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Peter Sloterdijk - Du mußt dein Leben ändern
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Sloterdijk, Peter:
Du mußt dein Leben
ändern

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(Bücher frei Haus)

Plädoyer für ein globales Immundesign

Der Professor für Philosophie und Ästhetik an der Staatlichen Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe, Peter Sloterdijk, fährt fort, sich der heiklen Themen unserer Zeit anzunehmen. Nach Im Weltinnenraum des Kapitals (2005), Zorn und Zeit (2006) und Gottes Eifer (2007) erschien nun, im Jahr 2009, ein neues Werk von über 700 Seiten, in dem sich der stets produktive und geistreiche Diagnostiker der Frage widmet, wie es mit dem homo sapiens in der nicht mehr separierbaren globalen Welt weiter gehen soll.

Ausgehend von dem Rilke-Zitat aus dem Archäischen Torso Apollos, welcher zur Zeit der Hospitation des Poeten in der Bildhauerwerkstatt Auguste Rodins entstand, „denn da ist keine Stelle, die dich nicht sieht. Du musst dein Leben ändern“, begibt sich Sloterdijk auf eine analytische Reise von der Vor-Moderne bis heute. Die alles entscheidende Frage ist dabei die, inwieweit es dem Menschen gelingen konnte, sich aus den Kontexten der Gesellschafts- und Menschheitsverantwortung zu exkulpieren. In antiken Existenzformen gelang dieses noch mittels des religiösen Asketismus, der zum einen gewährleistete, sich aus dem In-der-Welt-Sein zu verabschieden, indem die Entsagung des Irdischen durch eine asketische Existenzform gelingen konnte. Zum anderen jedoch bewirkte der Asketismus eine Form der Disziplin, welche Grundlage zur synthetisch reinen Form der Übung an sich und damit dem Superlativ der Professionalisierung werden konnte.

Sloterdijk dokumentiert anhand unzähliger Beispiele, wie die Jenseitigkeit der religiösen Enthaltung in eine übersteigerte Form der existenziellen Übung wurde, die heute die Grundlage des superlativistischen Anspruchs in allen gesellschaftlichen Disziplinen und Berufsbildern wurde. Die Adaption des übersteigerten Übungsethos führte zur Eliminierung der fundamentalen Erklärungsfähigkeit der Religion. Daher sind nach Sloterdijk alle Prognosen einer Renaissance der Religion als Reaktion auf die große Krise der Gattung Mensch auch nicht mehr praktikabel. Sie besitzen durch die Säkularisierung in die tägliche Lebenspraxis der modernen Gesellschaften keine Attraktion mehr, weil sie weder Erholung noch Innovation zu versprechen in der Lage sind.

Durch das Zusammenrücken der Welt in den letzten zwei Jahrzehnten und die globale Vernetzung auch der regionalen Netzwerke können die einstmals probaten Schemen der Weltflucht keine Linderung mehr bieten. Ganz im Gegenteil, sie desavouieren sich durch ihre lokale Begrenztheit und sind eher als Ursache der Kooperationskrisen zu deuten als deren Lösung. Das gilt sowohl für den Islam wie für das Christentum und den mit diesen Religionen assoziierten Werten. Und es gibt kein existenzielles Phänomen mehr, das durch sein lokales Erscheinen kalt lassen kann, weil es in chaotischer Weise global wirken wird.

Eine Notwendigkeit sieht Sloterdijk in dem Design eines globalen Immunsystems, in dem die Kooperation der diversen Fraktionen der Weltgesellschaft im Vordergrund zu stehen hat und das Einvernehmen über die globalen Folgen lokalen Handelns im Vordergrund stehen muss. Sloterdijk nennt dies Ko-Immunismus. Angesichts der multiplen Krisen wieder ein über-dimensioniertes Unterfagen, das nichts anderes übrig lässt als das bereits im Titel formulierte Fazit: Du musst dein Leben ändern!

[*] Diese Rezension schrieb: Gerhard Mersmann (2009-06-25)

Hinweis: Diese Rezension spiegelt die Meinung ihres Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung von versalia.de übereinstimmen.



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