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Gerhard Stöger - WIENPOP
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Stöger, Gerhard  - WIENPOP bestellen
Stöger, Gerhard :
WIENPOP

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(Bücher frei Haus)

„Ambros kam mit einer Gönnerin – Adele hat sie, glaub ich geheißen – und dem Prokopetz ins Studio, beide voll im Öl“ erzählt Peter Müller in einem der vielen Interviews in vorliegender Geschichte über ein halbes Jahrhundert Austropop von ca 1950 bis 2000. „Und dann nahmen sie den `Hofa´ auf“ und siehe da: es wurde Licht! Aber auch andere Erfolgsgeschichten des Austropop sind unmittelbar mit „im Öl“ und „blunznfett“ sein verbunden. Die legendäre Aufnahme über den „Tschick“ genannten Sandler Herr Jappel von Georg Danzer verblüffte sogar die Herren von der Aufnahmetechnik beim ORF, denn als sie einen Spektro-Analyzer für die Stimme benutzten fanden sie heraus, dass es der Georg Danzer selbst war, der gesungen hatte. „Wienpop- das Buch“ lässt alle Veteranen der einstigen Wiener Szene im O-Ton zu Wort kommen und zeigt reich bebildert, dass Wien alles andere als tot war und ist. Viele Fotos von damals und Biographien im Anhang zeigen die Aktivisten in Wort und Bild, und auch wenn nicht alle überlebt haben, entsteht so doch ein vielfältiges Bild der zu Unrecht als Walzerstadt verschrienen Musikmetropole an der Donau.

Wien untote Stadt
„Ich bin tot im Kopf, ich bin krank im Schwanz“ hieß es dann in der Punkphase der Wiener Szene, intoniert wurde dieses Lied vom heute noch als enfant terrible bekannten Peter Weibel mit seinem Hotel Morphila Orchester. Punk und New Wave war in Wien in den Achtzigern genauso vertreten wie in jeder anderen Großstadt, außer dass daran auch Burgschauspieler und Lehrer einen großen Anteil hatten unterschied sich die Szene eigentlich kaum vom Rest der Welt. Wien war damals schließlich am Rande Europas, und zur Peripherie am Eisernen Vorhang passte ein verzweifteltes Lebensgefühl ebenso gut wie zur Mauerstadt Berlin, eigentlich sogar noch besser als zu London. „Blutrausch“ hieß ein berühmtes Album der damals noch berüchtigteren Drahdiwaberl, der Bandname eine Hommage an den „engen Weg“. Eine Lederjacke auf einem Foto in der vorliegenden Anthologie des rüden Geschmacks zeigt die Aufschrift: „Wien du tote Stadt“, aber wie „Wienpop“ auf wohltuende Weise zeigt, war es eigentlich gar nicht sotot, auch wenn ein stadtbekannter Barde damals nicht ganz unrichtig vermutete, dass am Wiener Zentralfriedhof vielleicht doch mehr Leben war, als in der Innenstadt.

Die 60er: Langhaarige in den Katakomben
„Melancholie im September, das ist alles was mir blieb von dir“ von den Bambis war einer der ersten Hits der 1964 von Wien aus um die Welt ging und Popgeschichte schrieb, obwohl er eigentlich in Kärnten, am Wörthersee entstanden war. Wien war schon damals der einzige Ort in Österreich, wo Bands überhaupt auftreten konnten und eine entsprechende Crowd für die Wahrnehmung in der Öffentlichkeit sorgen konnte. Aber Wien war in den Sechziger Jahren auch immer noch ein Hort der Reaktion und der katholisch-reaktionäre Mief wird auch von André Heller in einem der vielen Interviews in vorliegender Publikation angesprochen. Der allgemeine Tenor sei laut Heller gewesen: „Die Jungen sollen die Goschn halten und schauen, dass sie älter werden.“ Jugend war damals noch etwas Verpöntes, Schmutziges, Wildes, Radikales, das bekämpft und gesittet werden musste. Heute gehört Jugend zum Verkaufsschlager einer auf Massenkonsumption beruhenden Wettbewerbsgesellschaft in der Ideologie scheinbar keine Rolle mehr spiele, sondern allein die Akkumulation des Profits zähle. In den Sechzigern waren noch die Ex-Nazis am Ruder, meint Willi Resetarits der die ersten Langhaarigen Wiens mit den Urchristen vergleicht, die sich auch Kellerlokalen resp. Katakomben trafen.

Wiener Kulturpolitik: Immer zu spät dran
Als Udo Jürgens im Dezember 2014 das letzte Mal vor seinem Tod in Wien auftrat wurden die Namen der Tourneestädte auf einer überdimensionalen Leinwand hinter dem Musiker an die Wand der Wiener Stadthalle projeziert. Auch St. Petersburg war dabei, nur hieß es hier „Leningrad“, obwohl Leningrad schon seit 1991 nicht mehr existierte. So wie die Macher der Tourneelandkarte hatten auch viele Fans - und vielleicht sogar Udo Jürgens selbst - noch nicht verstanden, dass sie wieder einmal zu spät dran waren und genau dieses „zu spät dran“ charakterisiert wohl auch die Wiener Szene insgesamt. Während in Wien in den Sechzigern noch Schlager gehört wurden – Udo Jürgens gewann beim Songcontest 1963 mit „Merci Cherie“ – hatten andernorts schon die Rolling Stones oder Beatles mit harter Beatmusik durchgestartet. Auch 1968 fand in Wien eigentlich erst 1976 statt, nicht nur politisch, sondern auch kulturell. Insofern steht die kleine Anekdote über den unlängst verstorbenen Kärntner auch episodisch für das hiesige Verständnis von Kultur: erst wenn alles vorbei ist, wird es anerkannt.

Vienna Electronic and beyond
Dass den Autoren von Wienpop mit Ausnahme der Wiener Bibliothek überhaupt keine öffentliche Unterstützung zu Teil wurde gehört sicherlich zu den klassischen Skandalen der immer noch in Walzer und Heurigenklängen erstarrten „Kulturmetropole“. Erst sehr langsam begreift das Wiener Establishment, dass gerade Erscheinungen wie Austropop, Elektronik und die zweite Wiener Welle gerade den Charme Wiens ausmachen und sich eben auch in Wien – spätestens seit dem Mauerfall 1989 - einiges getan hat. Und endlich gibt es auch ein Buch darüber, das in vier thematischen Bereichen die Wiener Popkultur des letzten halben Jahrhunderts nacherzählt (1950 bis ca. 2000) und ihr den Stellenwert einräumt, der ihr gebührt. Und vielleicht klappt es mit den Förderungen ja nächstes Mal, denn eine Historisierung der Nullerjahre ist dringend erforderlich und unbedingt nachzuholen.

WIENPOP
Fünf Jahrzehnte Musikgeschichte erzählt von 130 Protagonisten
von Walter Gröbchen, Thomas Mießgang, Florian Obkircher, Gerhard Stöger

[*] Diese Rezension schrieb: Jürgen Weber (2015-04-15)

Hinweis: Diese Rezension spiegelt die Meinung ihres Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung von versalia.de übereinstimmen.



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