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Ferzan Özpetek - Hamam - Das türkische Bad
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Özpetek, Ferzan - Hamam - Das türkische Bad bestellen
Özpetek, Ferzan:
Hamam - Das türkische
Bad

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(Bücher frei Haus)

Man kann diesen Film ansehen und sich einfach von der Handlung fesseln lassen. Francesco, ein junger römischer Innenarchitekt (Alessandro Gassman), erbt von seiner Tante ein altes Haus in Istanbul. Um es rasch zu verkaufen, reist er für wenige Tage in die Türkei - und kommt nie mehr zurück. Er verfällt dem Zauber der Stadt, freundet sich mit den bisherigen Hausgenossen seiner Tante an und beginnt, das alte, stillgelegte Türkische Bad im Haus zu restaurieren; er will es wieder in Betrieb nehmen und weigert sich, das Haus an Bauspekulanten zu verkaufen. Nach einigen Monaten besucht ihn Martha, seine Frau (Francesca d'Aloja), in Istanbul. Sie unterhält schon seit Jahren insgeheim ein Verhältnis zu seinem Geschäftspartner und will sich jetzt scheiden lassen. Das wird ihr dadurch erleichtert, dass Francesco inzwischen eine Beziehung zu Mehmet, dem Sohn des Hauses (Mehmet Gunsur), eingegangen ist. Martha siedelt nach heftigem Streit ins Hotel über. Noch vor ihrem Rückflug wird Francesco von einem Abgesandten der türkischen Mafia erdolcht. Martha bleibt nun ihrerseits in Istanbul und tritt an die Stelle des Ermordeten.

Man kann den Film anschließend daraufhin untersuchen, auf welchen Bedeutungsebenen er noch spielt. Ein erster Schlüssel ist die Einblendung des Todestages der Tante in der Anfangsszene: 21.4.1995. Der 21.4. ist in der legendären Überlieferung der Tag der Gründung Roms. Die Tante stirbt also am Geburtstag Roms in Istanbul, das bekanntlich als Konstantinopel das zweite Rom war. Hier werden bereits Gegenwart und Antike, Orient und Okzident verklammert. Man kann die Reise nach Istanbul und den Film überhaupt als eine Art Fahrstuhl in die antike Welt auffassen. Francesco verwandelt sich in erstaunlich kurzer Zeit von einem modernen, gehetzten Westeuropäer in einen Mann einer zeitlosen, am Mittelmeer von jeher beheimateten Humanität.

Zu einem vertieften Verständnis kommt man, wenn man die Namen der Personen entschlüsselt. Francesco ist der kleine Franco, und Franken sind wir Westeuropäer seit Byzanz für den Orient. Francesco ist so gesehen ein kleiner privater Kreuzritter, der seinen materiellen Vorteil in Konstantinopel sucht, um in Istanbul hängen zu bleiben und die letzten Monate vor seinem Tod sehr glücklich zu werden. Sein neuer Vater dort heißt Osman, nach dem großen Sultan, dem Gründer des Reiches, dessen Kultur auch, aber nicht ausschließlich gemeint ist, wenn Mehmet sagt, seine Liebe zur Tradition sei ihm von Francescos Tante, einer Italienerin, eingepflanzt worden. Mehmet ist aus dem Eroberer Konstantinopels zu einem von Herzen geworden, und das ist auch viel besser so.

Mehmet bedeutet auch Mohammed, doch nicht im Sinne des Propheten, sagt mein Lexikon. Die große Distanz des Filmes zu heutigen Religionen ist auffallend, bei einer Heimkehr in die Antike allerdings nur konsequent. Der Islam kommt faktisch nicht vor. Man sieht nur eine einzige Moschee, ganz am Schluss des Filmes, wenn die Menschen alle aus dem Bild verschwunden sind und die Kamera abschließend über Stadt und Bucht schwenkt. Francesco geht zu Beginn seines Aufenthaltes in Istanbul einmal ziemlich unbeteiligt durch eine kleine, zufällig von ihm entdeckte christliche Kirche. Danach tritt wie ein Psychagoge ein hinfälliger alter Mann auf ihn zu und lässt sich von ihm in ein Hamam führen. Francesco lernt jetzt erstmals ein Badehaus und damit die aus der Antike stammende Badekultur kennen. Das erinnert von fern an "Tod in Venedig", der Film könnte auch "Tod in Istanbul" heißen, denn wie Aschenbach in Venedig wird Francesco gegen seine vordergründige Absicht durch äußere Einflüsse an der rechtzeitigen Abreise gehindert, was seinen inneren Wünschen sehr entgegenkommt.

Martha bedeutet aramäisch "Herrin", ein Hinweis auf Formen des Matriarchats in der frühen Welt. Und - schnoddrig ausgedrückt - sie übernimmt am Ende ja auch den Laden. Ihr zeitweiliger Geliebter in Rom ist Paolo, der seinen Namen ebenfalls nicht zufällig trägt, sondern nach dem Apostel, der im Römerbrief die Laxheit der Römer gegenüber der Homosexualität anprangert. Paolos Aussehen entspricht dazu passend weitgehend der Aposteldarstellung in der älteren Malerei: hager, schwarzbärtig, nur das Haupthaar ist noch kaum gelichtet.

Setzt man alle entschlüsselten Daten und Namen - es sind noch bedeutend mehr - in Beziehung, so kann man als Botschaft des Filmes herausdestillieren: Der Okzident findet seine Identität im Kontakt mit dem traditionellen Orient, und beide sind tödlich bedroht von monströsen globalen Entwicklungen. Ironischerweise stirbt Francesco auf eine Weise, die ihm auch in Neapel hätte widerfahren können. Er hatte in Istanbul die soziale und ökonomische Gegenwart aus den Augen verloren, er war, trotz deutlicher Warnungen, zu sehr mit dem eigenen Glück beschäftigt.

Der Regisseur Ferzan Özpetek ist ein seit Jahrzehnten in Italien lebender und arbeitender Türke aus jener Schicht von Istanbuler Intellektuellen, für die Orhan Pamuk ein weiteres Beispiel ist. Spiegelbildlich lautet die Botschaft des Filmes auch: Lasst uns Laizisten in der Türkei nicht allein. Wir gehören zu euch - wie ihr zu uns. Dieser wundervolle Film wirbt dafür geschickt und eindringlich.

[*] Diese Rezension schrieb: Arno Abendschön (2011-03-06)

Hinweis: Diese Rezension spiegelt die Meinung ihres Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung von versalia.de übereinstimmen.



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