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Alberto Moravia - Ach, die Frauen
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Moravia, Alberto:
Ach, die Frauen

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(Bücher frei Haus)

Eine Prügelei in der Dreikönigsnacht? Ist denn das der richtige Augenblick? „Ich dachte allerdings immer noch an Giacomina, weniger an sie persönlich, als vielmehr an eine Frau wie sie, die den Lauf der Jahre mit einer Liebe für mich anhalten würde, die so wahr und stark sein würde, wie Giacominas Liebe es gewesen war, und ich hoffte stets, ich würde diese Liebe finden, doch fand ich sie nicht.“ Der „sovversivo“ aus Rom kennt die „Grammatik der Gefühle“ (Wagenbach) und improvisiert auf dieser Tastatur sowohl als Mann als auch als Frau. Denn in einigen seiner hier vorliegenden und von Klaus Wagenbach zusammengestellten Kurzgeschichten schlüpft Moravia auch in die Rolle des anderen Geschlechts und legt deren Gefühle und Gedanken feinsinnig frei. Gleich in der ersten Geschichte, „Der Tisch aus Birnbaum“, zeigt Moravia, dass man die Liebe eigentlich erst erkennt, wenn sie vorbei ist und die größten Lieben stets die tragischsten sind. „Damals wusste ich nicht, dass dies meine schönsten Jahre waren, so etwas weiß man erst hinterher.“ Mit 33 ist der Protagonist am Ende seiner Liebe zu der Frau, die bis dahin sein Leben beherrschte, weil er vernarrt in sie war und sie ihn um seinen Verstand gebracht hatte. Die Jahre vergingen darauf erst im „Schritt, dann im Trab und schließlich im Galopp“ und dennoch war es dies was blieb, die Erinnerung an sie.

Birne oder Mahagoni?
„Ich war jetzt über 45 und an dem Tag, an dem ich mich umzog, betrachtete ich mich im Spiegel, den ich zum Rasieren aufgehängt hatte, und blickte in ein müdes und trauriges Gesicht; und da wusste ich, dass die schöne Zeit unwiederbringlich vorbei war und dass Giacomina nicht mehr zurückkommen würde.“ Ist es das, was am Ende von uns bleibt, die schönen Erinnerungen, das letzte Paradies aus dem uns niemand vertreiben kann? In der Verklärung der Vergangenheit kann man leichter sein Glück finden, als in einer schnöden Gegenwart, die man nicht als das erkennt, was sie eigentlich ist: die schönste Zeit des bisherigen Lebens, die Subsummierung und Fülle alles bisher Erlebten, die Quintessenz aus Vergangenheit und zukünftigen Hoffnungen. Das Ende von „Der Tisch aus Birnbaum“ ist ironisch und zeigt, dass manchesmal auch im Streit die Liebe des Augenblickes liegt, der ein Paar vereint. „Und es war Liebe; und genaue wie wir bemerkten wir sie nicht; und wenn sie es endlich merken würden, wäre es zu spät.“ Und dann muss es doch Birne sein und nicht Mahagoni, weil sie es so will.

In der Liebe und im Krieg: keine faulen Kompromisse
Betrachtungen über Platons Kugelwesen, die ihre Einheit im Uneinssein suchen, ihre Kraft in der Schwäche und ihre Freuden im Schmerz finden, wechseln sich ab mit Tagträumen von Stränden und Wäldern an denen man ein idealisiertes Paar imaginiert, das so gar nichts mit der eigenen Partnerschaft zu tun hat, den dann würde man auch in diesen Visionen sich selbst sehen, mit ihr, mit der man sein Leben teilt. In „Der Spaziergang des Spanners“ ist – trotz des ominösen Titels – eine sehr kluge Wahrheit verborgen, darüber, was wahre Liebe sein könnte und auch darüber, was faule Kompromisse in der Liebe sind. „Versöhnung“ ist der Titel einer anderen gekonnt geschriebenen Kurzgeschichte, in der ein Mann sich auf das Inserat seiner Frau meldet, die ihre gemeinsame Wohnung vermieten will. In „Zu arm“ beschreibt Moravia gekonnt das Gefühlsleben einer jungen Frau aus ihrer Perspektive: „Ich bin sozusagen traumatisiert fürs ganze Leben, und wie man sagt, beruht es auf (...). Kurz, ich möchte bewertet, abgeschätzt, gekauft und genossen werden, wie man einen seltenen und kostbaren Gegenstand bewertet, abschätzt, kauft und genießt. Die anderen Arten der Liebe interessieren mich nicht.“ Das Fazit lautet dann nur allzu klar: „Ich fürchte, ich werde für immer ein Gegenstand auf der Suche nach einem Eigentümer sein.“ In „Der Schrank“ spaltet sich die Erzählerin einfach in zwei Persönlichkeiten auf, damit sie weniger unter der Liebe der anderen leidet: „je mehr ich liebte, desto mehr demütigte ich mich, indem ich mich selbst aus meinem Herzen verbannte und den geliebten Menschen darin aufnahm“. Aus der Festung wird alsbald ein Gefängnis und wer sich schützt, verletzt allzu oft die andere. Wesen im Konflikt mit sich selbst oder einfach nur „Alte Trottel“, wie eine andere Geschichte heißt? Alberto Moravia versteht es wie kein anderer, das Gefühlsleben von Frauen und Männern zu sezieren und ansprechende literarische Bilder dafür zu finden: „Mir war, als hätte ich eine Art Mausefalle im Mund, die jedesmal erst mit dem Spanner geöffnet werden musste“. Ein Problem mit der Autor sicher nie zu kämpfen hatte. Herrlich kurzweilig und amüsant und dennoch nicht nur unterhaltsam, sondern auch sehr bildend verhelfen einem die Kurzgeschichten Moravias zu einem „dramatischen Lebensgefühl“, immer im „richtigen Augenblick“.

Alberto Moravia
Ach, die Frauen
Die schönsten Erzählungen ausgewählt von Klaus Wagenbach
Wagenbach SALTO
2014

[*] Diese Rezension schrieb: Jürgen Weber (2014-12-26)

Hinweis: Diese Rezension spiegelt die Meinung ihres Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung von versalia.de übereinstimmen.



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