiden, sondern selbstbewusst, weil sie das Grösste im Kleinen spiegeln.

(An den zwei s in „Grösste“ sehen wir: Dieses Buch stammt aus Zürich.) Jedoch ist Hoppes Text auch nicht mehr als eine liebende Notiz von Autor zu Autor. Herzstück des Papierteils vom Katalog sind die Fotos aus Matters Privatarchiv. Diese aber wären in Meichtrys Monografie ja fast alle noch ein zweites Mal zu sehen (wie gewarnt). Daher liegt das wahre Argument für dieses Gebinde in der CD-Beilage!

Auf der „Werkstatt-CD“ gibt es acht Chansons von Mani gesungen zu hören, in Kleintheatern oder beim Schweizer Radio eingespielt. „Us emene lääre Gygechaschte“, „Ballade vo dem, wo vom Amt isch ufbotte gsy“, „Dr Parkingmeter“, „Dr Eskimo“, „Dr Sidi Abdel Assar von El Hama“, „Farbfoto“, „Dr Hansjakobli und ds Babettli“, „Nei säget, sölle mir?“ Anscheinend hat Hoppes Klage nichts gefruchtet. Noch immer ist nicht einziges Mani-Matter-Album zum Beispiel beim Internetanbieter jpc zu bekommen. Tipp: Es beim Buchhändler versuchen als Verlagsbestellung beim Zytglogge Verlag Basel, Preise pro CD gut über 20 Euro. So gesehen ist das Büchlein des Schweizer Nationalmuseums, das auch so viel kostet, inklusive CD fast schon Schnäppchen. Allerdings auf die Dauer nicht hörerfreundlich angeordnet, da die Lieder zwischen Interview-Statements von Zeitzeugen platziert wurden, die man auf die Dauer nicht so oft wird hören wollen wie die Chansons. In - teils historischen - Aufnahmen kommen da Manis Frau, die England-Schweizerin Joy Matter, der berühmte Berner Pfarrer und Dialektlyriker Kurt Marti sowie Klaus Schädelin, ebenfalls Pfarrer und ein früher Mentor für den Studenten, Juristen und Politikers Matter zu Wort.

Man weiß es „bald einmal“ (wie man in der Schweiz sagt), dass Mani Matter dem gehobeneren Berner Bürgertum entstammte: Großvater Bahnhofchef, Vater Versicherungsjurist, immer ein Dienstmädchen im Haus. Dass er in allem ein fleißiger und blitzgescheiter Denkertyp war, ein Doktor der Rechte, seine Habilitation vorbereitend. Ein vom übrigen Beamtenapparat frei gestellter Berater für die Berner Stadtverwaltung, ein Wahlkämpfer für eine jungliberale Splitterpartei. Vater dreier Kinder, davon eines ein sogenanntes „Sorgenkind“, verheiratet mit einer Lehrerin, die es nach Erreichen der Volljährigkeit dieser Kinder in der Berner kantonalen Schulpolitik zu Rang und Gewicht bringen sollte. Wo Mani Matter hinkam, schlossen die Menschen ihn ihr Herz. Er wird als unterhaltsam, liebenswert, höflich, gebildet beschrieben, war wohl auch etwas gehetzt oft. Von Kind an wollte er die an ihn gestellten Erwartungen so perfekt wie nur möglich erfüllen. Matter, der Fall eines Klassenprimus, aus dem was geworden ist. Dennoch gab es Schmerz im kurzen Leben. Seine holländisch-schweizerische Mutter erlag einem Krebsleiden, als er noch aufs Gymnasium ging.

Dass Matter in der Schweiz unvergessen, in Deutschland nicht bekannt wurde, liegt natürlich darin begründet, dass seine originäre Leistung, sein spielerischer Umgang mit der Sprachmelodie seines Dialekts, einem Publikum nicht zugänglich gemacht werden kann, dass diesen Dialekt (im Gegensatz beispielsweise zum Wiener) nie richtig versteht. Ich rechne an dieser Stelle mit Lesern, die das Werk nicht kennen und gebe einen Ausschnitt (Mittelteil) aus dem Lied „I han en Uhr erfunde“ samt hochdeutscher Prosaübersetzung als Kostprobe.

Zitat:

Gng we myni Uhr blybt stah,
mahnts mi dra, dass i se ja
ganz alei erfunde ha.
Und de dünkt‘s mi, i syg glych
nid son e tumme Ma.

I heig
ja doch en Uhr erfunde,
wo geng nach zwone Stunde
blybt stah.

Fröidig zien i se de wider uf,
giben ere für zwo Stunde Schnuuf.
Und mir git das für zwo Stunde,
das verstöht dir sicher guet,
Sälbschtvertrouen und e früsche Muet.

[Immer, wenn meine Uhr stehen bleibt, erinnert’s mich daran, dass ich sie ja ganz allein erfunden habe. Und dann finde ich, ich bin gar kein so dummer Mensch. Ich habe nämlich eine Uhr erfunden, die nach zwei Stunden stehen bleibt. Freudig ziehe ich sie dann wieder auf, gebe ihr Leben für zwei Stunden. Und mir gibt das für zwei Stunden, das versteht ihr sicher, Selbstvertrauen und neuen Mut.]

Mani Matters bevorzugtes poetisches Motiv ist das Absurde. Etwas ist da und zugleich gibt es es nicht. Da ist er Philosoph und Literat seiner Zeit, man denke an das Theater des Absurden. Auch einer der Nachfahren des von ihm verehrten Münchners Karl Valentin („Eine runde, dunkelschwarze Platte hätte ich gern“). Matter formuliert immer in der Sprache des Volkes und des Alltags. Möglichst so, dass auch ein zehnjähriges Kind es begreifen kann, dass es zumindest einen Spaß darin findet. Die Kombination von philosophischer Weltsicht, (versöhnlichem) Humor und Sprachartistik macht das Wesen von Matters Kunst aus. Beim Hören des Liedes von der Uhr hört man sie ständig ticken, bekommt auch die Pausen ihres Stehenbleibens dann mit. Die Melodie der Vokale ist in der Hochsprache nicht darstellbar.

Man kann - und man hat es getan zu Manis Lebzeiten, in jenen progressiven Jahrgängen um 1970 - kritisieren, dieses sei ja nett, aber doch harmlos. Konsenskultur für Schweizer Spießer. Matter, der nie ein Gaudimax war, sich einen Matter zwischen den Comedians im Privatfernsehen vorzustellen, gelingt einfach nicht, Matter, der sich als Philosoph abseits vom Markt sah, ihn dann aufsuchte, um den Leuten jene - seither arg in Misskredit geratenen - existenziellen „Denkanstöße“ zu vermitteln, litt an dieser Kritik. Er stellte sich ständig selbst in Frage, neigte dazu, der Bühne Adieu zu sagen und seine Juristenkarriere zu betreiben. Oder er schrieb Lieder wie das auf der CD befindliche „Nei säget, sölle mir?“, wo er die Zuhörer direkt fragt, ob Parkplätze und Bausparverträge den Menschen zur Krone der Schöpfung machen.

Dennoch sind es seine sanft-komischen, „kindgerechten“ Texte gewesen, die ins Volksgut eingegangen sind, einen lyrischen Klassiker aus ihm gemacht haben. Das Einfache ist anscheinend nicht ganz einfach. Immerhin hat es in der Schweizer Dialektsprache seit fünfundvierzig Jahren so „einfach gut“ keiner mehr hingekriegt. Wolf Biermann kann nur neidisch nachheulen. Es ist auch auf der CD drauf.

[*] Diese Rezension schrieb: Klaus Mattes (2016-01-14)

Hinweis: Diese Rezension spiegelt die Meinung ihres Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung von versalia.de übereinstimmen.



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