Biographien Rezensionen Diskutieren im versalia-Forum Das versalia.de-Rundschreiben abonnieren Service für Netzmeister Lesen im Archiv klassischer Werke Ihre kostenlose Netzbibliothek

 


Rezensionen


 
Christoph Menke - Kreation und Depression Freiheit im gegenwärtigen Kapitalismus
Buchinformation
Menke, Christoph - Kreation und Depression Freiheit im gegenwärtigen Kapitalismus bestellen
Menke, Christoph:
Kreation und Depression
Freiheit im
gegenwärtigen
Kapitalismus

Bei amazon bestellen

(Bücher frei Haus)

Die Widersprüche des gegenwärtigen Kapitalismus und seiner Verwertungslogik stehen im Zentrum dieses Sammelbandes des Kadmos Verlages im Spannungsfeld zwischen Kreation und Depression. Der der Grad der Vernetzung entscheide heute über die Zukunft eines Individuums, jedoch sei dieser gleichzeitig von Vereinsamung und Entfremdung gekennzeichnet. An die Stelle der sozialversicherungspflichtigen Monotonie sie die prekäre Kreativität des Freiberuflers getreten, die man sich Mitte des vorigen Jahrhunderts noch gewünscht, ja geradezu ersehnt hatte, allerdings ohne den Zusatz „prekär“ natürlich. Aber Freiheit geht gezwungenermaßen immer auf Kosten der Sicherheit und beides haben zu wollen, gleicht den beiden Schneiden einer Schere: es ist unmöglich sie im größtmöglichen Maximum zusammenzuführen. Eigenverantwortung, Initiative, Flexibilität, Beweglichkeit, Kreativität sind heute zu entscheidenden gesellschaftlichen Anforderungen geworden. Zwar ist unsere Gesellschaft nicht mehr dem Kadavergehorsam verpflichtet, aber dennoch diszipliniert sie, denn wer es nicht schafft, sich der beschriebenen und verlangten Normierung des Subjekts anzupassen, bleibt ganz einfach auf der Strecke. Kreative Selbstverwirklichung steht genauso unter dem Zeichen des Wettbewerbs wie der Gewinn von Freiheit. Der vorliegende Sammelband widmet sich dem Stand ästhetischer Freiheit aus soziologischer, philosophischer, kulturtheoretischer und historischer Perspektive und versucht Aufschlüsse zu geben, wie man leben kann, ohne dabei nur zu überleben.

Wofür es sich zu leben lohnt
Der alten philosophischen Frage, wofür es sich zu leben lohne, geht Robert Pfaller in seinem Essay in vorliegendem Sammelband nach. „Perfection in imperfection“ findet der Philosoph etwa in der Zigarette, deren Genuss ja gerade darin liege, dass „ihre Schädlichkeit es ist, die sie so erhaben macht“. „Ohne die Verrücktheiten der Liebe, die uns gerade sperrigen Eigenschaften geliebter Personen anbeten lässt; ohne die Unappetitlichkeiten der Sexualität; ohne die Unvernunft unserer Ausgelassenheiten (…)“, wäre das Leben doch nicht vielmehr als eine vorhersehbare geistlose Angelegenheit ohne jegliche Höhepunkte und was dann noch vom Leben übrigbliebe, verdiene wohl nur kaum diese Bezeichnung. Gerade die Unterbrechung des Alltagslebens durch z.B. eine Zigarette würde aber in die Kategorie des „sacré quotidien“ gehören, eine „zwiespältige, unterbrechende, entprofanisierende“ Tätigkeit, die eben aus dem Alltäglichen, das Besondere mache, nicht zuletzt durch dessen Nähe zum Tod. Denn obwohl eine Pause eigentlich ja der Belebung des Organismus dienen sollte, wird sie gerade durch die Zigarette ad absurdum geführt und so wird eine einfache Zigarettenpause zu einem „sacré quotidien“.

Ekstase in Askese
Auch das Feiern gehört in diese Kategorie, denn niemand wird allen Ernstes behaupten können, dass der übermäßige Fleisch oder Rouladenkonsum zu Oster und Weihnachten irgendetwas gesundheitsförderliches oder dem Leben dienendes an sich haben könnte. Das Feier-Gebot der Religion wurde aber wenigstens durch Abstinenz vorbereitet und ermöglichte vielleicht gerade dadurch eine Ekstase in Askese. Die feierliche Situation gebiete ja quasi die „Überschreitung“, so schon Georges Bataille“ und eingebettet in die Religion hatte diese Überschreitung sicherlich auch einen kathartischen Effekt. „In der Feierlichkeit transformiert die feiernde Gruppe das ungute Kulturelement in ein erhabenes, sublimes“, so Pfaller. Gerade im Aufrechterhalten der Illusion liege die Zivilisiertheit, denn jeder wisse, dass dem Verhalten jedes Menschenin der Öffentlichkeit ein gewisses „als ob“ als Verhaltensmaxime zugrundeliege. „In dem durch das Kollektiv gestärkten, vollen Bewusstsein ihres Spiels, freuen sie sich, gemeinsam einen virtuellen Beobachter hinters Licht zu führen, der glauben könnte, sie wären naiv und hätten einen schlechten Geschmack.“ Aber bald trete an die Stelle des theatralischen Scheins die bittere Wahrheit der kosmetischen Chirurgie, so Pfaller. Diese
„Kultur des Nulldefizits“, sei der Vorhang, der über die Szene falle, wenn der Atem des Publikums stockt und der Applaus des Publikums sich aus Verlegenheit heraus losbricht. Das Über-Ich übernehme die Kontrolle und strafe umso mehr man ihm gehorche. Eine emanzipatorische Politik sei deswegen auch immer mit infamster Verachtung für diejenigen gespickt, in deren Namen sie angeblich spreche.

Weitere Beiträge u.a. von Luc Boltanski , Ulrich Bröckling, Ève Chiapello, Gilles Deleuze, Diedrich Diederichsen, Alain Ehrenberg, Carl Hegemann, Tom Holert, Axel Honneth, Michael Makropoulos, Christoph Menke, Robert Pfaller, René Pollesch, Juliane Rebentisch, Andreas Reckwitz und Dieter Thomä.

Menke, Christoph/Rebentisch, Juliane (Hg.)

Kreation und Depression
Freiheit im gegenwärtigen Kapitalismus

252 Seiten
Kulturverlag Kadmos
15 x 23 cm, broschiert
(Kaleidogramme Bd. 67)

[*] Diese Rezension schrieb: Jürgen Weber (2014-04-16)

Hinweis: Diese Rezension spiegelt die Meinung ihres Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung von versalia.de übereinstimmen.



-> weitere Bücher von Christoph Menke ansehen

-> Möchten Sie eine eigene Rezension veröffentlichen?

[ weitere Rezensionen : Übersicht ]

 



Aus unseren Buchrezensionen


Prinz Eisenherz Band 9Murphy, John Cullen:
Prinz Eisenherz Band 9
„Ich bin mit vielen Gaben reich gesegnet,“ spricht König Arthur, „doch ein Thronerbe ist mir versagt geblieben. Maeve ist Blut von meinem Blut. Das erste Kind, das aus Eurer Verbindung hervorgehen wird, soll den Thron Camelots erben. Und nach meinem Tod sollt ihr solange, bis das Kind zu regieren fähig ist, die Regentschaft im [...]

-> Rezension lesen


 V wie VendettaMoore, Alan:
V wie Vendetta
„Viveri universum visus vici“ heißt es in Goethe`s Faust und nicht zuletzt darauf begründet sich auch die Namensgebung des geheimnisvollen Protagonisten, der sich stets hinter der inzwischen vor allem durch die Occupy!-Bewegung bekannten Maske verbirgt. Er schreibt diesen Satz mit fünf V und fünf, also römisch V, war auch die [...]

-> Rezension lesen


TRANSMETROPOLITAN 3: LONELY CITYEllis, Warren:
TRANSMETROPOLITAN 3: LONELY CITY
Auch ein Journalist hat Träume. Und ganz besonders natürlich dieser Journalist. In einer der Großaufnahmen sitzt er mit einer Zigarre und einer Flasche Champagner in einem Fauteille, zu seinen Füßen ein zerbrochener Bildschirm, in der Luft die Rauchkringel seiner Zigarre, die sich ineinander bewegen, wie seine Gedanken. [...]

-> Rezension lesen


 Das SandkornPoschenrieder, Christoph:
Das Sandkorn
Wir schreiben derzeit das Jahr 2014. Vor einhundert Jahren begann der Erste Weltkrieg und schon in den ersten drei Monaten des Jahres ist die Fülle von Publikationen zu diesem Thema kaum mehr zu überblicken. Der in München lebende Schriftsteller und Drehbuchautor Christoph Poschenrieder hat mit seinen beiden ersten Büchern „Die [...]

-> Rezension lesen


Anmelden
Benutzername

Passwort

Eingeloggt bleiben

Neu registrieren?
Passwort vergessen?

Neues aus dem Forum


Gedichte von Georg Trakl

Verweise
> Unser Buchladen
> Lyrikband seelengruende
> Neue Gedichte: fahnenrost
> Kunstportal xarto.com
> Suchmaschine z3ro.net



005 Micro Button 3  88x31 / SBS

Das Fliegende Spaghettimonster

netzbibliothek | Anti-Literatur | Buchladen | Topliste | FAQ | Impressum | Rechtliches | Partnerseiten | Seite empfehlen | Schlesien | RSS

Systementwurf und -programmierung von zerovision.de

© 2001-2017 by Arne-Wigand Baganz

v_v3.31 erstellte diese Seite in 0.018018 sek.