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Beatriz Preciado - Pornotopia
Buchinformation
Preciado, Beatriz - Pornotopia bestellen
Preciado, Beatriz:
Pornotopia

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(Bücher frei Haus)

Als Hugh Hefner im November 1953, mitten im Kalten Krieg, sein ganzes Eigenkapital in die Finanzierung der ersten Ausgabe des Playboy investierte, wusste er noch nicht, dass er damit nicht nur das Gesicht Amerikas, sondern das der ganzen Welt radikal verändern würde. Während in den Fünfzigern die ersten Vorstadtsiedlungen entstanden und die zunehmende Mobilität durch die Verbilligung der Automobile die Trennung zwischen Stadt und Landidentität und damit Arbeitsteilung zwischen Mann und Frau festzuschrieben schien, verfolgte der „Playboy“ eine den herrschenden Moral- und Sittenvorstellungen völlig entgegengesetzte „ Gegen welt“. Obwohl es Anti-Obszönitätsgesetze schon im 18. Jahrhundert in den USA gab, wurden die Aktfotos aber nicht verboten, sondern durchaus als „Material zur `strategischen Unterstützung der Truppen´ produziert“ und weiter verteilt. Hätte man Aktfotos in Friedenszeiten für eine Bedrohung der heterosexuellen Familie gehalten, wurden sie in Kriegszeiten sogar gefördert, man denke nur an die zahlreichen „Pin-Ups“ auf den Kriegsflugzeugen der Soldaten. 1953 verkaufte Hefner die erste Ausgabe seines Playboy 70.000 Mal, 1959 waren es bereits über eine Million, von den Sechzigern bis in die Achtziger kontinuierliche 7 Millionen verkaufte Exemplare pro Ausgabe. Die Idee dahinter: „Die Kultiviertheit des Esquire und der New York Times mit der Kunst des Pin-Up zu würzen.“, so Hefner selbst in einem Interview.

Eine parallele Utopie: die eigenen vier Wände
Dem „Playboy“-Gründer Hugh Hefner war es Mitte der Fünfziger gelungen, das zu erfinden, was heute gerne als das „Disneyland für Erwachsene“ bezeichnet wird. „Wenn die Playboy-Mansion ein Disneyland für Erwachsene ist, dann ist das Disneyland eine Playboy-Villa für Kinder“, wie die Zeitschrift Times ironisch hinzufügt, mögen beide Erfolgsgeschichten dem Umstand zu verdanken sein, dass sowohl Mickey Mouse als auch die Bunnys über große Ohren verfügten. Der „Stubenhocker“ Hefner, der Zeit seines Lebens in seinem runden rotierenden Bett in einer seiner Playboy-Villen verbrachte – stets in tadellosem Pyjama aus Seide gekleidet und mit Pfeife im Mundwinkel - wollte dem amerikanischen Mann ein politisches Bewusstsein dafür verschaffen, dass er das Recht auf einen häuslichen Bereich hat und letztlich auch das Recht, einen autonomen, nicht von den sexuellen und moralischen Normen der heterosexuellen Ehe bestimmten Raum zu kreieren, behauptet nun Beatriz Preciado in „Pornotopia“. Er habe für die Erschaffung einer parallelen Utopie gekämpft: das „Imperium des Junggesellen in der Stadt“. Im Gegensatz zu den herkömmlichen Männermagazinen, die sich etwa mit der Jagd (die „stag“ magazines) beschäftigten, sollte sich der Playboy aber mit den „Innenräumen“ des Mannes beschäftigen und diesen in seinem Habitat auch der Öffentlichkeit vorführen. In seinem Leitartikel schreibt Hefner schon von Anfang an: „Aber wir kündigen es gleich an, dass wir die meiste Zeit in unseren vier Wänden verbringen werden. Wir lieben es daheim zu sein.“

Das Private: unter Kontrolle, Normierung, Enteignung
Diese Kampfansage an den für die Frauen vorgesehenen Kompetenzbereich und das weibliche Territorium erfolgte genau zu einer Zeit, als die klassischen amerikanischen Vorstadthäuschensiedlungen im Entstehen waren und die Frauen dadurch vom eigentlichen, wirklichen Geschehen, nämlich dem Treiben im Zentrum der Stadt, wieder ausgeschlossen wurden. Der Zweite Weltkrieg hatte die als „natürlich“ empfundene Arbeitsteilung zwischen Mann und Frau für kurze Zeit unterbrochen und nun sollten die Frauen wieder in ihren häuslichen Bereich zurückgedrängt werden. Aber dagegen wehrten sich eben nicht nur die Frauen, sondern – wie Beatriz Preciado erläutert – zunehmend auch die Männer, zumindest die Junggesellen unter ihnen. Der Rückzug der Weißen aus den Innenstädten ging wiederum mit einer neuen Politik der polizeilichen Überwachung und der Preisgabe öffentlicher städtischer Räume einher, ganz so wie das Innere der Playboy-Mansion zwar das Private zeigte, es aber gleichzeitig durch technische Hilfsmittel öffentlich und damit normier- und kontrollierbar machte.

„A room of his own“ oder: Die Rückeroberung des Häuslichen durch den Mann
„Das Vorstadthaus ist eine dezentralisierte Fabrik für neue performative Geschlechts-, Rassen- und Sexualitätsmodelle. Die heterosexuelle weiße Familie ist nicht nur eine mächtige ökonomische Produktions- und Konsumeinheit, sie ist vor allem die Matrix des amerikanisch-nationalistischen Imaginären“, führt Beatriz Preciado weiter aus. Der Playboy stelle die Forderung Virginia Woolfs auf den Kopf und fordere anstelle eines „room of her own“ die „männliche Rückeroberung des häuslichen Raums“, denn dieser sei dem Mann von den Frauen enteignet worden. An dieser Stelle sei auch auf die von Beatriz Preciado erwähnte Anekdote hingewiesen, wie das „Playboy-Bunny“ als Symbol des Playboy-Imperiums entstanden ist. „Die semantische Verschiebung, die vom `stag´ zum `bunny´, vom Hirsch zum Hasen führen, sind Ausdruck einer Macht- und Subjektivitätstheorie, die auf die kulturellen Veränderungen der Fünfziger reagiert. Die männliche Subjektivität nach Art des `Hirschs´ - erwachsen, ernst, rau und wild – wurde von einer Subjektivität nach Art des `Hasen´ - jugendlich, schnell, sprunghaft und häuslich – ersetzt.“ Erst nachdem der Hirsch durch den Hasen ersetzt worden war, entstand das heute noch so bekannte Sujet des „Playmates“, also des weiblichen Hasen, der - ohne die Bedrohung des Eheversprechens - ein selbstverständlich immer zum Spielen bereiter Freund („mate“) des Playboys sein sollte. Bunny bedeutet sowohl Hase als auch Mädchen, die Hasenfrau entstand 1954 und bald darauf auch das „girl next door“, das von Beatriz Preciado in einem eigenen Kapitel beschrieben wird.

Das Regime des pharmakopornographischen Kapitalismus
Der Playboy ließ das, was bis dahin als Privatleben galt ohne Einschränkung Teil des Produktions- und Arbeitsprozesses werden. Die Verwandlung der Sekretärin in die Geliebte, das girl next door , das zum playmate des Monats wird, ist eigentlich nichts anderes als die Kapitalisierung und Privatisierung des Lebens, wie er für die Umwälzungen der Produktionsprozesse im Postfordismus typisch ist, zitiert Preciado Christian Marazzi. Bei den berühmten Centerfolds spielten übrigens durchaus auch weibliche Fotografinnen eine Rolle, wie Preciado betont. Der Erfolg von Bettie Page, Lisa Winters, Maria Stinger u.a. hing wesentlich von der Playboy-Fotografin Bunny Yeager ab, denn sie hatte die Ästhetik der Centerfolds erfunden, es war also nicht nur der männliche sexistische Blick, der die Auflagen steigerte. Besonders lesenswert sind auch die Ausführungen Beatriz Preciados zu dem Begriff des pharmakopornographischen Regimes des Kapitalismus. Zu seinen Vorbedingungen gehöre die Erfindung neuer synthetischer Materialien für den Konsum und die Rekonstruktion des Körpers (Silikon, Plastik, Pille) und die Entwicklung der Pornographie zur Massenkultur. Im Gegensatz zum puritanischen Kapitalismus des 19. Jahrhunderts sei das Akkumulationsmodell des pharmakopornographischen Kapitalismus weniger permissiv und disziplinarisch: „Die Prämissen der Bestrafung jeder nicht mit dem Ziel der Reproduktion vorgenommenen sexuellen Handlung, so auch der Masturbation, werden offenbar durch eine Regulierung der Reproduktion und die multimediale Stimulierung der Masturbation zum Zwecke globaler Kapitalgewinnung ersetzt. Diesen Kapitalismus interessieren die Körper und ihre Lüste, er schlägt Gewinn aus dem polytoxikomanen und zwanghaft masturbatorischen Charakter moderner Subjektivität.“ Kein anderer als Hugh Hefner dürfte für die Beweisführung dieser Aussagen besser geeignet sein: der Playboy-Herausgeber war Amphetaminabhängig, ganz so wie viele andere Prominente seiner Zeit auch. Dexedrin und Benzedrin wurden schon im Zweiten Weltkrieg eingesetzt, um den Krieg zu gewinnen, und zwar von beiden Seiten, wie Beatriz Preciado weiß. Methedrin und Dexedrin sollten auch unter dem Namen „Speed“ das teure Kokain ersetzen und weite Verbreitung und Profite schaffen. „Paradoxerweise war also die Droge des Mannes, der in seinem Bett lebte, ein Anti-Schlafmittel.“, fügt die Autorin zuspitzend hinzu.

Der Robinson Crusoe des Atomzeitalters
Beatriz Preciado schreibt in ihrer architekturtheoretischen Dissertation, die an der University of Princeton approbiert wurde, nicht nur über Pornographie, sondern vor allem über den Mechanismus, der „das Private öffentlich produzieren und Häuslichkeit in ein Spektakel verwandeln konnte“. Sie konstatiert einen Übergang vom Industriekapitalismus zum pharmakopornographischen Kapitalismus, in der vorrangig nicht mehr in der Fabrik produziert werde, sondern im Eigenheim. Weitere lesenswerte Ausführungen erklären dem Leser das „lit de parade“ und die Hintergründe Hefners Workaholismus. Er der den „Vatikanstaat des Lasters“ erfunden und realisiert hatte, lebt heute wieder in dritter Ehe geschieden, 84-jährig in einem Quartett mit drei 20-jährigen in Los Angeles und denkt nicht daran, sein Erbe abzugeben. Auch wenn es seine Playboy-Clubs seit Ende der 80iger nicht mehr gibt, lebt er immer noch in unvorstellbarem Reichtum und hat sich sogar einen eigenen Zoo in seiner Mansion eingerichtet. Das „Stubenphantom“ Hefner lebte selbst in seiner DC-9, dem „Big Bunny“ wie zuhause und fühlte sich überall dort daheim, wo es einen Playboy-Club gab. 1988 wurden alles Clubs bis auf Manila geschlossen, 2008 musste er 15% seiner Mitarbeiter entlassen. Sein Flugzeug wurde versteigert, jetzt reist er gar nicht mehr. Dem „Robinson Crusoe des Atomzeitalters“ ist übrigens auch eine Biographie im Taschen Verlag gewidmet: 3506 Seiten in sechs Volumes, üppigst illustriert, in einer Auflage von 1500 Exemplaren, signiert, mit Faksimiledruck der Erstausgabe und einem Stück aus Hefners Seidenpyjama, alles zusammen für „nur“ 1000 Euro. Demnächst erscheint auch bei Earbooks eine DVD mit dem Titel „Hugh Hefner – Playboy, Aktivist und Rebell.“ Das ideologische Rüstzeug zur Bewertung dieser Ausnahmepersönlichkeit des 20. Jahrhunderts liefert aber sicherlich Beatriz Preciado mit ihrem Buch „Pornotopia“.

Beatriz Preciado
Pornotopia
Architektur, Sexualität und Multimedia im ›Playboy‹
KKB. 2012
168 Seiten. Gebunden mit Schildchen und Prägung
24,90 €
ISBN 978-3-8031-5182-7

[*] Diese Rezension schrieb: Jürgen Weber (2012-06-05)

Hinweis: Diese Rezension spiegelt die Meinung ihres Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung von versalia.de übereinstimmen.



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