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Hans Platzgumer - Am Rand
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Platzgumer, Hans:
Am Rand

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(Bücher frei Haus)

1,2,3,4,5,6…7? Die Anzahl der Leichen in diesem Roman ist gleich hoch wie jene der Bücher, die der Vollblut-Musiker und ehemalige Underground-Rock-Star schon geschrieben hat. Aber natürlich ist das keine hierarchische Reihung, denn schon sein Karatelehrer hat ihm „Hitotsu“ beigebracht, was so viel bedeuten kann wie „erstens“, aber auch „einerlei“. Denn nichts ist wichtiger als das andere, alles hat seinen Zweck und kann seine Erfüllung nur in der Gesamtheit aller Teile finden. Folgerichtig steht auch über jedem der Kapitel in diesem 208-Seiten-starken Roman dasselbe Wort: Hitotsu. Natürlich ist auch in diesem sechsten Buch Platzgumers nichts autobiographisch und etwaige Ähnlichkeiten rein zufällig und unbeabsichtigt. Dennoch ist auch Gerold Ebner, der Protagonist, ein Fan des Karate-Sports und als solcher so stark, dass er es nicht nur schafft seinen Großvater – einen kräftigen Bauarbeiter - zu erwürgen, sondern auch seinen Kumpanen Guido, der immerhin den schwarzen Gürtel in Karate trägt. Aber beim Großvater war es ohnehin schwieriger, das lag wohl auch daran, dass Guido dem Gerold bei seiner eigenen Euthanasie half, schließlich lag vor ihm nur mehr ein Leben ohne Stimme oder Kehlkopf, künstliche Ernährung und ein unendlicher Betttod.
Horreur oder Horror vacui?
Was hier so lapidar schrecklich daherkommt ist aber keinesfalls ein Kriminalroman, auch wenn es wirklich viele Tote gibt, denn Platzgumer steigert den Horreur noch um einiges, legt noch einiges nach, antibürgerlichen Ennui, der sich in der Dekadenz des Leidens anderer allzu gerne sonnt. Hans Platzgumer fordert den Leser heraus, da er in kurzen, lakonischen Sätzen eine grausame Geschichte - noch dazu aus der Perspektive des Mörders - erzählt. Aber man würde Gerold Ebner unrecht tun, ihn als einfachen Mörder zu bezeichnen, denn nur zwei der Leichen des hier vorliegenden Romans gehen auf sein direktes Einwirken zurück. Eine unerwartete Wendung erhält die Geschichte um Gerold Ebner durch seine Freundin Elena, die ihren Kinderwunsch ihm gegenüber immer wieder artikuliert und durch einen Zufall dann sogar in den Genuss desselben kommt. Aber auch der dem jungen Paar zugelaufenen Sarah steht ein furchtbares Schicksal bevor, gemeinsam mit ihrer neugewonnen Mutter muss auch sie erfahren, was es heißt den „Rand“ zu überschreiten.

Feinsinnge Betrachter
Die absurde Wendung - oder Peripetie? - im Roman wird ebenso lakonisch erzählt wie der Rest der Handlung des Romans, der besonders durch seine Personenbeschreibungen zum Leben erwacht. Denn die Handlung ereignet sich ohne bedeutendes Zutun des Autors, Gerold ist sich seines Verhaltens immer voll bewusst und versucht auch nie es zu entschuldigen, auch wenn er manches dann vielleicht doch bereut. Schließlich ist es nicht seine Schuld, dass der Tod ihn schon sehr früh geprägt hat, dass seine Freunde aus der Südtirolersiedlung ebenfalls früh starben und für ihn das Töten eher ein Akt des Erbarmens ist als Grausamkeit. Minutiös beschreibt er wie ein Freund in einen Stromkreis mit 15.000 Volt geriet und ihn sein Arbeitskollege versuchte mit einem Brett daraus zu befreien und ihn so beinahe nochmals totschlug. Der Tod ist für Gerold ein Gnadenakt und erst als er auch ihm nimmt, was er am meisten liebt, versteht er, dass das Sterben nichts Glamouröses ist, sondern auch sehr viel mit Angst zu tun hat. „Leichtfertig werde man als wahnsinnig eingestuft“, so Gerold, „und doch bleibt das immer nur Betrachtung von außen. Weil der Betrachter nicht feinsinnig genug ist, gilt der Betrachtete als irrsinnig.“
Hans Platzgumer vergisst natürlich nicht darauf, auch sich selbst in die Geschichte einzubauen, was einerseits zwar als selbstreferentiell zu verurteilen ist, andererseits aber so charmant geschieht, dass man gewillt ist, es ihm - zumindest dem Platzgum“m“er - zu verzeihen. Selbst die direkte Anrede des Lesers mit „Sie“, was allgemein als verpönt gilt, macht der Autor durch eine gute Erklärung wett, denn wer jemals schon bergsteigen war, wird wissen, dass auf jedem Gipfel auch ein Gipfelbuch auf ihn wartet: So eines hat der Bergsteiger Gerold Ebner geschrieben und am Bocksberg unter einen Felsen gelegt und „Sie“ halten es beim Kauf des Buches nun in Ihren Händen.

Hans Platzgumer
Am Rand
Roman.
Zsolnay, 2016,
208 Seiten,
ISBN 978-3-552-05769-2

[*] Diese Rezension schrieb: jürgen Weber (2016-04-23)

Hinweis: Diese Rezension spiegelt die Meinung ihres Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung von versalia.de übereinstimmen.



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