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Rezensionen


 
Dorothea Ritter - Venedig in historischen Photographien 1841-1920
Buchinformation
Ritter, Dorothea - Venedig in historischen Photographien 1841-1920 bestellen
Ritter, Dorothea:
Venedig in historischen
Photographien 1841-1920

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(Bücher frei Haus)

Dorothea Ritter
Venedig in historischen Photographien 1841-1920
Mit einer Einführung von John Julius Norwich

2003
Verlag C.H. Beck München
208 Seiten Großformat in rotes Leinen gebunden
ISBN 978-3-406-38591-9
39,90.-€

Von Jürgen Weber
Viele der vorliegenden Photographien stammen auch aus dem Zeitraum der österreichischen Herrschaft in Venedig, die drei Phasen umfasste. Erstmal 1797 nach dem Frieden von Campoformio, dann nach dem Wiener Kongress 1815 und schließlich wieder nach 1848 bis einschließlich 1866. In diese Periode fällt unter anderem die Konstruktion der Ponte dell`Accademia und die Ponte dei Scalzi aka Ferrovia, der Bau des Bahnhofs Santa Lucia, dem eine Kirche weichen musste, und nicht zuletzt auch die Konstruktion der Eisenbahnbrücke selbst, die Venedig erstmals in seiner 1000-jährigen Geschichte mit dem Festland, der terra ferma, verband. Die Verbesserung der venezianischen Infrastruktur wird in diesem historischen Photoband nachvollziehbar und anschaulich dargestellt und mit interessanten Bildtexten auch erklärt und erläutert. John Julius Norwich nennt die Photographen der Aufnahmen in vorliegendem Buch in seinem Vorwort gar die „Nachfolger der Vedutisten des 18. und 19. Jahrhunderts“. Und auch wenn viele von ihnen Amateure waren, macht das Motiv selbst sie zu Künstlern. Eine Stadt wie Venedig, die aus Träumen gemacht wurde, adelt selbst den Betrachter und es ist nicht einmal für einen Laien eine Kunst
dort Kunst zu produzieren.

John Julius Norwich gibt aber dennoch zu bedenken, dass selbst in einer Stadt wie wenig, die Zeit nicht still steht und ein Blick auf die Aufnahmen zeigt, dass sich das Venedig des 19. Jahrhunderts dennoch von unserem heutigen Venedig unterschied. So bezeichnet er die Oberfläche des Wassers, die damals noch „glatt wie Glas“ war, als eine der beunruhigendsten Veränderungen. Was den „Vedutisten“ nämlich ihre Arbeit erleichterte, war die Tatsache, dass sich die Stadt im ruhigen Wasser noch spiegeln konnte und dadurch eine zusätzliche Illusion entstand. Heute sei dies nicht einmal bei Verkehrsstreiks mehr möglich, schreibt Norwich, das Wasser kräusle sich ständig und die Spiegelbilder zerbersten.

Das Bad im Canalozzo, das zu Norwich Vaters Zeiten noch in weißem Hemd und Frack möglich war (!), werde heute zu einer unappetitlichen Schlammschlacht. Was sogar 1946 noch möglich war, badende Kinder zu sehen, sei heute quasi verschwunden. Trotz der Anhäufung des Drecks in den Kanälen und der Luftverschmutzung, die regelmäßig von Marghera her in der Stadt chemische Düfte verbreitet, habe der Venezianer eine hohe Lebenswerwartung, schreibt Norwich. Er gehe –gezwungenermaßen - viel zu Fuß, ernähre sich gesund und lebe „frei von der Tyrannei der Autos“ mit ihren Abgasen und dem Lärm. Venezianer erkranken weniger als Festländer an Stresskrankheiten, nur das Rheuma plage sie dafür etwas mehr.

Der Blick auf das Fotoalbum des vergangenen Venedigs eröffnet nach der sehr interessanten Einführung von John Julius Norwich interessante neue Perspektiven auf die Stadt. Wer den Campo Santa Margherita kennt, heute das Tummelzentrum der städtischen Jugend, wird staunen wie er noch vor 100 Jahren aussah. Statt der vielen Cafes und Pizzerien sieht man nur armselige Zeltplanen und Wäscheleinen. Besonders augenscheinlich wird der Kontrast zwischen dem Reichtum der Architektur der Stadt und der Armut ihrer Bevölkerung. Vor den Zeiten des Massentourismus, war das Überleben in Venedig wohl noch etwas härter und die auf ihrer Grand Tour durch Venedig kommenden Engländer und Deutschen wohl noch öfter Opfer von Überfällen. Aber selbst die Architektur war Anfang des 19. Jahrhunderts noch in einem desaströsen und ebenso armseligen Zustand, wie etwa die Aufnahmen des Fondaco dei Tedeschi oder des Fondaco dei Turchi zeigen. Erst in den Sechzigern wurden diese restauriert und erhielten wieder ihr ursprüngliches Aussehen, das wir auch heute als Besucher noch genießen können.

Es soll eine Zeit gegeben haben, in der selbst die Kanäle zugefroren seien und so für kurz Zeit begehbar wurden. Darauf soll manches Mal auch der Schnee gefallen sein und auch wenn dies zu einem weniger verbreiteten Motiv der Stadtaufnahmen gehört, ist die Abbildung eines solchen ein ungeheures erquickliches Augenmahl, das dem Betrachter hier in gepflegter Umgebung bereitet wird. Sowohl die Ausstattung des Bandes, Schutzumschlag und gebunden in rotes Leinen, als auch die die Photographien begleitenden Texte sind von höchstem Niveau. Es werden sowohl Alltagsszenen, als auch das kulturelle und gesellschaftliche Leben der Venezianer gezeigt und natürlich spielt auch die Literatur eine große Rolle. Das „schöne Gegengewicht zur Welt“, wie Thomas Mann Venedig einmal nannte, war nämlich im 19. Jahrhundert der Begegnungsplatz der internationalen kulturellen Elite schlechthin. Oder wie Rilke es ausdrückte: „Von Bildern erfüllt den ganzen Tag, wüsste man für kein einziges einen Beweis aufzubringen. Venedig will geglaubt sein.“ Ihren Katechismus findet man in Dorothea Ritters „Venedig“.

[*] Diese Rezension schrieb: Jürgen Weber (2009-02-06)

Hinweis: Diese Rezension spiegelt die Meinung ihres Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung von versalia.de übereinstimmen.



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