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Dieter Richter - Der Süden
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Richter, Dieter:
Der Süden

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(Bücher frei Haus)

Goethe sprach von seiner „Wiedergeburt“ in Rom, Herder mochte in Neapel „nur atmen“ und hoffte „gesund und gestärkt zurückzukehren“, Schinkel fühlte sich auf Capri „unbeschreiblich glücklich“ in der „ätherisch reinen Luft“...Die deutsch-italienischen Beziehungen sind voller Klischees und Stereotype und oft interpretierte man in den anderen das rein, was einem zu Hause fehlte. Protestantischer Arbeitsethos traf auf katholische Faulenzerei und Sorgenlosigkeit. Aber war das Bild des „Südens“ immer schon uneingeschränkt positiv wie für die Herren der „Gran Tour“ oder gab es davor und danach auch andere Bilder oder Imaginationen des Südens?

Dieter Richter macht sich in seinem kürzlich erschienenen Buch auf eine Spurensuche und er beginnt tatsächlich ganz am Anfang, nämlich bei der Mythologie der Himmelsrichtungen in der antiken Welt, streift die phönizischen Seefahrer ebenso wie die römischen Vorstellungen der Antipoden (die „Gegenfüßler“) oder macht Station bei Noahs Fluch und dem warmen Wind der Gnade. Ebenso interessant sind seine Erörterungen zu den Pilgern, den Vorläufern des modernen Tourismus, wenn er etwa den Heiligen Jakob als „matamores“ (Maurentöter) geißelt und ihn als „politischen Apostel“ bezeichnet. Wesentlich für diese Epoche der Auseinandersetzungen mit dem Süden, also etwa dem 15./16. Jahrhundert, ist wie Richter zusammenfasst folgendes: „Der aus dem Pilgerwesen entstandene Reliquientransfer verband kirchenpolitisch die Hauptstadt der Christenheit mit den Kirchensprengeln im gesamten Abendland.“ Amüsant ist auch zu lesen, was in sog. „Pilgerführern“ (Reiseführern) steht und was Richter wohl mit Wonne zitiert: „Vergiss ja nicht deine Flasche und deine Tasche und versorge dich reichlich mit Wein und Brot“. Die Pilgerfahrt als Buße, das musste man ja nicht allzu wörtlich auslegen. Auch das frühe Souvenirwesen vergisst Richter nicht hervorzuheben, so verbreitete sich etwa die „Muschel“, besser bekannt als „Jakobsmuschel“, schon im 15. Jahrhundert. Sie diente als Beweis dafür, selbst am heiligen Ort gewesen zu sein. So wurde die Muschel „das erste Massensouvenir in der Geschichte der Reise“.

Richtig interessant wird Richters „Geschichte einer Himmelsrichtung“ (Untertitel) dann mit den portugiesischen Seefahrern, die nicht nur als erste Afrika umschifften, sondern sogar den Südkontinent Australien (auster= lat. für „süd“) entdeckten. „Menschen, die keck nicht damit sind allein zufrieden, sich auf dem Land ins Unheil zu begeben, nein, sich auch wagen in des Meeres Wüten“, so beschreibt etwa ein Zeitgenosse, Luis de Camoes, in seinen „Lusiden“, seine Landsleute. „Vom Kap Nein zum Kap der Guten Hoffnung“ heißt ein spannendes Unterkapitel dieses Abschnitts von Richters großem Narrativ des Südens, in dem er nicht ganz ohne Vergnügen einen weit verbreiteten Seemannsspruch zitiert: „quen passar o Cabo de Nao ou tornará ou nao“: Wer das Kap Nein passiert, kommt wieder oder auch nicht. Was wohl gleichbedeutend war mit „eben nicht“. Das Kap Nao befindet sich im Süden Marokkos und sollte dann doch nur eine Station sein auf dem Weg der portugiesischen Eroberung der Welt.

Eine weitere wichtige Wahrnehmung des Südens ist diejenige der erotischen Lust-Landschaft, der Insel im Süden, die gleichsam zur Liebesinsel wird und in zig Gedichten gefrönt wurde. Und das nicht erst seit der Entdeckung Tahitis durch James Cook und Georg Forsters Zeichnungen der üppigen Fauna und Flora! Schon in Ariosts Orlando furioso (1516) huldigt der christliche Ritter Ruggiero der Zauberin Alcina (Händels Oper!) und genießt den nackten Eros: „Gut, dass sie weder Reifrock trug noch Mieder, Im leichten Seidenkleid kam sie herein, Das deckte über einem Hemdchen nur die Glieder, Weiß und von feinster Webart musst` es sein. Als Roger sie umarmte, glitt ihr nieder Das Kleid, das süße Hemdchen blieb allein, Es deckte kaum den schönen Leib, den losen, Der schimmerte wie Lilien und Rosen.“

Besonderes Amusement genoss ich jedoch bei den Beschreibungen der Klimatheorien des 18. Jahrhunderts und dem sich damals herauskristallisierenden Gegensatzpaar des „l´homme du Nord“ und „l´homme du Midi“. Letzterer lebe stets für den Augenblick, sei „beherrscht von Leidenschaften“ und dem „Durst nach Rache“. Er verabscheue im Gegensatz zum Mensch des Nordens die Trunkenheit und den Selbstmord und verwirkliche sich dafür im „Rausch der Liebe“ schreibt etwa Karl Victor von Bonstetten Anfang des 19. Jahrhunderts über die Italiener. Dieser sei dazu verdammt „à agir sans réfléchir“, der andere zum „à réfléchir sans agir“. Dass damit auch die eigenen Begehrlichkeiten der zumeist allein Reisenden ausgedrückt werden, erwähnt Richter zu Recht, auch wenn zugegeben werden muss, dass das Nacktbaden in Neapel erst 1863 durch eine Verordnung verboten wurde. Wohl auch deswegen, um den eilig aus dem Norden heraneilenden alten Männern ihr Vergnügen beim Betrachten badender Jünglinge an der Costa Amalfitana etwas zu erschweren. Im 19. Jahrhundert, zur Zeit der Grand Tour wird Italien für den deutschen Reisenden schließlich zum Bild des Südens schlechthin, auch wenn es dabei stets zu einer Diskrepanz zwischen Erwartung und Erfüllung gekommen sei, wie Richter schreibt. Die viel zitierte „l’insouciance de l’avenir“ (Sorglosigkeit) des Süd-Menschen wurde allzu bald auch als Kritik an der Nachlässigkeit und Faulheit ausgelegt oder wie Winckelmann es einmal sehr drastisch ausspricht: „Unter den Creaturen sind die Pferde die schönsten; denn die Menschen haben sehr viel Africanisches, und sie werden noch schrecklicher, wenn sie reden, denn der Dialekt ist noch schlechter als der bologneser“ (sic!). Karl Friedrich Benkowitz findet in Neapel bald den „Abschaum der Menschen, den Gipfel der Verworfenheit“. Oder auch: „Es ist die Religion und zwar die katholische Religion, welche die Menschen im Süden so abscheulich macht“.

Den Katholiken zum Trotz überwiegen bis heute die positiven Klischees deutscher (protestantischer) Zeitgenossen, die in der Antike den Gegenentwurf einer durch Leibfeindlichkeit, Prüderie und Kollektivismus geprägten christlichen Mitleidsreligion verkörpert sahen und ihr eigenes Begehren und ihre Kritik an den bestehenden Verhältnissen in ihrer Heimat in ein fernes Arkadien imaginierten, das so fern nun nicht mehr war. „Die Idee der Gran Tour weitete sich bald zur existentiellen Metapher eines anderen, eines besseren Lebens“, schreibt Richter. „Schlürfe Liebe!“ heißt es nicht umsonst in August von Platens Ode „Bilder Neapels“ und dies kann einem nicht nur im Süden selbst, sondern nun auch bei dieser ausgezeichneten und kurzweiligen Lektüre des Südens gelingen! „Je veux, que tu sois nu, couché sur un gran lit de laine bleu saphir avec des grecques brunes“ dichtete Jacques d`Adelswärd-Fersen aus Paris und ließ sich 1903 eine neoklassizistische Villa mit römischer Therme und Opium-Salon bauen, der er den Namen Villa Lysis gab. Die Sehnsucht nach dem Süden wurde bald schon zum Immobilientraum und ist es wohl bis heute geblieben. Die „Geschichte einer Himmelsrichtung“ findet damit leider vorläufig ihr Ende, auch wenn wohl weder die Klischees des Nord-Menschen noch seines südlichen Duals aussterben werden.

Dieter Richter
Der Süden
Geschichte einer Himmelsrichtung

2009
Wagenbach
www.wagenbach.de
218 Seiten in wunderschönes oranges Leinen gebunden und reich bebildert (S/W)
ISBN 978-3-8031-36312

[*] Diese Rezension schrieb: Jürgen Weber (2010-02-10)

Hinweis: Diese Rezension spiegelt die Meinung ihres Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung von versalia.de übereinstimmen.



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