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Ingrid Pfeiffer - Esprit Montmartre Die Bohème in Paris um 1900
Buchinformation
Pfeiffer, Ingrid - Esprit Montmartre Die Bohème in Paris um 1900 bestellen
Pfeiffer, Ingrid:
Esprit Montmartre Die
Bohème in Paris um 1900

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(Bücher frei Haus)

Kann man das mondäne Paris der Belle Epoque und den Montmartre als Gegensatz sehen? Yves Perrier schreibt in seinem Grußwort zur vorliegenden Publikation des renommierten Hirmer Verlages, dass der „Hügel“ damals, also um 1900, durchaus noch einen etwas „dörflichen Charakter“ gehabt hätte, der viele Dichter, Komponisten und Maler aufgrund seiner billigen Mieten angezogen hatte. Picasso, der damals in seinem Atelier Bateau-Lavoir am Butte über 700 Studien angefertigt haben soll, hat über seine Zeit am Montmartre gesagt: „Nous aurons vraiment été heureux que là“ (Nie waren wir so glücklich wie hier). Auch ohne Strom und einem Wasserhahn für alle. Hier soll auch eines seiner bekanntesten Werke entstanden sein: „Les Desmoiselles d’Avignon“, laut Andre Breton „das bedeutendste Ereignis des frühen 20. Jahrhunderts.“ Dieses Werk ist auf der Ausstellung zwar nicht zu sehen, dafür aber 200 weitere Werke von 26 Künstlern, die zwischen 7. Februar und 1. Juni 2014 in der Schirn Kunsthalle Frankfurt gezeigt werden und auch in dem hier vorliegenden Ausstellungskatalog wird diese Vielfalt in all seiner Pracht repräsentiert.

Ursprung der Commune?
Um 1900 lebten nicht nur Vincent van Gogh, Toulouse-Lautrec oder der junge Picasso am Butte, sondern man genoß auch einen bis heute unvergesslichen Anblick von oben auf das Paris zu seinen Füßen. Die Kirche Sacre-Coeur (1889), die Varietés, Cabarets, Cafés, aber auch Zirkusse (z.B. „Le Cirque Médrano“) und Clownereien, Arbeiter, Bettler und Clochards zeichneten dieses Viertel aus, auch wenn der berühmte Place du Tertre damals noch den Wäscherinnen vorbehalten war und sich kaum ein Tourist hierher verirrte. Es war eine arme, aber sehr besondere Gegend, mit niederen Häusern, vielen Elendshütten, aber eben auch heimeligen Cafès wie das „Chat Noir“ oder das Cabaret „La Lune Rousse“ und „Quat´z´Arts“. Der Montmartre sei damals geradezu das Gegenteil der schillerenden Belle Epoque gewesen, schreibt etwa Ingrid Pfeiffer, die Herausgeberin, in ihrem Beitrag zu vorliegender auch mit Fotos reich illustrierter Publikation. Sie sieht den Ursprung der Commune de Paris von 1871 ebenso im Montmartre, wie den Schauplatz von Varietés und Cabarets im unteren Viertel des Hügels, wo sich auch heute noch das Vergnügunsviertel befindet. Louise Michel, die „rote Jungfrau“ war hier geboren worden und arbeitete als Volksschullehrerin am Butte, bis sie durch die Commune berühmt wurde.

Nostalgie nach der Bohème
Der Montmartre ist einerseits also der Butte, andererseits Boulevard de Clichy und Place Pigalle („Pigalle, Pigalle, das ist ne große Mäusefalle, mit-t-e-n in Pa-ris“, sang einst Bill Ramsey). Insgesamt ist der Montmartre also sowohl die Heimat einer politischen als auch sozialen Revolution, die allerdings in der Dritten Republik ausblutete. 30.000 Tote und 40.000 Vertriebene waren das Vermächtnis der ersten proletarischen Revolution von 1871. Und damit hatte auch die Bohème und Romantik ihr Grab darin gefunden, denn die neue erbaute Kirche Sacre-Coeur wurde zum Symbol der Rückeroberung des Terrains durch Staatsmacht und Kirche. Das Gebäude war errichtet worden, um die Abbüßung der Sünde der Kommune zu leisten. Die Bohème wurde dann natürlich erst recht für untot erklärt und zelebriert, gerade von so bürgerlichen Genies wie Picasso, die sich wie Handwerker kleideten und in Baracken wohnten, um ihr Faible für die untergegangene Kultur zumindest als Nostalgie zu verkörpern. Es gehörte folglich zum guten Ton, sich mit den „Erniedrigten und Beleidigten“ zu solidarisieren, um als authentischer, volksverbundener Künstler zu gelten. Dementsprechend illuster sind natürlich auch die Motive der Maler vom Montmartre, die u.a. Clochards, Prostituierte, Freier oder Zuhälter, aber auch Drogensüchtige und Kleinkriminelle porträtierten.

Die Kultur des Lasters
Die „Ballade de joyeuse bohème“ (1882) von Eugène Torquet beschreibt das Programm und den Lebensinhalt am besten mit den Worten: „Je serai, - j'ai la tête dure - Peintre, poète ou cabotin“, auch wenn es ein bittres Leben wird, so doch eines, in dem der schnöde Mammon nichts gilt und man frei ist von Verpflichtungen. In den rund 40 Cabarets und Varietès, die es am Butte um 1900 gab, galt es als Ritual die ankommenden Gäste zu beschimpfen, so fühlte die bürgerliche Kundschaft gleich die Exotik des jeweiligen Etablissements am eigenen Leib und die Erwartungshaltung stieg gleichsam ins Erotische. Das Überangebot an Lastern – der meist grünliche Schleier auf vielen Gemälden dieser Epoche stammte zumeist vom übermäßigen Konsum des Absinths – brachte auch eine differenziertere Kultur desselben hervor. So unterschied man bei den Prostituierten etwa zwischen grisettes, lorettes und gigolettes und deren Gewohnheiten und Ansprüche waren ebenso unterschiedlich wie aufmunternd. Eine ungemeldete Prostituierte konnte damals wesentlich mehr als eine ungelernte Arbeiterin verdienen und konnte sich zudem einer besseren Gesundheit erfreuen, da die Arbeit für Frauen in der Präindustrialisierungsphase alles andere als gesundheitsförderlich war. Allerdings schreibt Pfeiffer in ihrem Beitrag auch von den „maison d’abbatage“ (deutsch: Schlachthäuser) in denen es den angemeldeten Prostituierten kaum besser ging als in der Fabrik: im sechs Minuten Takt mussten sie ihre Kunden befriedigen, ohne sich zwischendurch waschen oder Pausen einlegen zu dürfen. Henry Ford läßt grüßen.

„ L‘esprit montmartrois“
Dass sich am „Butte Termitière“ auch Steinbrüche befunden hatten, die ab und an Erdrutsche verursachten erzählt Chloe Langlais, die sich in ihrem Beitrag der Bohème am Montmartre um 1900 widmet. Der „esprit montmartrois“ wird unter anderem in der Person von Maxime Lisbonne beschwört, der als ehemaliger Kommunarde erste ins Gefängnis kam, dann aber ein Netz von Kneipen am Montmartre eröffnete. Beeindruckend sind neben einigen Reprographien alter Stadtpläne des Viertels außerhalb der Mauern Paris‘ (genauer der Mur de Fermiers Généreux, der Zollamtsmauern) natürlich die vielen Abbildungen einiger der berühmtesten Gemälde der Epoche, aber auch vieler noch unbekannter zu entdeckender Künstler. Die Sujets reichen von Absinthtrinkern im Zylinder hin zu mit Blumen geschmückten eleganten Damen, deren Kleidung in rot und schwarz erstrahlt. Giovanni Boldini’s „Scène de fete Moulin Rouge“ (1889) ist ein solches Beispiel, das den Glanz jener Zeit repräsentativ einfängt und gleichzeitig auch auf den Fluch jener Epoche verweist: alkoholisierte Männer und lüsterne Frauen, da blieb kaum Platz für romantische Verklärung, aber viel Energie für Nostalgie. Weitere Artikel stammen von N. Bakker, M. A. Castor, Ph. D. Cate, D. Devynck, A. Hopmans, P. Kropmanns, C. Langlais, V. Panyella, R. Parker, I. Pfeiffer, M. Raeburn. 320 Seiten, 330 Abbildungen in Farbe und Schwarz-Weiß, 24 × 29 cm, gebunden, Hirmer, 2014. Als weitere Besonderheit enthält diese Publikation des Hirmer Verlages auch einen Stadtplan des Montmartre Viertels mit einem Verzeichnis der berühmtesten Adressen der wichtigsten Künstler des Quartiers. Ein Buch, wie ein Fest für die Sinne!

Ingrid Pfeiffer/Max Hollein
Esprit Montmartre
Die Bohème in Paris um 1900
Ausstellung Schirn Kunsthalle Frankfurt 7.Februar-1.Juni 2014
Hirmer Verlag

[*] Diese Rezension schrieb: Jürgen Weber (2014-02-18)

Hinweis: Diese Rezension spiegelt die Meinung ihres Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung von versalia.de übereinstimmen.



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