Zufallstext: Neu / Klassisch / Rezension | Der Bücherwurm          
  Biographien Rezensionen Diskutieren im versalia-Forum Das versalia.de-Rundschreiben abonnieren Service für Netzmeister Der versalia-Kulturkalender Lesen im Archiv klassischer Werke Ihre kostenlose Netzbibliothek

 


Rezensionen


 
Jurij Nagibin - Steh auf und wandle
Buchinformation
Nagibin, Jurij - Steh auf und wandle bestellen
Nagibin, Jurij:
Steh auf und wandle

Bei amazon bestellen

(Bücher frei Haus)

Die Sowjetunion 1928. Da fängt noch ein fröhliches Kind Schmetterlinge für seine Sammlung, bald schon aber schickt man seinen Vater in die Verbannung nach Irkutsk. Der Grund: Er war ein mäßig erfolgreicher Börsenmakler während der Zeit von Lenins Neuer Ökonomischer Politik, der NÖP (NEP). Das bringt ihn in den Ruf eines Volksverräters, offiziell verurteilt man ihn jedoch wegen rechtstrotzkistischer Neigungen, der Mitgliedschaft in einer konterrevolutionären Organisation. Ein Beispiel von vielen, wie Stalins politische Maßnahmen die Reihen des Volkes rücksichtslos lichten, erzählt vom Sohn des Verbannten, der ein erfolgreicher sowjetischer Schriftsteller wurde.

"Er war angetan von mir, war stolz auf mich, aber er glaubte nicht an mich. Glaubte nicht, wenn er meine Bücher mit Erzählungen und sogar die seltenen lobenden Rezensionen über sie las; glaubte nicht, wenn ich ihn bestens gekleidet am Steuer meines 'Pobeda' durch Moskau fuhr."

Das Verbannungssystem ist perfid und lässt den Vater Zeit seines Lebens nicht mehr los, obwohl er sich zu einem Enthusiasten des Sowjetsystems entwickelt, der all seine Kraft in den zweiten Fünf-Jahres-Plan steckt. Wer einmal ein Volksverräter ist, der ist es immer. Und so wird der Vater schon bald nach der Freilassung wieder vor Gericht gestellt. Das Vergehen? "[...] alle wußten in gleicher Weise, daß es keinerlei Schuld gab. Das wußten die, die die Inhaftierten bewachten, ebenso wie die, die sie verhafteten, und die, die sie der nicht begangenen Verbrechen beschuldigten; das wußten auch die, die über sie zu Gericht saßen und sie verurteilten, ebenso wie die, die sie von einem Gefängnis zum anderen trieben, und die, die mit dem Gewehr in der Hand um den Stacheldraht der Lager marschierten. Das wußten alle, vom Kleinsten bis zum Größten, vom Kind bis zum Greis, aber es war, als ob sie sich verabredet hätten, dieses verhängnisvolle Spiel immer weiter zu spielen." - und das Spiel geht immer weiter.

"Ich gehörte zu der glücklichen und unreinen Generation, die nach der Revolution geboren ist: ordentlich – so weit die Kräfte reichen, standhaft – soweit die Kräfte reichen, gut – so weit die Kräfte reichen, mit anderen Worten: gerade noch in der Lage, zwischen dem eigenen Untergang und dem Verrat zu wählen" - gesteht sich Nagibin ein und so muss sich auch er für den Verrat entscheiden, um sich selbst zu retten. Fortan verschweigt er seinen leiblichen Vater in den offiziellen Formularen, sogar vor seiner Frau, denn auf den Sohn eines Volksverräters ist kein Verlass, er dürfte keine Karriere machen. Und so funktionieren alle menschenunwürdigen Systeme: Jeder möchte nur seine eigene Haut retten, weil er sich ohnmächtig glaubt und jeder Widerstand nur zu seiner eigenen Vernichtung führen würde. Zu echten Opfern sind die wenigsten bereit.

Wann "Steh auf und wandle" geschrieben worden ist, ist nicht bekannt. Es erschien 1987 im Zuge der Perestroika - um ein wenig Licht in das Dunkel der sowjetischen Geschichte zu bringen.

[*] Diese Rezension schrieb: Arne-Wigand Baganz (2005-07-06)

Hinweis: Diese Rezension spiegelt die Meinung ihres Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung von versalia.de übereinstimmen.



-> weitere Bücher von Jurij Nagibin ansehen

->  Stichwörter: Stalinismus

-> Möchten Sie eine eigene Rezension veröffentlichen?

[ weitere Rezensionen : Übersicht ] · Mehr über Steh auf und wandle

 



Aus unseren Buchrezensionen


Wann ist der Mensch am stärksten?Lee, Gi-Hyung:
Wann ist der Mensch am stärksten?
Indem Lee Gi-Hyung die Wiedervereinigung Korea beschwört, verausgabt er sich im Suchen des Gesagten, der sich erschöpft hat am tosenden Lärm der Welt. Die wahre Tragödie ist es, keinen Ort zu haben als im Wort, in der selbst erschaffenen Sprache, und diesen einzigen Ort zu verlieren noch vor dem physischen Tod, verstummt oder vergessen [...]

-> Rezension lesen


 Herz über KopfHahn, Ulla:
Herz über Kopf
Der vor nunmehr fast dreißig Jahren erschienene Debut-Gedichtband einer damals als Literaturredakteurin bei Radio Bremen tätigen, ansonsten weitgehend unbekannten Autorin löste einen Lyrikdiskurs aus, der mitunter weniger von der eigentlichen Debatte über die Qualität des Buches geprägt schien als vielmehr von der Tatsache, [...]

-> Rezension lesen


StillerFrisch, Max:
Stiller
Was ist nur mit diesem Roman, dass er mich so fasziniert (ich verschlinge sogar schon Kommentare der hauptamtlichen Damen und Herren Literaturkritiker!)? Das blaue(hellblaue?), untersetzte und etwas abgegriffene Suhrkamp-Taschenbuch liegt nun wieder einmal vor mir; die vierhundertfünfzig Seiten – von der Seite betrachtet – [...]

-> Rezension lesen


 Moskau & St. PetersburgBowlt, John:
Moskau & St. Petersburg
In der Reihe „Die Metropolen & ihre Belle Epoque“ sind beim Christian Brandstätter Verlag bereits „Wien 1900“ und „Berlin in den 20ern“ erschienen. Die Reihe zeichnet sich durch mit Sachkenntnis geschriebene Texte aus, die durch eine Vielzahl an Bildmaterial illustriert werden. Darunter befinden sich nicht nur zeitgenössische Fotos und [...]

-> Rezension lesen


Anmelden
Benutzername

Passwort

Eingeloggt bleiben

Neu registrieren?
Passwort vergessen?

Neues aus dem Forum


Gedichte von Novalis

Verweise
> Unser Buchladen
> Lyrikband seelengruende
> Neue Gedichte: fahnenrost
> Kunstportal xarto.com
> Suchmaschine z3ro.net

005 Micro Button 3  88x31 / SBS

Das Fliegende Spaghettimonster

netzbibliothek | Anti-Literatur | Termine | Buchladen | Topliste | FAQ | Impressum | Rechtliches | Partnerseiten | Seite empfehlen | Literatur | Schlesien | RSS

Systementwurf und -programmierung von zerovision.de

© 2001-2010 by Arne-Wigand Baganz
v_v3.05 erstellte diese Seite in 0.194137 sek.