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Rezensionen


 
Fritz J. Raddatz - Tagebücher 2002 - 2012
Buchinformation
Raddatz, Fritz J. - Tagebücher 2002 - 2012 bestellen
Raddatz, Fritz J.:
Tagebücher 2002 - 2012

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(Bücher frei Haus)

Elias Canetti hat als seinen größten Feind, den er liebend gerne besiegt hätte, den Tod bezeichnet. (Er starb mit 89 Jahren.) An einer Stelle seiner Aufzeichnungen heißt es so knapp wie entsetzt: „Der ungeheuerlichste Satz: „Jemand ist zur rechten Zeit gestorben.“ Fritz J. Raddatz (bei Erscheinen des Buches war er 83) scheint das „rechtzeitige“ Sterben nicht ganz geglückt. Denn, obwohl ihm Bekannte und Gesprächspartner schon am Beginn dieser Tagebuch-Periode beteuern, wieso er nur klage, er sei ja topfit, geistig und rhetorisch voll da, elegant in Schale wie immer, fleißig noch an seiner Arbeit, wach und interessiert, setzt er solchem Gerede „hinterlassene“ Sätze entgegen. Als wäre der Meister kurz danach dann doch verblichen, seiner Auslöschung gelassen, gefasst, gefestigt entgegengetreten.

Doch zuerst geschah das vom Autor einkalkulierte Sterben noch nicht, etliche Jahre nicht. Da scheint sich sogar der Prostatakrebs nach Jahren in Wohlgefallen aufzulösen. Stattdessen geschieht, was wir von vielen alten Menschen wissen: Nach und nach sterben alle weg, mit denen sie einst zu tun gehabt hatten. Es scheint sie nicht weiter zu kümmern. Alte Freundschaften hatten sich bereits vorher ausgehöhlt, aufgelöst, während nicht nur ihre Physis, sondern auch die Persönlichkeit widersprüchlicher wurde und unstetiger. Man kann das hier nachlesen für die Raddatz-Kumpel Walter Kempowski, Peter Rühmkorf, Peter Wapnewski, Günter Grass, Rolf Hochhuth, Gabriele Henkel, Inge Feltrinelli. Es nervt sogar, wie oft ihre Namen in Raddatz‘ Tagebuch auftauchen, wobei wir dann jedes Mal wieder lesen müssen, wie gleichgültig diese alle der Welt und den Menschen und eben auch Raddatz gegenüber inzwischen geworden sind, wie sich all die Berühmten nur noch um sich und ihren Ruhm sorgen.

Man wird aus dem letzten größerem Buch des früheren Verlagsleiters von Rowohlt, des seinerzeitigen Feuilletonchefs der „Zeit“, eines mehr oder weniger schwulen Literaten mit, in dieser Hinsicht, durchaus literarischen Achtungserfolgen in Frankreich (und einiger Häme in Deutschland ob seiner Eitelkeit und wiederkehrenden Schludrigkeit im Recherchieren) von freundlicheren Rezensenten schöne, polemische wie schamlose „Stellen“ genannt bekommen. Über den ersten Sex des Vierzehnjährigen, angeblich mit seinem Stiefvater, wobei zu jenem Zeitpunkt der Jugendliche von dessen Übergriffen sich positiv entflammt fühlte. Oder wenn er, heute erst, nach all den Jahren und Büchern, mit einem Mal eine Sexnacht mit Klaus, dem Sohn von Thomas Mann, nachträgt. Jung-Fritz als überaus geschmeichelter, aber verklemmter Autoren-Fanboy, Klaus Mann als gebrochener Intellektueller, dem Bankrott eines Lebens zusinkend.

Lüstern voyeuristisch und schadenfroh vergnügt wird man Stellen sammeln, die vom Hass auf einen pompösen Frankfurter Großkritiker künden, von der lange währenden Kameradschaft mit einem Münchner Feuilletonisten, dem allmählichen Verlorengehen der Bindung zu Günter Grass, der biestigen, hämischen Abneigung gegenüber die Edel-Hanseaten auf dem Zeit-Dampfer: Schmidt, Bucerius, Dönhoff. Oder über Raddatz‘ fetischistische Passion für alle Werke, aber auch sonstige Hinterlassenschaften seiner Künstler-Götter: Kurt Tucholsky, Bert Brecht, James Baldwin, Francis Bacon, Paul Wunderlich.

Was sie bei solcher Gelegenheit unter den Tisch kehren, die Lober dieser egozentrischen und wehleidigen Memoiren eines nicht mehr so Wichtigen, sind die viele Stellen, die in etwa so laufen: „Erst sagten sie, sie würden unbedingt ein Projekt mit mir machen, nachher kein Rückruf“, „Ich schickte Rosen zur Entschuldigung mit einer Karte, Antwort: null.“ Fritz J. Raddatz hat in diesen letzten Tagebüchern in epischer Breite dargestellt, wer, wann, wieso den tunlichen Anlass verstreichen ließ, sich seiner, Raddatz‘, ehemaliger außerordentlicher Rolle für die deutsche Kultur zu entsinnen. Kurz: Die Menschheit ist so undankbar und wir alle werden irgendwann sehr alt, einsam und verletzt sein, wie Raddatz, falls wir dann noch leben. Man begreift, wieso er sich für die teuer erkaufte Euthanasie am Zürichsee entschieden hat. Diese Zeit gab ihm ja nichts mehr, weil sie ihn - den Greis - eben nicht mehr brauchte. Er tat, was er noch konnte, das Buch abschließen, das ihr sagt, was sie an ihm verloren hat.

Er sei ein unverbesserlich eingebildeter „Dandy“, war nach dem ersten Band der „Tagebücher 1982 - 2001“ kolportiert worden. Es muss ihn gewurmt haben, wie zahlreiche Nebenbemerkungen anzeigen. Wäre er tatsächlich so eine Klatschbase aller Oberflächlichkeiten gewesen, hätte er in diesem Buch erzählt, welche falschen Weine zu welchem schlechten Essen die Elite-Menschen seines Bekanntenkreises bestellt haben, wie schreiend die Farben ihrer Socken und wie stillos ihre Schuhe gewesen sind, welch lächerliche Bücher sie ungelesen gepriesen haben (den bei Rowohlt verlegten Shooting Star Daniel Kehlmann muss Raddatz irgendwann lesen, er findet ihn nett, aber krass überschätzt, eine Petitesse, demgegenüber hält er den in deutscher Sprache unterdessen so gut wie unverlegten James Baldwin nach wie vor für einen der Größten des 20. Jahrhunderts), dann könnten wir kein wichtiges, aber doch unterhaltsames Smalltalk-Buch lesen. Jedoch, wie es geworden ist, mit einem sich sträflich untergeehrt wähnenden Veteran, der protokolliert, wie kleingeistig diejenigen heute leben, die, im Gegensatz zu ihm, von der Nation im Alter noch geliebt werden (Grass, Hochhuth etc.), ist das leider ein enges, trostloses Narzisstenbuch geworden.

Der „stets überaus freundliche“ (sagt Raddatz) Rowohlt-Verlagsleiter Alexander Fest habe ihn gedrängt. Der erste Band seiner Tagebücher sei ein Ereignis in der deutschen Literatur gewesen, das bis in die neueren Jahre fortzuschreiben er „unbedingt machen“ müsse. So einen Verleger versteht man. So ein Buch von so einem mit so dieser Vorgeschichte, das verkauft sich gewiss. Und doch, so wie es nun ist, sind Raddatz‘ späte Tagebücher kein Werk, das wirklich gemacht werden „musste“.

Zitat:

27. Juli 2011
Ganz offenbar wesentliche und den heutigen Alltag prägende Worte, Begriffe, Satzteile kann ich nicht mehr verstehen, es gibt lange Passagen in Zeitungen, auch in Werbeplakaten (an Litfaßsäulen z.B.), die mir absolut nichts sagen. Ich weiß nicht, was ein iPad, ein iPod, ein iPhone ist und warum etwas in einer „Cloud“ verschwinden kann (was und wie und wohin?). Zahllose Namen - auch in der Werbung oder in Annoncen für bestimmte Veranstaltungen - sind mir Hekuba, ich habe keine Ahnung, was eine „Lady Gaga“ tut, singt sie? Tanzt sie? Wer die Sängerin Kelly Osbourne ist, die um eine mir ebenfalls vollkommen unbekannte Sängerin namens Winehouse trauert (die, nomen est omen, offenbar sich zu Tode getrunken hat, jung noch). Ich bin, was Schauspieler, Sänger angeht, ganz offensichtlich stehengeblieben bei Kortner oder Gründgens oder Marlene, gerade noch reichte es bis zu den Beatles oder zu dem kleinen Michael Jackson - und dann ist Filmriß bei mir. Bei Schauspielern natürlich die großen Brecht-Interpreten wie die Giehse, die Weigel, Ernst Busch, danach die Damen und Herren der Schaubühne - Ende.


[*] Diese Rezension schrieb: Klaus Mattes (2016-09-20)

Hinweis: Diese Rezension spiegelt die Meinung ihres Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung von versalia.de übereinstimmen.



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