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Joseph Roth - Ich zeichne das Gesicht der Zeit
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Roth, Joseph :
Ich zeichne das Gesicht
der Zeit

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(Bücher frei Haus)

Essays - Reportagen – Feuilletons

„Wenn ich keine Sehnsucht nach Paris hätte, so hätte ich Heimweh nach Prag. Es ist dies eine Stadt, in der ich niemals zu Hause war und in der ich jeden Augenblick zu Hause sein kann. Man braucht in Prag nicht `verwurzelt´ sein. Es ist eine Heimat für Heimatlose.“ Joseph Roth war nicht nur Romancier, sondern auch ein begnadeter Journalist und Feuilletonist, wie die hier vorliegende Publikation aufs Neue beweist. Der 1894 im galizischen Brody geborene Schöpfer von „Radetzkymarsch“, „Kapuzinergruft“ und „Der Legende vom Heiligen Trinker“ und wohl Hauptverantwortliche für die Kreation des habsburgischen Mythos in der deutschsprachigen Literaturgeschichte starb 1939 im Exil in Paris, die Stadt in der er in demselben Essay („Heimweh nach Prag“) in vorliegender Sammlung seine Sonntage verbringen wollte.

„In Paris möchte ich meine Sonntage verbringen und die Wochentage in Prag. Hier sind die abstrakten Kosmopoliten, in denen die Welt als Wille lebendig ist und die den Willen zur Welt nicht brauchen. Sie haben alle Schmerzen gelitten, alle Freuden genossen, und weil sie nichts mehr überraschen kann, suchen sie keine Überraschungen. Sie sind Skeptiker, aber sie lieben ihr Leben, das Leben in Prag.“ Die vorliegende Ausgabe, die von Helmuth Nürnberger beim Wallstein Verlag herausgegeben wurde, will erstmals eine repräsentative Auswahl aus dem umfangreichen journalistischen Werk Joseph Roths zeigen und legt seinen Schwerpunkt auf die Reportagen, Essays und Feuilletons des Wahlösterreichers. Seine journalistische Arbeit war immer sehr persönlich, wie der Autor auch selbst zugab, die besten Texte des heute nur noch wenigen bekannten Feuilletonisten sind hier nun chronologisch so zusammengestellt, „dass hinter der journalistischen Form immer wieder auch der großartige Erzähler sichtbar wird, dessen Artikel bis heute nichts von ihrer Faszination verloren haben“.

„Alle Stimmen der Geister, die in der Welt verstreut sind, gelangen konzentrisch nach Prag, denn alle Geister in der Welt stammen aus dieser Stadt, oder es war ein Irrtum der Schöpfung. Wenn sie sentimental in Paris, pathetisch in Berlin, sachlich und roh in Amerika geworden sind, flugs kehren sie nach Prag heim, in den Schoß der mütterlichen Skepsis und lassen sich auslachen, bis sie gesund werden.“ Wer könnte eine schönere Hommage an die wunderbare Stadt an der Moldau verfassen, als Joseph Roth? Aber auch für Lemberg, eine andere K.u.k. Metropole findet er schmeichlerische Worte: „Der alte `österreichische Schlendrian´ findet eine adäquate Fortsetzung in der Lässigkeit, die slawisch ist und eine Begleiterin der Melancholie.“ Im Wiener jüdischen Ghetto angekommen beschreibt Roth den Nordbahnhof, durch dessen Hallen noch „das Aroma der Heimat“ wehe und der immer noch das „offene Tor zum Rückweg“ darstelle. „Es ist furchtbar schwer, ein Ostjude zu sein; es gibt kein schwereres Los, als eines fremden Ostjuden in Wien“, schreibt Roth und doch muss man an sein eigenes trauriges Schicksal als exilierter Österreicher in Paris denken.

Im Anhang, wo die einzelnen Texte in ihrer Bedeutung für Roths Weltbild und Werk erschlossen werden und in ihrer Gesamtheit ein vorzügliches Portrait des Künstlers und Menschen Roth gezeichnet wird, übt sich der Herausgeber in wohlgefälliger Kritik. Den Menschen Roth bezeichnet er als „Mythomanen“, „Zeitzeugen“ oder „glänzenden Stylisten“ mit einer „Biographie von nicht nur märchenhaften, sondern auch tragischen Zügen“. Seine Begabung sei gerade aus dem Schicksal entstanden, das ihn zugrunde richtete. Der „provokante Nostalgiker“ Joseph Roth wird von Nürnberger von der Lyrik seiner Jugendjahre bis hin zum Ende seiner Tage charakterisiert und porträtiert, aber auch im Vergleich und Kontakt mit anderen Schriftstellern seiner Zeit oder im Interview mit Lefevres. „Ob Champagner oder Schampus, Roth schenkt auch reinen Wein ein und klares Wasser,“ paraphrasiert Nürnberger die Kritik an Roth eines Zeitgenossen und fügt am Ende noch hinzu: „Er (Roth, JW) verteidigte sie (seine Urteilssprüche über Freunde, JW) mit seiner `Radikalität´ – ob sein verletztes Ego oder einfach der Alkohol aus ihm sprach, lässt sich schwer entscheiden.“ Journalisten würden – wie der Namen schon sagt – für den Tag produzieren, Joseph Roth kann aber auch bald ein Jahrhundert später noch verstanden werden. Natürlich auch Dank des Herausgebers.

Buchpräsentation und Lesung mit Mitgliedern der Joseph Roth Gesellschaft und Thedel von Wallmoden Einführung: Helmuth Nürnberger
Termin: 22.02.2011 um 19:00 Uhr; Veranstaltungsort: Wien, Literaturhaus

Joseph Roth
»Ich zeichne das Gesicht der Zeit« Essays - Reportagen – Feuilletons
Herausgegeben und kommentiert von Helmuth Nürnberger
2010
Wallstein Verlag
544 Seiten
Einband: gebunden, Schutzumschlag
Format: 12 x 19 cm
ISBN: 978-3-8353-0585-4
€ 39,90 (D)
€ 41,10 (A)
CHF 56,90

[*] Diese Rezension schrieb: Jürgen Weber (2010-12-08)

Hinweis: Diese Rezension spiegelt die Meinung ihres Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung von versalia.de übereinstimmen.



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