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Rezensionen


 
A. A. Milne - Das Geheimnis des roten Hauses
Buchinformation
Milne, A. A. - Das Geheimnis des roten Hauses bestellen
Milne, A. A.:
Das Geheimnis des roten
Hauses

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(Bücher frei Haus)

Die nostalgische Krimi-Reihe „Heyne Crime Classic“ brachte in den Jahren von 1970 bis 1990 vornehmlich englische und amerikanische Unterhaltungsklassiker auf den deutschen Markt, die sich in der angelsächsischen Lesekultur teilweise enormer Popularität erfreuen durften, es beim deutschen Leser seither aber eigentlich immer noch nicht zum Meilenstein-Status geschafft haben. (Eine vollständige Titelliste ist im Internet auffindbar.) So war Milnes „Red House Mystery“ bei Erscheinen 1922 sofort ein Erfolg, erlebte 1948 seine 23. englische Auflage und wurde dann noch viele Male und zuletzt 2010 als „Vintage“ neu herausgegeben.

Nicht untypisch, dass solche kleineren Genreperlen (es sei gleich gesagt, ein angenehm zu lesendes Unterhaltungsbuch, aber nicht die Sorte Roman, die man kennen müsste, um mitreden zu können) Deutschland erst lange nach dem Krieg und in der nicht über jeden Zweifel erhabenen Qualität der Heyne-Genre-Reihen erreichten. (Ähnliches galt für, in der englischsprachigen Welt allseits bekannte Werke aus den Science-Fiction-, Fantasy- und Horror-Sparten.) Hinnehmbares Design, vergängliche Materialqualität, teilweise stümpernde und bezüglich der Vollständigkeit zu Zweifeln Anlass gebende Editionen. Aber sonst hat es halt kaum einer gemacht. Heyne hatte die Nase vor der Konkurrenz bei Knaur, Ullstein, Goldmann, Rowohlt eindeutig vorn. („Das Geheimnis des roten Hauses“ ist aber wirklich so kurz. Milne verzichtete auf Beschreibungen und Nebenhandlungen, wo es nur ging, konzentrierte sich auf den Denk- und also Sport-Charakter seines Amateurermittler-Rätselspiels.)

Wie man sich diese Art Bücher von der Optik und Haptik her immer schon gewünscht hätte, machte zu Beginn des 21. Jahrhunderts endlich die „Crime Classic“-Reihe im Fischer-Verlag vor, bei welcher „Das Geheimnis des roten Hauses“ Ende 2008, durch ein Nachwort ergänzt, ein weiteres Mal erscheinen durfte. Allerdings scheint Fischers Rückbesinnung auf alte Heyne-Serien-Marketingkonzepte aus den kulturell so vielfältigen Rollbackjahren der Siebziger gescheitert zu sein am Markt des digitalen Zeitalters. Die Reihe ist eingestellt worden, das Buch wiederum nur noch antiquarisch zu bestellen.

A. A. Milne ist nicht irgendjemand gewesen, sondern seinerzeit ein bekannter Humorist für die Londoner Zeitschrift „Punch“, dem man es, erzählt er in seinem Vorspruch zur zweiten Auflage, von Verlagsseite zuerst noch übel nahm, dass er sich auf den Turf eines Sherlock-Holmes-Plots begab. Später dann, als das Buch sich ausgezeichnet verkauft hatte, verlangte man weitere Fälle mit dem vergnügten Gentleman-Detektiv Antony Gillingham. Aber es sollte in der Tat der einzige Krimi bleiben, den Milne je publiziert hat. (Die Lesererwartungen änderten sich schnell, nachdem er 1926 den Kinderbuch-Klassiker „Winnie-the-Pooh“ um den Stoffbären Pooh und den Jungen Christopher Robin aus der Taufe gehoben hatte.)

„Das Geheimnis des roten Hauses“ ist so typisch für einen englischen Landhaus-Mordfall, fürs Subgenre Geschlossener-Raum-Rätsel, elegantes Tänzeln eines feixenden Amateurs zwischen den mechanischen Auftritten der Landpolizei, wie irgendetwas es nur sein könnte. Was seine größte Schwäche schon umschreibt: Für den heutigen Rezipienten tauchen Muster gängiger Unterhaltung, vielfach gesehene Versatzstücke auf, vornehmlich aus gebremst dramatischen Krimikomödien und von diversen Fernsehserien her bekannt, sodass man ein Verlangen nach weniger Vorhersehbarkeit und irgendeinem Schock entwickelt.

Vergeblich leider: Mordschauplatz Bibliothek - und wie ist man herausgekommen bei verschlossener Tür und von außen steckendem Schlüssel? Ein aus Australien auftauchender, von niemandem vorher je gesehener brutaler Bruder des Hausherren. Eine Sommergesellschaft beim Golf. Wenig gebraucht wird die Krocket-Kiste in einer Hütte am Rasenplatz, unter welcher sich irgendwann ein Geheimgang und ein Lauscherposten auftut. Ein dunkler Tümpel, in den man des Nachts etwas versenkt. Die Leiche des freigiebigen, jedoch unberechenbaren Hausherren? Der ist seit dem Mord nämlich nicht mehr aufgetaucht. Auffällig gehetzt und Spuren verunklärend agiert an seiner Stelle im Haus jetzt ein adoptierter Zögling, ein verarmter Cousin ohne Eltern. Eine ältere Schauspielerin erlaubt sich zur Abendgesellschaft einen Scherz, bei dem sie sich als Gespenst ausgibt. Eine Holde aus der Nachbarschaft hat die Huld zweier rivalisierender Herren errungen.

Es knallt im Haus, während alle gerade sonstwo sind. Und der böse Bruder liegt tot auf dem Teppich und soll einem Unfall zum Opfer gefallen sein. Ein Detail allerdings durchkreuzt den ausgetüftelten Plan: Mr. Antony Gillingham, ein Flaneur aus guter Familie, dem in der letzten Zeit sowieso ein bisschen langweilig geworden war und der seine exzentrische Berufung zum Sherlock verspürt. Es knallte in dem Moment, als Gillingham über den Rasen das Parks aufs rote Haus zuschritt. Nachdem er auf einer Fahrt über Land zufällig mitbekommen hatte, dass sein alter Kamerad Bill Beverley zur Teegesellschaft im besagten, feudalen, roten Gemäuer weilt.

A. A. Milnes Neigung zum, dann beim Bären Pooh ja wiederkommenden, sanft spöttelnden Erzählerton, seine optimistische Freude am gescheit Halb-Ernsten lässt sich in der Nacherzählung vielleicht bereits erahnen. Nicht nur, dass sein Gespann Gillingham/Beverley genau weiß, dass sie es mit einer Herausforderung von Sherlock-Holmes-Güte zu tun haben, bei welcher Gillinghams fotografisches Erinnerungsvermögen der Polizei einige Arbeit abnehmen könnte, sie uzen sich auch gleich: Ach bitte sei ein wenig begriffsstutziger, sei mal Watson, inspiriere mich!

Die Leser, wie gesagt, in merry Old England, fanden es vergnüglich. Raymond Chandler in Kalifornien fand es Jahre später allerdings ein Negativbeispiel für Gentleman-Mordfall-Krimis und er gelobte, mit einem Mehr an Gewalttätigkeit und Lebensnähe dem Unglaubwürdigkeitsproblem solcher Bücher beizukommen. Im Essay „Die simple Kunst des Mordes“ klagte Chandler die Geheimnislosigkeit des roten Hauses an.

Zitat:

„Mein Name ist Gillingham. Verzeihen Sie, ich hätte mich längst vorstellen sollen. Also folgendes, Mr. Cayley: Es hat keinen Sinn, uns und anderen etwas vorzumachen. Dieser Mann ist erschossen worden, und ...
„Er könnte ich ja auch selbst erschossen haben“, sagte Cayley.
„Er könnte, aber er hat es nicht getan. Beziehungsweise, falls er es doch getan hat, war jemand dabei und hat anschließend die Waffe mitgenommen. Sowohl die Waffe als auch dieser andere sind verschwunden. Das wird die Polizei sehr interessant finden.“
Cayley schwieg und stierte auf den Boden.
„Ich weiß, wie Ihnen zumute ist“, sagte Antony. „Eine sehr unangenehme Situation, aber man muss den Tatsachen ins Gesicht sehen. Wenn Ihr Cousin mit diesem - diesem Mann hier im Raum war, dann ...“
„Wer hat denn gesagt, daß er mit ihm hier war?“ schnitt ihm Cayley das Wort ab.
„Sie.“


[*] Diese Rezension schrieb: KlausMattes (2015-08-21)

Hinweis: Diese Rezension spiegelt die Meinung ihres Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung von versalia.de übereinstimmen.



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