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Clemens Meyer - Die Nacht, die Lichter - Stories
Buchinformation
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Meyer, Clemens:
Die Nacht, die Lichter -
Stories

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(Bücher frei Haus)

Clemens Meyer mag Bier und Fußball. Er ist am ganzen Körper tätowiert, verheiratet, bewegt sich viel in der Leipziger Kunstszene und bezeichnet sich als Kulturpessimist. Bei der Vereinigung war Meyer dreizehn, gut zehn Jahre später am berühmten Leipziger Literaturinstitut immatrikuliert. Er wettet auf Pferde. Er saß im Jugendknast. Seinen ersten Roman, „Als wir träumten“, 2006, bekam er von sämtlichen Verlagen zurückgeschickt, lebte von Hartz IV und bekam den Strom gesperrt, weil er alles auf dieses Buch setzte. Er bat Sten Nadolny um Hilfe, dieser brachte ihn zum Fischer Verlag. Seither verkörpert Clemens Meyer so etwas wie die metropolitane Nach-Wende-Jugend-Street-Credibility innerhalb des deutschen Welt-Literaturschaffens.

2015 ließ ihn die Universität Frankfurt ihre Autoren-Literaturvorlesungen halten. Ein Jahr nach Daniel Kehlmann. Das ist in diesem Zusammenhang gar kein ferner Klang, obwohl ihre Herkunft so unterschiedlich gewesen ist: Meyer, der Sohn eines Krankenpflegers aus der Leipziger Oststadt, für die man mittlerweile einen Rückbauplan verabschiedet hat, weil so viele Einwohner nach Westen fliehen, Kehlmann, der Sohn eines Fernsehregisseurs, erzogen in einem Wiener Jesuiteninternat. Beide eint eine entschlossene Anstrengung, benutzerfreundlich zu schreiben, unterhaltende Storys von irgendwie klassischem Zuschnitt zu konstruieren, ganz unbedingt auf weltweit westlichem Niveau oben. Eine Literatur, die in ihrer seltsam risikoscheuen Normenübererfüllung traurig machen kann. So viel Talent und handwerkliche Beharrlichkeit in derart konventionelles, anachronistisches Kunsthandwerk gesteckt.

Wir haben es geschafft. Wir sind Hemingway. Echt jetzt, wir können das: Immer diese Geschichten, die von einen mehr oder weniger einsamen Mann berichten - oder gleich von ihm erzählt werden -, der ein paar Mal zu oft auf die Schnauze gefallen ist, es dieses Mal aber vielleicht - - - wieder nicht schaffen wird! Gern so im Halbweltmilieu, auf jeden Fall Biertheke und Hartzer und Ex-Knackis und Pferderennen und Schlägertrupps. Keine Kinder, keine Rentner, möglichst wenig Frauen, nur so als Motor. Dies hier ist ein Hemingway-Wem-die-Bewährung-klopft-Textglobus. Keine Beamten, keine Angestellten, keine Lehrer, Professoren, keine Banken und Versicherungen, keine Schulen, keine Schriftsteller. Bloß nie Schriftsteller und andere Loftbewohner! Wir sind nicht bei Judith Hermann! Nichts Ossi-Wehleidiges! Keine Stasi, keine PdS, keine Tatra-Straßenbahn, nicht mal die Seiffener Weihnachtspyramide! Alles Kino. US-amerikanisches. Kehlmann. Hemingway. In Nachtzügen durch die Republik reisende Hochstapler, die ihre Männerfreundschaft verraten und einander einfach hängen lassen zum Storyschluss, auf ein Nimmerwiedersehen. Ernst: Hemingway.

Clemens Meyers ganz spezieller kleiner Trick ist, dass in seinen, an sich leicht verständlichen (außer am Anfang, da weiß man erst nie, was es soll, macht man in Storys, wenn die heutig sind, er hat es studiert) Storys gern mal so Zeitsprünge vorkommen. Und zwar mitten in einem Absatz, also genau von einem Satz zum nächsten, genau am Punkt. Man fällt da drauf rein, bricht die Lektüre ab, guckt nach, ob man soeben eingeschlafen war, da fehlt ja ein Teil. Gern tut Meyer dieses mehrfach in einer Geschichte. Immer hin und her und zurück und wieder her mitten in den Absätzen und in der Zeit. Man ist dann aber auch lernfähig.

Was Clemens Meyer auch sehr gerne tut: Dass man so eine altbekannte amerikanische Film- oder Storyspannungsfrage gezeigt kriegst. So: Der Hund von einem Mann ist krebskrank und das kann der sich wegen Hartz nicht leisten, ihn operieren zu lassen, da geht er mit einem Galopprennen-Wettsüchtigen auf die Rennbahn, um alles zu setzen, da muss er an sich ja jetzt verlieren, aber, wie auch der Gauner gleich sagt, vielleicht hat er Glück, weil er von Pferdesport keine Ahnung hat. Und dann gewinnen sie und man meint, jetzt wird ihn eben der Kumpel irgendwie reinreiten oder ausnehmen, der selbst ja noch nie so gewonnen hatte. Dann ist das nicht so, aber am Ende geht er allein und hat das Geld mit und dann sieht man paar Unbekannte hinter ihm um die Ecke biegen und da ist Schluss. Heming-, ach nee, lassen wir‘s! Ihr kennt es aus den Filmen, geht entweder so oder so aus, ich sag euch noch nicht, wie, seid gespannt. Dann hat er die Traute, es einfach gar nicht ausgehen zu lassen. Einfach abblenden, bevor es sich entschieden hat. Man sagt sich: Das ist Literatur, das wagt so nicht ein jeder.

Mit der Zeit drängt sich eine Kritik auf: Wieso kleistert jemand Authentizitätshinweise, Beweise für soziale Verbundenheit und Erfahrung so unablässig um Plots herum, die ganz unverkennbar ausgedacht und unwahr sind? Überall Elend, aber eigentlich ist nie einer schuld, es dient dazu, die untergehenden Helden zu adeln. (He - - - - oder auch nicht.)

Ach so, Boxer kommen mehrfach. Ist die Sorte Personal, die Meyer mag: Straße, Schweiß, Muskeln, geschlagen, Loser, Arme, Helden, außerhalb der herrschenden Verhältnisse, männlich, klassisch. Es grenzt dann aber an Frechheit, die Konstellation alter Boxtrainer, junges Kampfgirl (mit Immigrantenhintergrund) aus Clint Eastwoods „Million Dollar Baby“, 2004, für die Abzuschiebenden in Leipzig einfach noch mal zu schreiben:

Zitat:

„Du musst dich warm machen”, sagt der Alter und nimmt ihre Arme und zieht ihr vorsichtig die Boxhandschuhe an, „wir müssen uns warm machen.”
Er nimmt ihre Rechte, die jetzt in dem roten Handschuh steckt, und hebt sie hoch. „Denk dran ...”, sagt er. „Ja”, sagt sie, „ich zeig ihr sie erst, wenn sie offen ist.” Sie schlägt beide Fäuste zusammen, und er nickt und zieht sich die beiden großen, schwarzen Pratzen über die Hände. „Schlag sie über ihre Linke, schlag sie einfach drüber, wenn sie offen ist.” Er geht ein paar Schritte zurück, zur Mitte des kleinen Raumes und hält beide Hände mit den Pratzen hoch. „Links”, schreit er mit heiserer Stimme, „halt sie dir vom Leib, lass das Weibstück nicht an dich ran!” Sie schlägt die linke Führhand, knickt das linke Bein ein wenig ein dabei, stößt die Linke auf die großen schwarzen Pratzen ihres alten Trainers, der sich jetzt in der Mitte des Raumes bewegt, als wäre er ein junger Boxer...


[*] Diese Rezension schrieb: Klaus Mattes (2015-12-01)

Hinweis: Diese Rezension spiegelt die Meinung ihres Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung von versalia.de übereinstimmen.



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