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Rezensionen


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Lisa Moos - Das erste Mal und immer wieder
Lisa Moos, 20 Jahre lang als Prostituierte in Edelbordellen
und Kaschemmen unterwegs, gab ihren Körper für Geld her,
manchmal umsonst, besonders während der Phasen, die sie
zwischen der harten Realität des Geldbeschaffens und des
Vergessens und der Liebe umhertaumeln ließ. Nur eines tat
sie während dieser Zeit nie, sie gab sich selbst nicht auf,
im Gegenteil, sie schloss sogar ihr Studium erfolgreich ab.
“In meinem Leben habe ich circa sechstausendmal sexuelle
Handlungen jeder Art mit Männern vorgenommen. Fünfmal wurde
mir Gewalt angetan, davon zweimal in meiner eigenen
Familie.”
Ihre biographische Schilderung einer Prostituierten - so der
Untertitel des Buches “Das erste Mal und immer wieder”,
erreichte im Februar dieses Jahres die siebte Auflage, gut
75 000 verkaufte Exemplare.
Dergleichen wurde vieles verfasst, oft standen
besserwisserische Lektoren und Co-Autoren zur Seite, doch
Lisa Moos schrieb das Manuskript eigenhändig, mit
schriftstellerischem Stil und Verve, suchte einen
Literaturagenten, und dieser bot das Buch dem Verlag
Schwarzkopf&Schwarzkopf an, und dort zögerte man keinen
Augenblick, es wurde veröffentlicht. Ihr zweites Buch
“Männer-Roulette” steht kurz vor dem Verkauf auf dem Markt,
auf diesem Buchmarkt, der jährlich bis zu 70 000
Neuerscheinungen beinhaltet. Es ist nicht leichter einen
Bestseller zu landen, als das Leben im ältesten Gewerbe der
Welt.
Wer ist diese Frau, die klar bekennt: “Viele meiner
Entscheidungen habe ich emotional getroffen (...) Es ist
schon komisch, dass nun alle wissen, was ich im Bett so
mache, aber ich kann damit leben.”
Lisa Moos, 1968 in Göttingen geboren ... und den Rest ihrer
20-jährigen Prostituiertenkarriere erzählt die Autorin
bisweilen distanziert, oft erschreckend sensibel, hin und
wieder abgeklärt, und man kann das Buch kaum zur Seite
legen, weil jedes Kapitel erneut die Frage stellt: Wie geht
es weiter? Muss so ein Leben nicht zwangsläufig in der Gosse
landen - alt, verarmt, hässlich geworden und von den Freiern
verschmäht?
Es sei ein faires Geschäft, resümiert sie heute, Geld gegen
Sex.
Die ersten sechs Seiten beginnen fast harmlos im Edelclub
“Champagnerkelch”: Eine Hure bedient noble Kundschaft, vor
dem Sex wird geduscht, saubere Zimmer, gute Bezahlung,
familiäre Atmosphäre. Zugegeben, die ersten Seiten verklären
das Bild, man erwartet lüstern die Beschreibungen
verschiedener Sexpraktiken, leicht vulgär, also dem Gusto
der heutigen Literatur entsprechend, man erwartet eine
unterhaltsame Lektüre. Doch bereits das zweite Kapitel
schlägt wie eine Axt zwischen Idylle und harte Realität:
Lisa Moos, gerade 11 Jahre alt, wird von “Opa Hans” brutal
vergewaltigt. Und die Axt des Lebens schlägt erbarmungslos
zu: der geliebte Vater stirbt viel zu früh, die Mutter
erkrankt an Krebs, das Mädchen wird erneut vergewaltigt und
lässt mit 15 Jahren abtreiben. So beginnt es oft, das
Abgleiten in ein Schattendasein, die Jugend und die
Schönheit scheinbar auf ewig gepachtet, das locker verdiente
Geld, der Luxus inmitten einer schäbig konservativen
Dorfgemeinschaft, die Rebellion, das Unverständnis und die
Sehnsucht nach Liebe schließen den Kreis, und das machte
Lisa zur Hure. Für solch eine junge Frau ist ein
gesellschaftlich geachteter Mann, der sie anfangs liebevoll
behandelt, schon der Märchenprinz, der sie heiratet,
schwängert, das Interesse an ihr verliert und sich bald
darauf ihrer besten Freundin hingibt.
Das nächste Kapitel. Kommt es schlimmer? Ja. Die Mutter
längst sterbenskrank, Lisa alleingelassen mit dem Kind, das
Jugendamt im Nacken, die Ehe zerrüttet. Und das ist erst der
Anfang dieser Autobiographie. Wieder der Taumel zwischen
Prostitution, dem Geld verdienen und “phasenweise Männer,
ausdruckslose Typen die man überall findet (...) nicht einer
von ihnen interessierte mich wirklich”, und sie wurden zum
Fluchtpunkt, dem latenten Wunsch nach Geborgenheit und der
Liebe eines Mannes.
Hier und da ein wenig Licht am Horizont, spendable, ja sogar
einfühlsame Freier und mal floriert das Geschäft, manchmal
zerbricht es, wird zur Seite gelegt, wieder aufgenommen von
der Frau, die sich mit sozialen Missständen nicht zufrieden
gibt. Mal stapeln sich Rechnungen, dann das verdiente Geld.
“Gründe, warum sich Frauen und Mädchen prostituieren, gibt
es sicherlich unzählbar viele. Jede hat ihre eigene
Geschichte, ihre eigene Qual, oder ihre eigene
Hoffnungslosigkeit in sich.”
Lisa Moos wird abermals schwanger, von einer Theken- und
Liebesbekanntschaft namens Stefan, der sich, unwissend
darüber, einfach dünne macht, sprich, zur Fremdenlegion
geht. Das erste Kind Steffen beanspruchen mittlerweile die
Schwiegereltern und das Jugendamt, das zweite Kind
Christopher hält die Mutter eisern fest. Demütigung und
Restriktion treffen aufeinander, Geborgenheit und Glück
bleiben verwehrt. Und man kann noch tiefer sinken, in die
Grauzone, wo sich Männer mit Gewalt nehmen was sie wollen,
ohne zu bezahlen. Es ist ein Wechselbad, dieses Buch,
Höhepunkte und bodenlose Erniedrigung lösen sich einander
ab.
Huren verkaufen Jugend, also einen jungen und schönen
Körper, sie sind Genuss für den männlichen Trieb und mit ein
paar Banknoten einfach zu bekommen. Offiziellen Statistiken
nach betreiben alleine 400.000 dieses Gewerbe. Ihre Dienste
werden eine Million Mal täglich beansprucht. Man erfährt von
der Arbeit in billigen Clubs, wo sich die Mädchen auf einer
Drehscheibe präsentieren, langsam ausziehen und Männer
hinter Glas Taschentücher vollwichsen.
“In der Tat, ich ließ nichts anbrennen. Ich fühlte mich vom
Leben bestraft und gedemütigt und zahlte es, wem auch immer,
zurück. Am meisten mir selbst.”
Szenenwechsel. Lisa Moos siedelt auf eine spanische Insel
über. Nimmt ihren zweiten Sohn Christopher kurzerhand mit.
Zeit für ein Happyend? Nein. Käuflicher Sex ist keiner
Landesgrenze unterworfen und funktioniert überall nach
wirtschaftlichen Aspekten. Bleiben die touristischen Freier
aus, wird`s eng. Christopher ist noch zu jung um zu wissen,
wie seine Mutter das Geld verdient, beide pendeln zwischen
mediterranem Flair und Deutschland, während der kleinen
Auszeiten und der Ferien, ständig mit dem Gedanken sesshaft
zu werden. Zuerst bietet sich der Autobiographin die Chance
die verwahrlosten Häuser zu pachten, in denen sie ein
verkommenes Zimmer zum Zwecke des Anschaffens bewohnt; sie
investiert, renoviert, richtet her, steckt Geld hinten und
vorne rein und bleibt, wegen Missgunst und Neid der
Kolleginnen, auf einem Haufen Schulden sitzen. Solche
Passagen offenbaren das Innerste ihrer Seele, eben aus
Gründen sozialer Aspekte, die man bei einem Freudenmädchen
selten erwartet.
Zurück zur spanischen Insel. Nach schlechten Tagen und der
Sehnsucht, ihren Sohn bei sich zu haben, diesmal der Versuch
aus dem Milieu auszusteigen: sie eröffnet ein Restaurant.
Man ahnt, denn das Buch ist noch nicht am Ende, es wird ein
Flop. Ein Kreis ist ein Kreis, etwas in sich geschlossenes.
Aber Fehler zu machen sind die Summe eines Lernprozesses.
Nun dreht Lisa den Spieß um, sie bleibt nicht länger
Spielball der Lust, sie avanciert zur Domina. Die Männer
liegen ihr sprichwörtlich zu Füßen. Und bezahlen gut, zum
Beispiel dafür, dass man sie in einen Stall sperrt und wie
ein Schwein hält. Oder: Baby-Spiele.
Zum Schluss meldet sich die Liebe ein weiteres Mal zu Wort:
“Und während ich so dalag, mit nacktem, verschwitztem
Oberkörper, den Slip irgendwie verknotet und klitschnass an
den Knien, mit einer Hand Buchstabe für Buchstabe ins Handy
tippend, mit der anderen die Flüssigkeit an den Innenseiten
meiner Schenkel verteilend, wusste ich, ganz gleich wie er
aussah: Ich liebte ihn schon!”
Und er liebte sie, in gänzlicher Harmonie, denn Lisa Moos
war kein Teenager mehr; so jedenfalls das Kredo des letzten
Kapitels “Stille Hoffnung”.
Hoffnungen sterben nie. Das Ende ist ein fast liebesvolles
Ende, eine weitere Periode nach der Suche des persönlichen
Glücks. Jedes Leben, jeder Mensch, so hat auch dieses Buch
drei Seiten - man muss sie lediglich richtig deuten und
imstande sein Gewalt und Sex, Ehe und Einsamkeit,
Prostitution und Muttergefühle zu verstehen. Oder wie
Pythagoras bemerkte: “Man sollte Schweigen oder Dinge sagen,
die noch besser sind als das Schweigen.”
Lisa Moos
Das erste Mal und immer wieder
Autobiographische Schilderung einer Prostituierten
Schwarzkopf&Schwarzkopf Verlag GmbH, Berlin
ISBN: 3-89602-656-9
7. Auflage Februar 2006
Internet: http://www.lisa-moos.de
[*] Diese Rezension schrieb: Hartmuth Malorny (2006-12-22)
Hinweis: Diese Rezension spiegelt die Meinung ihres Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung von versalia.de übereinstimmen.
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