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Rezensionen


 
Eva Menasse - Wien
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Menasse, Eva:
Wien

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(Bücher frei Haus)

„Sackerl aaa?“, soll einmal eine deutsche Touristin in einem Supermarkt in Wien gefragt worden sein und ebenso freundlich darauf geantwortet haben: „Sakalaa!“. Die vermeintliche Frage nach einem Behältnis für ihre Einkäufe wurde so zu einer einfachen Grußformel, was ja „Babaa“ gewohnte Ausländer eigentlich nicht weiter wundern dürfte. Als ich dieselbe Geschichte heute einem Verkäufer in einer Wiener Bäckerei erzählte, stellte sich heraus, dass er selbst Deutscher war und bestätigte ein vielleicht weniger verbreitetes Vorurteil über die Stadt Wien: längst sind die Deutschen in Österreich nicht mehr nur die größte Touristengruppe, sondern auch die größte Einwanderergruppe, zumindest was die Hauptstadt Wien betrifft. Wird das vielgeliebte Wiener Idiom wird also nicht mehr nur um das Serbische, Jüdische und Tschechische erweitert, sondern bald auch um das Deutsche?

… und Schmant
Vorerst braucht man sich aber keine Sorgen um den „Wiener Schmäh“ zu machen, wie Georg Stefan Troller kunstvoll in seinem Beitrag zu vorliegendem Wien-Schwerpunkt der Corso Reihe „folio“, die sich jeweils einer ausgewählten Stadt widmet, nachweist. „Musst so wienerisch reden?“ soll ihn ein Brünner Cousin einmal gefragt haben und damit wohl andeuten wollen, er solle sich weniger vulgär ausdrücken. Denn schließlich gehörte damals das Brünner und Prager Deutsch noch zu dem vornehmsten lebendig gesprochenen Deutsch: „Drahtowat – flickowat – lötowat“ war für Trollers deutschtümelnden Klassenlehrer, allerdings ein Beweis, dass die Tschechen kein Kulturvolk seien, sie hätten ja nicht einmal eine eigene Sprache! Von diesen Sprachverwirrungen könnte man leicht meschugge, oder sogar mewulwe werden, handelt es sich doch nur um blede Schmonzetten, wie Troller hier paraphrasiert werden darf. Wer jetzt wie ein Asisponem und nicht wie ein betamtes Ponim dreinschaut, ist entweder a Nebochant, oder ein Parch, zuletzt vielleicht sogar noch ein Tschick-Arretierer…Jetzt aber Schluss, du G`spaßlaberl!

Vom „Wiener Schmäh“ zur …
Als Stadt mit einem „undurchdringlich-steinernen Antlitz“ bezeichnet Eva Menasse in ihrem Beitrag mit dem vielsagenden Titel „Wasserkopf und Krone“ die österreichische Hauptstadt und vergisst dabei ganz darauf, dass die Stadt zu mehr als fünfzig Prozent aus Grünfläche besteht und so viele Parks wie keine andere Stadt, sieht man einmal vom Prater und dem Wiener Wald, an den einige Heurige angrenzen (und nicht umgekehrt!) ab. „Der Wiener ist wie seine Stadt“, fasst sie schließlich für den Leser zusammen, „eine komplizierte, geschichtete, temporär explosive Mischung mit einem Atem, beinahe so lange wie seine Erinnerung und einer ökonomischen Beherrschung der eigenen Kräfte, die an Phlegma grenzt.“

… Wiener Morbidität
„In Wien kommt alles überraschend, und doch ist man irgendwie darauf vorbereitet“, so der österreichische Kabarettist Alfred Dorfer, der in „Das Wiener Wurscht“ (sic!) einen besonders pointierten und witzigen Beitrag zu Wien abliefert. „Es kann immer was sein“, so die Antwort Dorfers auf die eingeleitete Fragestellung, denn „was is wenn was is?“ gehört nicht umsonst zu seinen liebsten Wiener Redewendungen und auch hier kennt er die Antwort: „Hoffentlich is` nichts“. Das dürfte die Wiener Lebenseinstellung seiner Meinung nach wohl auch besten ausdrücken, besser ist halt, wenn nix is`. Die Wiener Morbidität wird in einigen der im Anhang befindlichen Zitate aber wohl doch zu unrecht beschworen: „Die kostbarste Straße Wiens ist die Simmeringer Hauptstraße. Sie führt direkt in die Erlösung: zum Zentralfriedhof und zum Flughafen Wien Schwechat.“ So ganz schnell weg wollte der Andrè Heller, von dem dieses Zitat stammt dann aber doch nicht, schließlich gehört Wien zu den Metropolen mit der höchsten Lebensqualität und das weltweit, nicht nur Europas.

Das Wiener Spektakel
Wiens größte Söhne hatten seit jeher ein eher gespaltenes Verhältnis zu ihrer Mutterstadt, und das nicht erst seit Helmut Qualtinger, der in „Frühling in Wien“ schrieb: „De Schedln san eitrig vur Föhn,/olle streidn,/maunche speibn,/a poa bringan si um./De, de si ansaufn, sann o am bestn draun.“ Was wäre Wien ohne Wiener? Was wäre Wien ohne solche Wiener? Georg Kreisler wusste darauf in einem seiner weniger bekannten Chansons eine gute Antwort und spielt seinen Stolz auf die Wiener Stadt ganz schön runter, wie es sich für einen echten Patrioten auch gehört: „(…) Der schwedische Beamte glaubt mir nicht, weil ich Ausländer bin und der Wiener Beamte glaubt mir nicht, weil ich Wiener bin, und zwar mit Recht.“ Kein Volk sei eben so begierig nach großem Schaugedränge, wie die Neapolitaner, außer den Wienern, meint Hilde Spiel: „Gewünscht, gefordert, ja erzwungen wird das Spektakel, wann immer der geringste Anlass dazu besteht.“ Also auch, wenn es dazu eigentlich gar keinen gibt!
Eine vielseitige Hommage in Bildern, Illustrationen, Fotos, Gedichten, Zitaten, Essays du vielem anderen mehr, das hier Corsofolio vorlegt. In derselben Reihe sind übrigens schon Bücher zu Paris, London erschienen. Demnächst kommt auch Barcelona, Kopenhagen und Istanbul zum Buchhändler Ihres Vertrauens, denn Corsofolio ist tatsächlich das beste Magazin in Buchform, das den Leser seine Stadt sinnlich, weltanschaulich und subjektiv erfahren lässt, immer also aus der Perspektive von Insidern. Übrigens: der „Bilderbogen“ und das „Journal“ findet man in jeder Ausgabe, denn es gibt kaleidoskopartig die wichtigsten Eindrücke einer Stadt wieder.

Corsofolio
Wien – Küss die Hand, Moderne
Corso 170 Seiten
Wiener Charme

[*] Diese Rezension schrieb: Jürgen Weber (2011-08-16)

Hinweis: Diese Rezension spiegelt die Meinung ihres Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung von versalia.de übereinstimmen.



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