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Rezensionen


 
Philipp Meyer - Rost
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Meyer, Philipp:
Rost

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(Bücher frei Haus)

Niedergang, Sehnsucht und Freundschaft

Pennsylvania stand lange Jahre, Jahrzehnte für die solide untere Mittelschicht des amerikanischen Traumes. Stahl war unabdingbar nötig für die wirtschaftliche Expansion der USA und mit dem Stahl kamen die Arbeiter, die Gewerkschaften, die ausreichenden Löhne und das nicht überschwengliche, dennoch aber gute Leben.

Vorbei.

Pennsylvania steht nunmehr für „White Trash“, die entlassenen, hoffnungslosen, in die Sozialhilfe oder darunter abgeglittenen ehemaligen Arbeiter der Stahlindustrie und ihrer zugehörigen Zulieferfirmen. Verlierer in Massen produzierte die anhaltende Wirtschaftskrise und Isaac und Billy, Jugendliche und beste Freunde, gehören mit in diesen Pool verarmender und Haltung verlierender Familien. Issacs Mutter beging Suizid, sein Vater ist Invalide und Billy haust in einem Trailer am Rande der Zivilisation.

Beide hätten zwar die Möglichkeit, wie in Amerika üblich, durch ihre je herausragend sportlichen Begabungen Stipendien an Elite Universitäten zu erhalten, Isaac verzichtet zugunsten seiner Schwester, Billy wendet sich trotzig aus gegen die sich eröffnenden Chancen.

Doch Isaac will seine Träume nicht in Alkohol und Klagen begraben, er überredet Billy, mit ihm diesen Ort tiefen Niedergangs zu verlassen und in Kalifornien, im „gelobten Land“ einen Neuanfang zu wagen. Beide kommen nicht weit, am Stadtrand kommt es zu einer konfliktreichen Begegnung mit weitreichenden Folgen, in deren Verlauf Isaac in Notwehr einen Menschen tötet. Der ermittelnde Polizist findet allerdings Billys Jacke am Tatort und, hier nimmt das Buch psychologisch interessante Wendungen, Billy nimmt tatsächlich die Schuld auf sich, Vielleicht aus Trotz? Vielleicht, um seinem Freund Isaac eine Zukunft zu ermöglichen, die er für sich selber nicht sieht? So beginnt nun, die Geschichte, in düsteren Farben verbleibend, auf drei Ebenen ihren Fortgang zu nehmen.

Der Leser begleitet Isaac auf seiner Odyssee durch Amerika, bei der täglich ein Stück mehr seiner Hoffnung und Sehnsucht verloren geht, begleitet Billy auf seinem Weg ins Gefängnis und begleitet den ermittelnden Sheriff, dessen Welt innerlich und äußerlich noch in Ordnung ist, der sich aber nun mit dem Umfeld und der Welt von Issac und Billy auseinander zu setzen hat.

Eine Auseinandersetzung, die der Sherriff stellvertretend für den Leser vollzieht und die in eine zutiefst und gerechtfertigte gesellschaftskritische Richtung sich entwickeln wird.

Philip Meyer versteht es, in seinem Erstlingswerk den Finge rauf die offene Wunder des Niedergangs einer Gesellschaft westlichen Zuschnitts zu legen. Das Beispiel des Amerikas, das ihm aus dem Fingern in Buchstaben hinein fließt, ist ja ein weltweites Phänomen des äußeren, aber auch inneren Niederganges, bedingt durch fehlende Perspektiven für die Massen und eine stark um sich greifende Gier bei jener Minderheit, die noch Zugang zu den Fleischtöpfen hat. Am Schlimmsten aber ist das Erleben, letztlich allein gelassen zu werden mit all den unlösbaren Problemen, die unverschuldet über die Arbeiterschaft, das ehemals stabile Rückgrat funktionierender Wirtschaften weltweit. Unlösbare Probleme, die sich eben wie Rost durch ehemals gesunden Stahl der Gesellschaft fressen.

Ein düsteres Buch in ausgefeilter und emotional einfühlsamer Sprache, das die Härten des Lebens in den Vordergrund setzt und nur in familiärer oder freundschaftlicher Bindung kleine Hoffnungsschimmer hinterlässt. Mit leichten Schwächen in der Ausdifferenzierung der Charaktere, dennoch aber eine minutiöse und treffende Romanbeschreibung des Niedergangs ehemals stabiler gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Systeme. Empfehlenswert.

[*] Diese Rezension schrieb: Michael Lehmann-Pape (2010-09-09)

Hinweis: Diese Rezension spiegelt die Meinung ihres Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung von versalia.de übereinstimmen.



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