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Rezensionen


 
George Saunders - Zehnter Dezember
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Saunders, George:
Zehnter Dezember

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(Bücher frei Haus)

„Das beste Buch, das Sie in diesem Jahr lesen werden“, versprach der Rezensent der New York Times. Ein halbes Jahr später, Frühling 2014, waren sich die deutschsprachigen Kulturredaktionen einig. FAZ: „Ein Autor, mit dem man ein besserer Mensch werden kann.“ Die Zeit: „Diese Geschichten bilden intensive moralische Erfahrungen.“ Frankfurter Rundschau: „Satirisch gefärbte Verspieltheit“. Neue Zürcher Zeitung: „Ethik ohne moralisierenden Zeigefinger“. taz: „Hier weist ein Satiriker der Science Fiction den Weg aus der Krise.“ Süddeutsche Zeitung: „Der Kurzgeschichtenband könnte tatsächlich das beste Buch dieses Jahres sein.“

Ich zweifle keineswegs, dass viele, die meine Besprechung lesen, nach eigener Lektüre Ähnliches zu sagen fänden, aber befinde dennoch: Ein grausiges Exempel, wie politisch-korrektes Charakter-Posing und moralistischer Romantizismus das Urteilsvermögen zur Qualität von Literatur verderben können.

Saunders hat jenes Buch gemacht, das den Leser sich auf die imaginierte innere Schulter selbst klopfen lässt. In einer Welt, in der täglich verwerfliche Entscheidungen getroffen werden, tritt hier mal ein Autor auf, bei dem „ganz einfache Menschen“ die einzig richtigen fällen, obwohl sie das in entweder höchste Gefahr bringt oder sie extrem viel kosten wird. „Ich Leser, mir ist zu danken, dass ich solch Hochanständiges ausersehen habe, mich zu unterhalten. Nicht Tand wie „Der kleine Hobbit“ oder „Fifty Shades of Grey“, sondern ein Buch, mindestens so didaktisch wie Konstantin Wecker und Wolfgang Niedecken zusammen!“

An George Saunders beeindruckt einen der ausgefallene Lebensweg. Von Texas ging Saunders nach Chicago, arbeitete in der Erdölprospektierung als Ingenieur und studierte erst dann das Schreiben. Etliche Jahre arbeitete er diszipliniert als Technischer Redakteur weiter, erst mit Ende dreißig fing er an, Storys zu veröffentlichen. Und wurde, quasi unvermeidlich für einen, der vom Storyschreiben in Amerika gut leben will: Dozent für Creative Writing. An kürzeren Texten liegen schon sieben Bände vor. Bereits die Sammlung „Pastoralien“ aus dem Jahr 2000 wurde ein Achtungserfolg, sie findet sich auf den Listen der gelobtesten englischsprachigen Bücher aus dem ersten Jahrzehnt.

Gerne, beileibe nicht immer, geht Saunders von einer futuristischen Konstellation aus, einem ethisch dystopischen, nicht einmal technokratischen, dafür sozial verunglückten Zukunfts-Amerika. Schon hiermit - erst recht mit seiner eher klassischen denn experimentellen Erzählweise - weist er sich als Nachfahre bekannter moralisierender SF-Autoren aus wie Ray Bradbury und Kurt Vonnegut. „Zehnter Dezember“ ist eine Art zu „Fahrenheit 451“.

Gern spielen diese Storys in gleichförmigen Suburb-Wohnbezirken bei den Familien kleinerer Angestellter. Leute, die es nicht geschafft haben, aber zum „White Trash“ ganz unten gehören sie noch nicht. Immer laufen diese Texte auf eine grundlegende moralische Entscheidung heraus und fast jedes Mal fällen die Figuren die richtige, für sie unangenehme, Entscheidung, obwohl sie nicht mal genau verstanden haben, wie das System sie und die anderen, denen sie nun helfen, hereingelegt hat. Am Beginn nahezu jeder Geschichte steht eine Absonderlichkeit, ein Einfall, der vollkommen aus dem Erwartbaren herauszufallen scheint. Saunders‘ Fantasie sieht da „total abgefahren“ aus.

Zitat:

Mom hatte gesagt, Denk daran, wie viel wir in dich investiert haben, geliebter einziger Sohn. Dad hatte gesagt, Ich weiß, wir kommen dir manchmal streng vor, aber du bist buchstäblich alles, was wir haben.
Jetzt waren sie bei der Fußball-Kickwand, Alisons Arm war auf ihrem Rücken verdreht. Sie gab einen stetigen leisen Laut der Ablehnung von sich, als wollte sie ein Geräusch erfinden, das angemessen ausdrückte, wie sie das fand, was gleich – sie erkannte es erst in diesem Augenblick – mit ihr passieren würde.
Er war doch noch ein Kind. Er konnte nichts tun. In seiner Brust spürte er das intensive Nachlassen von Druck, zu dem es immer kam, wenn er sich einer Leitlinie unterwarf. Dort zu seinen Füßen lag die Geode. Die sollte er einfach anschauen, bis sie weg waren. Es war ein großes Exemplar. Vielleicht das überhaupt größte. Die Kristalle an der Schnittfläche glitzerten in der Sonne. Sie würde schön im Garten aussehen.

Unmöglich kann der Leser bereits hier kapieren, was los ist. Es macht gespannt. Ein Theme-Park für Mittelalter-Rollenspiele, in dem die Angestellten mental gedopt sind. Eine Siedlung, in der junge Mädchen aus fernen Ländern an Gestelle gebunden werden, um als ästhetische Gartenzier den Erfolg ihrer Besitzer zu verkünden. Versuchsreihen mit schwerst Kriminellen, denen abwechselnd heftigstes Liebesverlangen nach anderen Probanden, dann Abscheu eingeflößt wird. Eine Charity-Party für Kinder, bei welcher die lokalen Einzelhändler halbnackt durch einen Zoo aus Pappe rennen müssen. Das Memo vom Vorgesetzten an den Mitarbeiter, das sich von Motivierungen bis zu Morddrohungen entwickelt. Ein kontaktgestörter dicker Junge, der entdeckt, dass ein alter Mann im Morgenmantel auf einen vereisten See läuft, sich daraufhin eine Geschichte ausdenkt, in der einmal er der Held sein könnte. Die hilflosen Versuche einer sozial deklassierten Familie, wieder Anschluss zu bekommen, indem sie ihre Umgangssprache von schlimmen Ausdrücken reinigt. „Piep“ rufen sie statt „Scheiße“ oder „verdammt“.

Manches von dieser Weltverbesserungsprosa kommt so kindisch vereinfacht daher, dass man in Erwägung zieht, es könnte sich um die Früchte eines Ronald-McDonald-Workshops zur Existenzphilosophie handeln. Aber wir wollen in unserer Abneigung gegen das Gutmenschentum nicht übertreiben! Jede einzelne Idee gewinnt im Verlaufe ihrer Erzählung dann doch noch mehr an Härte und Grausigkeit, als man vorausgesehen hatte, sobald klar war, wohin der Hase unterwegs ist. Dann gehen die meisten auch noch gut aus! Optimistische Schlüsse für verstörende Sozialutopien zu finden, dürfte nicht so leicht sein. Und wer sonst schreibt Texte, in denen ziemlich dumme Personen agieren, die dann aber die sind, die das Gute tun? Sonst schreiben Autoren doch oft über Figuren, die so sind wie sie selber, oder über ein Personal, das so gewitzt ist wie die Leser.

Dennoch muss gewarnt werden: Wer „Zehnter Dezember“ liest, liest, was an US-High-Schools in künftigen Jahren im Rahmen der Humanitätseinübung abgefragt und benotet werden wird. Wer hier liest, ist jemand, den es weich stimmt, zu hören, dass nicht wenige Leute, die wesentlich ungebildeter und blöder als wir selbst und unsere Freunde sind, ihr Herz ja auch auf dem rechten Fleck tragen. Ist das eine Erkenntnis, die uns in der Feudalgesellschaft helfen wird?

[*] Diese Rezension schrieb: KlausMattes (2015-10-06)

Hinweis: Diese Rezension spiegelt die Meinung ihres Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung von versalia.de übereinstimmen.



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