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Barbara Sternthal - Wie man Venezianer wird
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Sternthal, Barbara:
Wie man Venezianer wird

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(Bücher frei Haus)

Venedig ist zwar nur mehr eine kleine Stadt was die Einwohnerzahl betrifft, in der Geschichte hingegen kann die Serenissima, die „Erlauchteste“, aber wohl kaum eine andere Stadt überbieten. Jede Stadt ist gleich, nur Venedig ist „a bissele anders“ (Tante Jolesch) und das nicht nur wegen dem Umstand, dass diese Stadt von Wasser umgeben ist und kein einziges Auto durch ihre Gassen fährt, sondern sicherlich auch aufgrund ihrer Bewohner. Nur mehr 60.000 Venezianer sollen es sein, die in Venedig leben, einst, in ihrer Blütezeit im 18. Jahrhundert waren es noch an die 200.000. Oft fragt man sich, wo die alle gewohnt haben sollen, denn die Stadt ist tatsächlich klein und kann an einem Tag leicht durchstreift werden. So viel Wohnraum gibt es ja gar nicht, denn der meiste Grund und Boden gehört der Katholischen Kirche. Der wenige Wohnraum ist teuer und diesen können sich beinahe nur mehr Millionäre wie Naomi leisten, deren russischer Prinz ihr kürzlich ein Haus am Canal Grande schenkte. Und doch gibt es zunehmend auch immer mehr „normale“ Menschen, Ausländer, die sich in Venedig ansiedeln und diese Stadt sogar noch lieben lernen, trotz der anderen 20 Millionen Ausländer, die diese Stadt jährlich besuchen. Das wären noch nicht einmal die geringsten Übel, gegen die man zu kämpfen hat: neben Mietwucher und Touristenströmen gibt es auch noch Acqua alta, das alljährliche Hochwasser, die schwülen heißen Sommer, den starken Nebel, die hohe Luftfeuchtigkeit, das unbequeme Leben für Leute im hohen Alter (alles zu Fuß gehen und viele Carelli zu ziehen).
Es gehört sicherlich eine Menge Mut dazu, sich dennoch dazu zu entschließen, in diese Stadt im Meer auszuwandern. Einige dieser mutigen Menschen stellt dieses Buch vor, darunter nicht nur deutschsprachige, sondern auch Engländer und Amerikaner. „Nothing in the world that you ever heard of Venice is equal to the magnificent and stupendous reality“, schrieb einst Charles Dickens, wohl an einem strahlend sonnigen Wintertag, der schon so manchen anderen verzweifelten Reisenden für die Mühsal entschädigt hat. An so einem Tag kann Venedig wirklich magisch sein, das Licht, der Himmel, das Meer, alles verschmilzt zu einer Symbiose des Traums, alles wird Illusion und Reflexion und man beginnt fast zu fliegen vor lauter Glück. „Venedig ist ein Mikrokosmos, der sich außerhalb von Zeit und Raum zu befinden scheint“, beschreibt die Herausgeberin passend die Stimmung der Stadt in ihrem Vorwort zu einem Buch, das zwanzig Personen vorstellt, die wegen Venedig nach Venedig gegangen sind und nicht wegen einem Venezianer oder einer Venezianerin, wie sie betont.
Der aus Österreich stammende Eduard Angeli beschreibt die Gemütslage der Städte Wien, Venedig und Istanbul mit dem türkischen Begriff „Hüsün“ (Melancholie) und was ihm in Wien gefehlt habe, sei vor allem das Meer gewesen. Der Maler braucht natürlich dieses Licht, diese Weite für seinen Beruf, ohne das könnte er wohl kaum so gut arbeiten. Zudem inspiriert die Stadt natürlich, gerade einen Maler, nicht nur die Literaten, wie der neugierige Buchhändler John Francis Fillmore aus Großbritannien weiß. Er weiß zwar noch nicht, ob er in Venedig bleibt, aber einen fertigen Kriminalroman hat er schon mal in der Tasche. Venedig inspiriert also sogar Buchhändler. Auch andere Berufsgruppen mögen dabei wohl ins Schwärmen kommen. Schuhmacher? Warum nicht! Die Bregenzerin Gabriele Gmeiner hat einen Schuhladen in San Polo, ganz in der Nähe von Rialto, eröffnet und lebt schon seit Anfang der 2000er in Venedig, damals war sie gerade mal 31 Jahre alt. Seither zählt sie den Prinzen aus Bahrain und andere illustre Persönlichkeiten aus aller Welt zu ihren Kunden und dennoch war Venedig für sie mehr eine Vernunftehe, denn eine Wahl. Die gebürtige Vorarlbergerin, die in den Metropolen der Welt ihr Handwerk lernte und ausübte, findet erst langsam zu dieser Kleinstadt, vielleicht auch mit dem Umweg über ihre Großeltern, die eigentlich aus dem Veneto stammen und einst aus ökonomischen Gründen nach Vorarlberg auswanderten. Kehrt die junge Schuhmacherin die Migrationswege des 20. Jahrhunderts wieder um?
Eugen Semrau, der Kommunikationswissenschaftler und ehemalige Wahlstratege des ebenso ehemaligen Präsidenten Thomas Klestil fasst sein venezianisches Credo gleich mit drei Ms zusammen: Malamocco, Mastroianni und Muscheln. Schon als Kind habe ihm sein Vater die Dimensionen Venedigs eröffnet und sie haben sich seither nie mehr geschlossen. Als er dann auch noch seine nunmehrige Frau kennen lernte, die seit ihrem 19. Geburtstag jeden ihrer Geburtstage in der Lagunenstadt feierte, war das Mysterium perfekt: die beiden heirateten und leben seither zusammen in Venedig. Natürlich haben beide auf ihre Karrieren dabei verzichten müssen, aber was bedeutet das angesichts der Tatsache, dass einem das neue Zuhause nicht nur seelisch, sondern auch gesundheitlich gut tut? Man kann den beiden also nur viel Glück wünschen, zumal Eugen Semrau auch ein Buch über die Serenissima geschrieben hat, das diesen Herbst beim selben Verlag erschienen ist.

Weitere Essays resp. Interviews beschäftigen sich u.a. mit dem deutsch-chilenischen Schriftsteller Gaston Salvatore, Marlis und Franz Beer, Gilles Gubelmann, Ziva Kraus, Rosemary Forbes-Butler, Rita Fortin, und vielen anderen.

Dr. Barbara Sternthal/ Fotograf/Illustrator: Harald Eisenberger
Wie man Venezianer wird
Der Traum vom Leben in der Serenissima
2010
ISBN: 978-3-85378-671-0
160 Seiten:
€ 24,95

[*] Diese Rezension schrieb: Jürgen Weber (2010-12-23)

Hinweis: Diese Rezension spiegelt die Meinung ihres Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung von versalia.de übereinstimmen.



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