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Peter Schamoni - Majestät brauchen Sonne
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Schamoni, Peter:
Majestät brauchen Sonne

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(Bücher frei Haus)

Der letzte deutsche Kaiser war zugleich der meistfotografierte und meistgefilmte Mensch seiner Zeit. Erstaunlich souverän nutzte er bereits die Möglichkeiten der neuen Medien, sich in Szene zu setzen und in der Öffentlichkeit allgegenwärtig zu sein. Schamoni verwendet hauptsächlich das überreiche Material, das seit dem Tod des Kaisers 1941 in Schloss Doorn archiviert war. Es wurde rekonstruiert, nach Themen geordnet und musikalisch untermalt. Selbstverständlich erklingt vor allem Richard Wagner. Mario Adorf spricht den Text des Erzählers, Otto Sander leiht dem Kaiser die Stimme, wenn er selbst zu Wort kommt.

Wilhelm II., eine der umstrittensten Figuren im Verlauf der jüngeren Geschichte, hat seit langem eine überwiegend schlechte Presse. Die negativen Urteile resultieren aus zweierlei: dem katastrophalen Ende seiner Regierung und seiner unheilvollen Neigung zum Bramabarsieren und Schwadronieren. Indessen verstellt dieses Verdikt den Blick auf den realen Kaiser in seiner realen Zeit. Er soll hier keineswegs als Mensch und Politiker entschuldigt und reingewaschen werden, doch kann es vielleicht unseren Blick schärfen, die damals wirksam gewesenen Kräfte zu erkennen.

Der letzte Kaiser war als konstitutioneller Monarch nach der Verfassung das Zentrum der Macht. Dem entsprach sein Verständnis vom Gottesgnadentum seiner Herrschaft. Er ernannte den Reichskanzler, der nur von seinem Vertrauen abhängig war – in der Theorie. Praktisch war der Kanzler vor allem auf den Reichstag angewiesen, ohne den kein Gesetz durchkam und der auch alle Gelder bewilligen musste. Es gab drei Hauptkräfte auf der politischen Bühne: die alte adlige und grundbesitzende Elite, die neue großbürgerlich-industrielle und dazu von unten die anschwellende Flut der Sozialdemokratie. Die Interessen von alter und neuer Elite deckten sich gewöhnlich nicht. Kompromisse zu finden, wurde durch den Dualismus von Reich und Preußen stark erschwert. Im Gesamtstaat kamen nach dem allgemeinen Wahlrecht stets andere Mehrheiten zustande als nach dem preußischen Dreiklassenwahlrecht. Diese politische Gemengelage wirkte sich verheerend in einem Reich aus, das innerhalb einer Generation vom Agrarstaat zu einer hochproduktiven Industriegesellschaft mutierte. Dazu nehme man noch die religiösen und ethnischen Gegensätze, die außenpolitisch schwer zu haltende Balance, den rasanten Fortschritt von Technik und Wissenschaft und die kulturellen Umwälzungen … Wir können uns kaum vorstellen, wie instabil jene „gute alte Zeit“ tatsächlich gewesen ist.

In diesem Kräftefeld war die Manövrierfähigkeit des Kaisers eher gering. Er sah seine Hauptaufgabe darin, das innerlich zerrissene und materiell stark expandierende Reich durch Fixierung auf seine Person zusammenzuhalten, und zu diesem Zweck erstrebte er permanente reale und mediale Omnipräsenz. Er beschäftigte bald Dutzende von Hoffotografen, deren Erzeugnisse millionenfach verbreitet wurden, und wurde später bei seiner unendlich großen Zahl pompöser öffentlicher Auftritte gefilmt, gefilmt, gefilmt. Wilhelm zu Pferd, Wilhelm zu Fuß, Wilhelm in der Eisenbahn, Wilhelm auf dem Dampfschiff – er wurde eine moderne Reinkarnation der mittelalterlichen Reisekaiser. Der Volksmund nannte ihn Wilhelm den Plötzlichen und interpretierte I(mperator) R(ex) mit Wilhelm Immer Reisefertig. Er besuchte in einem Jahr bis zu hundert deutsche Städte, er durchkreuzte im Frühjahr das Mittelmeer und schiffte sich im Sommer zum Nordkap ein. Dann Wilhelm auf der Jagd und Wilhelm bei der Truppe. Oder er weihte Brücken, Bahnen, Denkmäler oder Museen ein. Wilhelm empfing Monarchen, er nahm an Regatten teil. Wilhelm war sehr fotogen.

Ein Aspekt tritt im Film stark hervor: Der Kaiser war ein arger, man verzeihe den harten Ausdruck, Uniformfetischist. Ganze Zimmer voll mit Schränken voll mit Uniformen der verschiedensten Zeiten und Waffengattungen, supranational! Und da ihm das nicht genügte, entwarf er selbst noch Phantasieuniformen. Seine Zeitgenossen machten sich über die Marotte weidlich lustig. So untertitelte der „Simplicissimus“ eine Karikatur: „Majestät, im Badezimmer ist ein Rohr geplatzt.“ – „Bringen Sie die Admiralsuniform.“ Wie in unserer Zeit Jörg Haider zog er sich zu jedem Auftritt um, zehn- bis zwanzigmal am Tag. Bei einem Besuch in der Schweiz nahm er Dutzende von Schweizer Uniformen mit, um in ihnen den Eidgenossen zu imponieren.

Und dann wieder werden Parallelen ausgerechnet zu - Sissi sichtbar, deren Schloss auf Korfu er später erwarb und zeitweise bewohnte. Wie sie war er den Großteil des Jahres auf Reisen – vielleicht ebenso auf der Flucht, z.B. vor der Einsicht in die Vergeblichkeit des eigenen Tuns. Männer machen keine Geschichte, nicht mehr zu seiner Zeit.

Im Weltkrieg machte Wilhelm bekanntlich eine traurige Figur, litt an Depressionen. Der wahren Machthaber, Hindenburg und Ludendorff, benutzten ihn jetzt als Staffage für Propagandafilme. Und dann das Exil in Holland – wir sehen nun einen rüstigen Weißbart, Holz sägend, Rosen züchtend, die Armen beschenkend, Verehrer aus Deutschland empfangend. Er hat lange gehofft, zurückgeholt zu werden. Weder Hindenburg noch Hitler taten ihm den Gefallen.

Er war ein würdiger Greis mit viel Ausstrahlung. Mir scheint, Schamoni ist ihm insofern doch noch ein wenig auf den Leim gegangen. Nur lese man in einer Zitatensammlung, was er selbst damals noch Antisemitisches gesagt hat … Als er aber von der realen „Reichskristallnacht“ erfuhr, war er entsetzt und empört. So viele Widersprüche … Mit etwas Übertreibung kann von ihm sagen: Er war die Kraft, die meist das Gute wollte und fast immer das Üble erreichte.

Der Film, 1999 herausgekommen, wiederholt im Fernsehen gezeigt, jetzt als DVD erhältlich, ist ein mitreißendes historisch-ästhetisches Gesamtkunstwerk.

[*] Diese Rezension schrieb: Arno Abendschön (2010-12-10)

Hinweis: Diese Rezension spiegelt die Meinung ihres Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung von versalia.de übereinstimmen.



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