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Rezensionen


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Eugen Semrau - Österreichs Spuren in Venedig
„Völker der Lombardei, der Staaten von Mantua, Brescia und
Venedig; ein glückliches Los erwartete Euch; Eure Staaten
sind nun definitiv mit dem österreichischen Kaiserstaat
verbunden“, hieß es in einer Proklamation vom 12. Juni 1814.
Als Kaiser Franz im darauf folgenden Jahr die Lagunenstadt
besuchte, hatte Metternichs Geheimpolizei alles getan, um
diesem den wahren Zustand der Stadt zu verheimlichen. Es
wurden sogar Applaudierer bezahlt, die zeigen sollten „wie
selig die Völker Italiens unter seinem Szepter seyen“. Die
zweite Phase der österreichischen Herrschaft Venedigs (die
erste hatte von 1798 bis 1806 gedauert) sollte genauso vom
„bastone tedesco“ (dem deutschen Prügel) gekennzeichnet
sein, wie durch Reformen. Der Unterschied zwischen dem
Stadtadel und jenem der Terraferma (dem venezianischen
Festland) wurde 1816 aufgehoben, die Nobili blieben aber
ohnehin von der politischen Macht ausgeschlossen, genauso
wie der Bürgermeister. Die eigentliche Macht lag allein in
den Händen des österreichischen Gouverneurs. Und in einem
für Österreich so typischen Beamtenwesen, das selbst
Metternich als schlimmstes Übel brandmarkte, nämlich den
Beamtendespotismus, „den die Schlechten so gerne als Form
des Regierens ausgeben“, soll Metternich laut Eugen Semrau
einmal bemerkt haben.
Die Österreicher als kleineres Übel
Dennoch wurden die Österreicher als kleineres Übel
angesehen, denn der Franzose Napoleon, der ein „Attila“ für
die von ihm so verachtete Adelsrepublik sein wollte, hatte
schon 1797 ganze Arbeit geleistet. Nicht nur, dass er vor
der Übergabe an die Österreicher Venedig plünderte, er
hinterließ ihr auch noch eine Statue von sich selbst auf der
Piazzetta. Die Pferde von San Marco, einst Insignien des
Römischen Imperators und von Konstantin nach Byzanz
gebracht, von den Venezianern dort selbst geklaut, nahm
Napoleon genauso an sich, wie den Löwen auf der Säule der
Piazzetta, ganz abgesehen von den vielen anderen Reichtümern
der Stadt, die die Franzosen als Kriegsbeute mit sich
nahmen. Das „leere“ Venedig tauschte Napoleon schließlich
gegen Mailand und die Lombardei und Österreich hatte sich
damit einen weiteren nationalen Unruheherd ins Reich geholt.
Venedig war beinahe 1400 Jahre unabhängig gewesen und hatte
das halbe Mittelmeer beherrscht. Sein letzter Doge, Ludovico
Manin übergab die Stadt „unter Tränen und mit zitternder
Stimme“, ohne Widerstand, dabei hätte Venedig damals noch
über 14.000 Soldaten und 8000 Matrosen verfügt, die die
unkundigen Franzosen zumindest auf See sicher geschlagen
hätten. Nun denn, es sollte anders kommen. In dieser Zeit
setzte übrigens auch eine Abwanderung der Bevölkerung ein,
die bis heute nicht mehr zu stoppen war. 1824 hatte die
Stadt noch 114.000 Einwohner, 1791 immerhin 160.000, heute
(2010) gerade mal 60.000.
Venedig - eine habsburgische `Musterstadt´?
Antonio Rizzoli schrieb für vorliegendes Buch eine Chronik
der Ereignisse von 1798-1860, und ist unschlüssig über das
Verhältnis der Venezianer zu ihren Besetzern: „In Venedig
war die Bevölkerung niedergeschlagen, die Händler
kritisierten nicht, und man lebte unter dem Druck einer
schweren Zensur wie in einem Polizeistaat.“ Diese Worte
gelten natürlich besonders nach der 17-monatigen Republik,
die am 22. August 1849 ihre Waffen strecken musste. Von den
Errungenschaften der 60 Jahre Fremdbeherrschung schreibt
dafür Eugen Semrau, in seinem Kapitel „Eine habsburgische
`Musterstadt´“. Die Österreicher hätten Venedig zu einer
modernen Stadt gemacht, zum Beispiel durch die Einführung
des Katasters, das allen Häusern mit roter Farbe eine Nummer
verpasste. Die höchste Nummer, 6828, trägt ein Haus im
Stadtteil Castello, dem „Fischschwanz“ Venedigs. Die
Zollfreiheit brachte einen Aufschwung der Wirtschaft. Das
Arsenale wurde wieder geöffnet und hier entstand auch die
„Nowara“, auf der Maximilian, der Bruder Franz Josephs,
später seinen aktiven Dienst aufnahm. 16.000 privilegierte
Arsenalotti hatten einst hier gearbeitet und sich in ihren
Arbeitspausen am „vin piccolo“ erfrischt, aber das war nur
eines von vielen anderen Privilegien. Weitere technische
Neuerungen, die unter der Herrschaft der Österreicher in
Venedig verwirklicht wurden, waren auch viele Eisenbrücken
(z.B. Ponte della libertà) und die Gasbeleuchtung. Die
Zattere, die heutige Flaniermeile Venedigs, sei mit immensem
Kostenaufwand neu errichtet worden, ganz abgesehen von der
Renovierung vieler Kirchen und Palazzi. Die Österreicher
ließen auch viele Kanäle zuschütten (rio terà), ganz wie in
Mailand, und legten auch die breite „strada nova“ an, die
durch Cannareggio wie ein Boulevard führt.
Der Österreicher ihr Ordnungsbewusstsein
Die Österreicher hätten durch ihr „rücksichtsloses Bedürfnis
nach Ordnung und Symmetrie“ dem alten Stadtbild schreckliche
Wunden zugefügt und eine Unzahl historischer Denkmäler
zerstört, schreibt der Stadthistoriker Paolo Giardini. Eine
ebenfalls sehr schändliche Erinnerung sind die Brandbomben
von 1849, die heute im Denkmal für Daniele Manin eingelassen
sind. Weitere Wunden, die Venedig durch die österreichische
Armee zugefügt wurden, kann man auch am Campiello Marinoni
in der Nähe des Teatro Fenice, in der Fassade S. Niccolò da
Tolentino oder im Türsturz des Hauses 3728 am Corte Paruta,
nahe der Kirche S. Pantalon, bewundern. Alte Wunden darf man
ja bewundern, aber man sollte sie halt nie mehr wieder
aufreißen.
Das Vorwort verfasste der Autor und Schauspieler Miguel
Herz-Kestranek. Eugen Semrau, der selbst in Venedig lebt
(übrigens mitten drin, in Santa Croce), hat sich in
vorliegendem Buch auf die Suche nach den Spuren eines
vergangenen Österreichs gemacht und es in Architektur und
Kultur, Wirtschaft und Gastronomie und nicht zuletzt auch im
Bewusstsein der Einwohner der Lagunenstadt, die bis heute
das Andenken an die Herrschaft des Doppeladlers bewahren,
gefunden. Ein Venedigbuch für alle Venedigliebhaber.
Eugen Semrau
Österreichs Spuren in Venedig
Mit Beiträgen von Antonio A. Rizzoli, Massimo Cacciari und
Miguel Herz-Kestranek
2010
ISBN: 978-3-222-13309-1
160 Seiten:
24.95.-
[*] Diese Rezension schrieb: Jürgen Weber (2010-12-23)
Hinweis: Diese Rezension spiegelt die Meinung ihres Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung von versalia.de übereinstimmen.
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