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Kai Strittmatter - Istanbul: Metropole zwischen den Welten
Buchinformation
Strittmatter, Kai - Istanbul: Metropole zwischen den Welten bestellen
Strittmatter, Kai:
Istanbul: Metropole
zwischen den Welten

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(Bücher frei Haus)

„Umut“ sitzt auf einem Stuhl in der Klinik von Kemal Özlan. Dieser ist bereits eine Legende in der Türkei. Umut bedeutet auf Deutsch „Hoffnung“ und diese hat der junge Patient, denn er hofft, dass es nicht wehtun wird. Sein Gastgeber sei der „beste Beschneider der Welt“, Kemal Özlan. Er hat schon 116.135 Jungs zu Männern gemacht. Heute, wo sein Augenlicht etwas nachlässt, haben seine beiden Söhne das Geschäft übernommen. Sein Ältester hat schon mit sieben damit angefangen: er beschnitt seinen jüngeren Bruder unmittelbar nach seiner eigenen Beschneidung. Wer schon einmal in Istanbul gewesen ist, dem werden die vielen kleinen wie Prinzen gekleidete Jungs aufgefallen sein, die sogar ein Zepter in der Hand halten und eine Krone auf dem Kopf tragen. Meist sind sie golden und weiß gekleidet, das eine wohl Zeichen der Unschuld, das andere Zeichen der Krönung: endlich zum Mann geworden. Diese jungen Männer waren vielleicht gerade bei Kemal Özlan.

Aber Istanbul ist nicht nur ein Ort, in dem die Traditionen gepflegt werden, sondern auch eine Stadt der Moderne, in deren Großraum inzwischen 10 Millionen Menschen leben. Das etwa von Fatih Akin in seinen Filmen so meisterhaft porträtierte Beyoglu, ehemals Pera, ist ein wahrer Sündenpfuhl und brodelnder Kosmos der Moderne. Einst von Griechen und Armeniern bewohnt, ist es heute wieder zu einer Art multikulturellem Zentrum geworden, vor dem so manche türkische Mutter ihre Kinder warnt, wie ich es selbst einmal erlebt habe, als wir uns mit einem türkischen Freund in Beyoglu verabreden wollten, wusste seine Mutter dies zu verhindern. In Beyoglu findet sich aber nicht nur der Raki als Muse, sondern auch das Süße. Es reihen sich Kaffeehäuser aneinander, die ausschließlich Sütlac, eine Art Pudding, oder Baklava servieren. Aber nicht nur auf diese Weise frönt dieses Viertel Istanbuls der Sünde, schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts urteilte der marxistische Autor Vedat Türkali sehr scharf und pointiert: „Gäbe es Beyoglu nicht, was würde Istanbul schon verlieren? Kneipen, Puffs und Lasterhöhlen.“

Der Autor des vorliegenden Fotobuches hat in diesen „Lasterhöhlen Beyoglus“ so gut recherchiert, dass er sogar weiß, was „yumruk mezesi“ bedeutet: es ist der Ausdruck dafür, wenn man sich mit dem Rücken der Hand, den letzten Raki-Rest vom Mund abwischt. Wem allerdings das Wasser im Mund ob all der Süßspeisen, die auf der Istiklal Caddesi angeboten werden, zusammenfließt , der sei vor den Milchspeisen gewarnt: Es gelte zwar als durchaus männlich ein Blech Baklavas (Honigblätterteig) zu vertilgen, wer aber zu viel Milchreis oder dergleichen verdrücke, sei bald als „muhallebi cocogu“, Milchreisbaby, verschrien.

Das Buch ist im Format 30,5 x 24,5 cm, gebunden und mit Schutzumschlag, und manche Fotos, die man darin findet, sind sogar doppelseitig abgebildet. Sie eröffnen einem die Perspektive auf eine Stadt im Abendglanz, auf den Galataturm und das ihn umgebende Viertel Galatasaray oder auch die Hagia Sophia, Sultanahmet, Topkapi oder die Bosporusbrücke. Es ist eine tatsächlich märchenhafte Verzückung in die man beim Schmökern dieses Buches gerät und das Beste dabei: es lohnt sich auch die Texte zu lesen, denn der Autor hat gut recherchiert, mit den Leuten geredet (kann man Türkisch in drei Jahren erlernen?) und die Stadt Istanbul repräsentativ eingefangen.

In den anderen Kapiteln - zwischen Tradition und Moderne - geht es unter anderem um die Schriftstellerin Elif Shafak, die eben auf der Frankfurter Buchmesse vorgestellt wurde, um die Angler auf der Galatbrücke oder auch die Baumeister der Sultane. Das letzte Kapitel ist dem Bosporus gewidmet, der wie keine andere Wasserstraße der Welt, wohl zu den schönsten Flecken Erde gehört, den man noch dazu mit den „Vapur“ genannten Booten von jeder Iskele (Station) aus selbst bereisen kann. Eine Zeittafel, ein Glossar und eine Adressenliste erschließen alle weiteren für den aufgeklärten Touristen notwendigen Informationen. Einige S/W-Fotos in diesem Band stammen von dem türkischen Fotografen Ara Güler, über den auch eine interessante Reportage im Buch abgedruckt ist. Auch das vorletzte Orhan Pamuk Buch „Istanbul. Erinnerungen an eine Stadt.“ (Hanser) wurde mit Fotos dieses Künstlers illustriert, eines davon, Istanbul von der Galatabrücke aus, mit Schnee bedeckt, hat sich sicherlich gut eingeprägt. 13 weitere Reportagen des Auslandskorrespondenten der Süddeutschen Zeitung, Kai Strittmatter, geben Zeugnis eines intelligenten Journalismus. Kai Strittmatter lebt seit drei Jahren in Istanbul und berichtet für die Süddeutsche auch aus dem Rest der Türkei. Zuvor war er acht Jahre lang in China für dieselbe Zeitung tätig. Die Journalistenschule in München trug wohl wesentlich zu seinem Erfolg bei, den er sich in vorliegendem Buch mit Reto Guntli, Fotograf, teilt. „Für Künstler und Schriftsteller ist es eine Schatztruhe – jede Ecke, jede Straße. Sie macht dir das Leben schwer – aber für deine Kunst ist es eine tolle Stadt. Sie gibt dir Tiefe.“ Schrieb die Schriftstellerin Elif Shafak über ihre Stadt Istanbul. Und diese Tiefe ist auch in vorliegendem anspruchsvollen Reisebuch der ganz anderen Art zu spüren.

Knesebeck Verlag
www.knesebeck-verlag.de
208 Seiten, Großformat 30,5 x 24,5 cm
mit 10 schwarzweißen Abbildungen, mit 120 farbigen Abbildungen
ISBN 978-3-89660-555-9

[*] Diese Rezension schrieb: Jürgen Weber (2008-11-19)

Hinweis: Diese Rezension spiegelt die Meinung ihres Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung von versalia.de übereinstimmen.



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