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Maximilian Schönherr - Die Stammheim-Bänder Baader-Meinhof vor Gericht
Buchinformation
Schönherr, Maximilian - Die Stammheim-Bänder  Baader-Meinhof vor Gericht  bestellen
Schönherr, Maximilian:
Die Stammheim-Bänder
Baader-Meinhof vor
Gericht

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(Bücher frei Haus)

Maximilian Schönherr
Die Stammheim-Bänder
Baader-Meinhof vor Gericht

2008
www.der-audio-verlag.de und WDR
ISBN: 978-3-89813-786-7
80 Minuten und Booklet
14,90.-

Dieses Tondokument beginnt wie ein Krimi. Tatsächlich hatte eine Beamte die Bänder in einem Keller des Oberlandesgerichtes Stuttgart gefunden und es kommt wohl einem Wunder gleich, dass sie nicht weggeworfen wurden, sondern hier in einer gekürzten Fassung erstmals vorliegen. Eigentlich hätten die Bänder nämlich schon vor 30 Jahren gelöscht werden müssen, aber durch die vorschriftswidrige Verweigerung der Löschung sind sie uns heute zugänglich. So bekommt man nicht nur die Angeklagten im O-Ton zu hören, sondern auch einen aufgebrachten und herumschreienden Rechtsanwalt Otto Schily (der spätere deutsche Innenminister), sowie den Zeugen Klaus Jünschke (der die Richter als faschistische Schweine" beschimpft) oder die Staatsanwälte und die drei Richter.

Mit den Prozessen in Stammheim begann eigentlich der deutsche Herbst", gegen den sich die erste Generation der RAF zwar distanziert hatte, von dem sie aber wohl oder übel versuchte zu profitieren. Die Verhandlungen führten zu einem Urteil (lebenslänglich"), das vor leerer Anklagebank verlesen wurde. Die Angeklagten waren zuvor bereits vom Prozess ausgeschlossen worden und wenn man die Bänder hört, versteht man wohl auch warum. Man hört auf vorliegender CD einen lispelnden, nuschelnden und mit schrecklichem süddeutschen Akzent dozierenden Baader, dem das Wort mehrmals wegen Ausschweifung" entzogen wird, eine den Ausstieg anbietende Ulrike Meinhof, die sich später in ihrer Zelle selbst erhängen wird und einen kämpferischen Jan Carl Raspe. Gudrun Ennslin schlägt sich gesundheitlich noch am besten, sie wird vor allem durch ihre vulgäre Wortwahl bekannt und auch später noch gerne zitiert. Sie droht dem Richter mit Du wirst nicht vergessen!" und später so wie die anderen Angeklagten aus dem Saal geführt. Zuvor verliest sie jedoch noch ein durchaus interessantes Manifest zur Politik der RAF zwischen DKP, Sowjetunion und Mao`s China. Natürlich muss man sich vor Augen führen, dass die Angeklagten nicht voll vernehmensfähig waren, denn sie befanden sich teilweise im Hungerstreik, fühlten sich gefoltert, waren stark abgemagert und deswegen wohl nicht nur körperlich ausgemergelt.

Die Strategie der Verteidigung ist einerseits die Anerkennung der vom Gericht anscheinend beabsichtigten Verletzung der körperlichen Unversehrtheit" der Angeklagten als Unrecht, andererseits der Versuch die Anerkennung der Berechtigung der Verbrechen der RAF, da man sich im Kriegszustand befinden würde und Mord in einem Krieg (zwischen Kapital und Peripherie) nicht strafbar sei, durchzusetzen. Aber selbst im Krieg gibt es keinen rechtsfreien Raum und Mord bleibt einfach ein Mord, wie die Staatsanwälte betonen. Dass amerikanische Flugzeuge, die die Bomben für Vietnam geladen in Deutschland zwischenlandeten und die BRD dadurch auch zum Kriegsbeteiligten wurde (so die Strategie der Verteidigung), konnte vom Gericht als Milderungsgrund nicht anerkannt werden.

Schily ist es, der das warnende Wort gegen die Richter schleudert: Wir Anwälte führen gegenüber der Macht das Argument des Rechts ins Feld" und vor allem das wird einem wohl in Erinnerung bleiben. Es gibt aber auch ein paar humoristische Einlagen, etwa wenn ein Staatsanwalt den Großen Vorsitzenden" (Mao Tse-tung) zitiert und Schily damit provozieren will: das Chinesische tschifin, tschifai", soll auf Deutsch Wer schreit, hat nie recht" heißen. Und damit meint er Schily und beweist Humor, auch wenn der selbstverständlich völlig unangebracht ist. Das Verhör mit dem Vater einer anderen Terroristin wächst sich zu einem absurden Dialog aus, da der Vater absolut von der Unschuld seiner Tochter überzeugt ist und die Richter damit in Verlegenheit bringt. Hat ihre Tochter viele Studienfahrten gemacht?" lautet etwa eine Frage eines Vorsitzenden. Man beginnt zu glauben, dass einen das schon verdächtig machen könnte, zumindest im Klima der damaligen BRD. Gegen das, was nach der ersten RAF-Generation kam, waren Baader & Co noch harmlos. Aber auch durch eine andere Prozessführung hätte sich das wohl nicht verhindern lassen.

Die Tonqualität der Bänder ist übrigens überraschenderweise sehr gut. Der Prozessraum war mit Mikrofonen ausgestattet und so eine perfekte Aufzeichnung garantiert. Akustisch unverständliche Stellen, die von hinten aus dem Saal zugerufen werden, werden vom Sprecher, Schönherr, deutlich gemacht oder wiederholt oder manchmal wird auch erklärend eingegriffen. Insbesondere beim lebhaften und turbulenten Durcheinanderschreien, wiederholt der Sprecher nochmals das vermeintlich Versäumte. Wer noch mehr zur deutschen Nachkriegsgeschichte erfahren möchte konsultiere den Hoffmann und Campe Verlag, wo das das Buch zum Film von Bernd Eichinger mit Fotos, Interviews und Drehbuch, die Originaltöne auf 4 CDs mit Fakten und Dokumenten und das Filmhörbuch selbst erschienen sind. Auch Alfred Klaus Biographie „Sie nannten mich Familienbulle“ bringt ein neue Perspektive zur Sprache, die des Sonderermittlers gegen die RAF.

[*] Diese Rezension schrieb: Jürgen Weber (2009-01-21)

Hinweis: Diese Rezension spiegelt die Meinung ihres Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung von versalia.de übereinstimmen.



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