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Laura Salm-Reifferscheidt - Basare Istanbuls
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Salm-Reifferscheidt, Laura:
Basare Istanbuls

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(Bücher frei Haus)

Laura Salm-Reifferscheidt/Isabel Böcking
Basare Istanbuls
Mosaik einer sinnlichen Welt
Mit 30 Rezepten und vielen Fotografien von Moritz Stipsicz

2008
Christian Brandstätter Verlag
www.cbv.at
224 Seiten 300 Farbabbildungen
Format 24x 30
ISBN: 978-3-85033197-5
49,90.-

Von Jürgen Weber


„Der Kaffee“, sagt ein arabisches Sprichwort, „muss so heiß sein wie die Küsse eines Mädchens am ersten Tag, so süß wie die Nächte in ihren Armen und schwarz wie die Flüche der Mutter, wenn sie es erfährt“. Besonders die türkische Variante des Kaffeegenusses hat sich an diese Empfehlung gehalten und am besten schmeckt er natürlich in der richtigen Umgebung, dem Basar Istanbuls. Seltsam nur, dass die hierzulande als Erntdecker des Kaffees gepriesenen Türken viel lieber ihren Apfeltee trinken. Auch wer sich in eines der unzähligen Teppichgeschäfte des „Kapali Carsi“ (Gedeckter Basar) hat ziehen lassen, wird bemerken, dass heute vor allem die Teezeremonie dazu dient, den Kunden zufrieden und gediegen zu stimmen. Keine Spur von den heißen Küssen also, die findet man eher an einer nargile (Wasserpfeife), denn diese Tradition hat sich tatsächlich bis heute erhalten. Ein schattiger Baum, eine plätschernde Fontäne und eine Nargile seien alles, was der Türke bedürfe, um sich „zehn bis zwölf Stunden des Tages köstlich zu unterhalten“, schrieb wohl nicht ganz unberechtigt ein europäischer Zeitgenosse des frühen 20. Jahrhunderts. Im Studenten-Cafe Corlulu Ali Pasa Medresesi könne man diese Freuden auch heute noch beobachten und sie dauerten nicht weniger lange. Ein anderes Nationalgetränk war die „Bosa“, das „Bier der Janitscharen“. Es war ein dickflüssiges Hirsegetränk, das zu Sultans Zeiten gerne mit Opium versetzt wurde und so zu einem beliebten Trunk besonders von Soldaten wurde. Heute kann man das Getränk wieder genießen, in einem Laden in der Nähe der Süleymaniye Moschee, dem Vefa Bozacisi, wird es wieder serviert und das nunmehr in ausschließlich ziviler - nicht mehr militärischer - Gesellschaft.
„Schwarzes Gold und blauer Dunst“, was man heute so gerne mit dem Morgenland assoziiert, war aber auch dort nicht immer gerne gesehen, sondern genauso Verfolgungen ausgesetzt wie im Okzident. Es rollten sogar Köpfe, bis sich diese Laster in der Türkei als allgemein durchsetzten und die Kaffeehäuser als Brutstätten von Revolutionen sich endlich frei entwickeln durften. Zu Revolutionen kam es dennoch nicht und natürlich dachte der gütige und liberale Staat bei der Liberalisierung vor allem an die Steuereinnahmen und weniger an den Genuss seiner Bürger.

Wer aber lieber an seine Gesundheit denkt, dem sei in Erinnerung gerufen, dass auch die moderne Sauna in der Türkei erfunden wurde, zu einer Zeit als sich in Europa nicht einmal fürstliche Oberhäupter wuschen, hatte das Osmanische Reich bereits eine ausgeklügelte Hygienekultur entwickelt, der man auch heute noch in diversen Hamams frönen kann, so auch im Kapali Carsi, wo sich das Cemberlitas-Hamam seit 1584 (!) befindet und seither durchgehend (!) in Betrieb ist. Waschen ist vielmehr noch ein spiritueller Akt, da sich Moslems auch vor jedem Gebet waschen, also dreimal täglich. Wer jetzt nicht rot anläuft hat offensichtlich ein reines Gewissen und einen ebensolchen Körper. Die Fotos in vorliegendem Großformat könnten einen jedenfalls zur Nachahmung ermuntern.

Nicht nur eine afghanische Straße mit Seidenstoffen und Stammesschmuck findet man auf dem größten Basar Istanbuls, der mit 3.400 Quadratmetern wohl auch einer der größten der Welt ist. 20 Tore lassen täglich (!) eine halbe Million Menschen passieren, die die 3.500 Läden aufsuchen, die sich wiederum auf 61 Straßen verteilen. Weitere Straßenzüge widmen sich dem Gold, den Antiquitäten, dem Leder, Metall, den Fälschungen (sic!), der Keramik und natürlich den Teppichen. Der Däne Hans Christian Andersen nannte den Basar eine Wonne, die er mit einem Bienenstock verglich. „Gegen die Basare von Konstantinopel sind die prächtigen Läden des Palais Royal nur eine reich geputzte Grisette, verglichen mit der Tochter des Orients in ihren prächtigen Stoffen, das Haar von Rosenöl und Myrrha duftend.“

Tatsächlich findet man neben dem „Gedeckten Basar“ natürlich auch noch andere Basare in Istanbul, etwa den Ägyptischen Basar, der vor allem für seine Gewürze und seinen Kaviar bekannt ist. Wer übrigens selbst den verblüffenden Ausblick von innen, der sich auf vorliegendem Buchcover dem Betrachter auf den besagten Basar eröffnet, genießen will, der kann ganz einfach das Pandeli Restaurant im ersten Stock besuchen, erreichbar über ein Stiegenhaus gleich links beim Vordereingang des Ägyptischen Basars. Noch etwas: wer auf einem Basar nicht feilscht, braucht sich nachher nicht darüber beschweren, zu viel bezahlt zu haben. Kommunikation ist nun einmal Teil der Kultur und da gehört das Feilschen ebenso dazu wie das Teetrinken, auch wenn man dann doch nichts kauft.

Neben den 30 Rezepten aus der internationalen Küche der Türkei findet man in vorliegendem sinnlichen Reiseführer der Superlative auch eine Zeittafel über die Geschichte Istanbuls sowie wertvolle Einkehr- und Shoppingtipps im Anhang; selbst an die Kalligraphie wurde dabei gedacht. Wer wiederum von einer Wohnung in Istanbul träumt und zumindest im Urlaub dort wie ein Einheimischer leben möchte, sei die www.manzara-istanbul.com Seite empfohlen, hier werden Ferienwohnungen mit Bosporusblick vermittelt.

Die Fotografien von Moritz Stipsicz und die informativen Texte der beiden Autorinnen ergeben ein kulinarisches Ensemble für Gourmets, das auch den Laien zu neuen orientalischen Genüssen verführen dürfte. Dabei denke ich weder an die heißen Küsse, die süßen Nächte noch die schwarzen Flüche, sondern ganz einfach an die Trias der schönsten aller Traumstädte: Byzanz-Konstantinopel-Istanbul.

[*] Diese Rezension schrieb: Jürgen Weber (2009-01-30)

Hinweis: Diese Rezension spiegelt die Meinung ihres Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung von versalia.de übereinstimmen.



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