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Rezensionen


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William Shakespeare - Othello
Unlängst im Wiener Akademietheater konnte man Zeuge einer
dramatisierten Version des ohnehin schon so dramatischen
Stoffes des Othellos werden, die dramatisch und kurzweilig
wie sie war, keine gefühlten dreieinhalb Stunden dauerte.
Die ersten Sätze wurden im Dunkeln gesprochen und dafür
sogar die Lichter der Notausgänge von den Platzanweiserinnen
abgedichtet. Der Zuschauerraum wurde dadurch in ein
tatsächliches Schwarz getaucht und manchem Theaterbesucher
war das sichtlich unangenehm, wie das Flüstern und Rascheln
vermuten ließ. Als es dann endlich Licht wurde stand die
Schauspielertruppe vor einem auf Panelen aufgemalten
Markuslöwen, bis die zweite Szene die ganze Fassade
einstürzen ließ und der Schauplatz von Venedig nach Zypern
wechselte.
Die teuflische Intrige des Jago, der aus purem Neid oder
einfacher Bosheit, das Liebespaar Othello und Desdemona
auseinander bringt, ist auch als Eifersuchtsdrama in die
Weltliteratur eingegangen, aber man sollte mehr von der
Arglosigkeit Othellos und der Schurkerei Jagos sprechen, wie
Hans Matter in seiner Kurzversion des Dramas schreibt. „Im
Schoß der Zeit ruht so manches, das noch geboren werden
will“ und will es nicht, so kann man dem Ganzen ja ein
bisschen nachhelfen, wird sich Jago wohl gedacht haben. Aber
was gewinnt Jago dabei? Macht er es aus der puren Lust zum
Bösen?
Am Anfang der Zypernszene steht nicht nur das staubige
Zertrümmern der Kulisse in Jan Bosses Inszenierung des
Othello am Wiener Akademietheater, es werden auch riesige
Windmaschinen an den Publikumsausgängen aufgefahren und so
die Atmosphäre eines Seesturmes erzeugt, mein volles Mitleid
dabei, für die ersten Reihen, die um ihre schönen Frisuren
fürchten mussten. Auf der Bühne liegt dann eine verwüstete
Landschaft, mit Federn bestreut, kahle, nackte Wände, eine
Hängematte und die kalte Atmosphäre eines kleinen
Weltuntergangs. Dabei war es doch nur der Krieg gegen die
Türken, den die Venezianer noch einmal für sich entscheiden
konnten und Zypern wiedereingliederten unter das Banner des
Markuslöwen. Auf den Trümmern dieser Landschaft erscheint
die schwangere Bianca und trällert Joy Divisions „Love will
tear us apart, again“, ein schnöder Vorgeschmack, auf das,
was da noch kommen wird.
„Verflucht sei meine Seele, aber ich liebe dich wirklich“,
schreit Othello verzweifelt gegen die Intrigen Jagos an und
denkt dabei an seine zärtliche Desdemona. „Wenn du mich
liebst, dann zeigst du mir jetzt deine Gedanken“, wird er
sie später bitten, wenn der Samen der Zwietracht schon in
seinem Herzen gefruchtet haben wird und das leise Gift des
Misstrauens seinen Körper von innen aufgefressen haben wird.
Ehrlichkeit? Treue? „O ja, wie Sommerfliegen auf der
Fleischbank, Die im Entstehen schon buhlen. O du Unkraut, So
reizend liebliche und von Duft so süß, Dass du den Sinn
betäubst – o wärst du nie geboren! -“ schimpft Othello bald
seine Geliebte Desdemona und bald ist ihm in seiner
Verzweiflung nicht mehr zu helfen.
In einer der Szenen liegen die drei Frauen des Stücks,
Bianca, Emilia und Desdemona in der Hängematte und
intonieren John Lennon`s „Woman is the Nigger of the World“
und man mag ob dieses Scherzes und der harmlosen Szenerie
erleichtert auflachen, denn sie ist nur die Einleitung für
das grausame Schlachten, das noch folgen wird. Erst Rodrigo
von Cassio oder beide sich gegenseitig, dann Othello seine
Desdemona, blutüberströmt, in einer in Dunkelheit getauchten
Lagerfeuerszene (und das auf der Bühne), fällt der nackte
Körper der Desdemona rücklings aus der Hängematte und Jago,
der triumphiert und sagt einfach gar nichts mehr. Doch
Othello, der spät erst seinen Irrtum erkennt, richtet sich
selbst und spricht die Worte „Sprecht von mir, wie ich bin –
verkleinert nichts, /Noch setzt in Bosheit zu. Dann müsst
ihr melden/ Von einem, der nicht klug, doch zu sehr liebte
(…)“. Mögen seine Worte eine Warnung an jene sein, die Jagos
zu ihren Freunden zählen. „Othello“ soll am Wiener
Akademietheater demnächst (am 7. und 15. März) übrigens
wieder aufgenommen werden.
Othello, der Mohr von Venedig, nach einem Stich von Johann
Heinrich Füßli, der der zehnbändigen Ausgabe von „The Plays“
von London 1805 entnommen wurde, ziert übrigens auch das
Buchcover dieser Ausgabe der deutschen Version der
gesammelten Werke von William Shakespeare des Diogenes
Verlages. Die Übersetzungen von A.W. v. Schlegel und L.
Tieck wurden neu herausgegeben und revidiert von Hans Matter
und mit einem Geleitwort versehen. Die anderen Werke von
Shakespeare sind ebenfalls im Diogenes Verlag in ähnlicher
Ausstattung erschienen, so auch „Ein Sommernachtstraum“,
„Der Kaufmann von Venedig“, „Viel Lärm um nichts“, „Wie es
euch gefällt“ und „Die lustigen Weiber von Windsor“ in einer
Taschenbuchausgabe.
William Shakespeare
Romeo und Julia - Hamlet, Prinz von Dänemark - Othello, der
Mohr von Venedig
Übersetzungen von Schlegel und Tieck, revidiert von Hans
Matter
Mit Illustrationen von Johann Heinrich Füßli
Verlag Diogenes
http://www.diogenes.ch
ISBN: 978-3-257-20631-9
334 Seiten
9,90.-
[*] Diese Rezension schrieb: Jürgen Weber (2010-03-01)
Hinweis: Diese Rezension spiegelt die Meinung ihres Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung von versalia.de übereinstimmen.
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