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Martin Suter - Der letzte Weynfeldt
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Suter, Martin:
Der letzte Weynfeldt

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(Bücher frei Haus)

Ein stiller Mittfünfziger, eine nicht mehr ganz makellose Enddreißigerin, eine Handlung, angesiedelt in der Kunstszene Zürichs - kann man aus diesen zunächst wenig spektakulär anmutenden Zutaten einen fesselnden Roman machen? Man kann, wenn man Martin Suter heißt. Das Buch beginnt denn auch gleich mit einem Beinahe-Selbstmord: Kunstexperte und Designsammler Adrian Weynfeldt rettet Lorena, die er am Abend zuvor in einer Bar kennengelernt hat und die ihn stark an eine verflossene Jugendliebe erinnert, vor dem Sprung von seinem Balkon. Obwohl die Beziehung lange platonisch bleibt, fühlt sich Weynfeldt fortan verpflichtet, der Dame aus jeder prekären Situation zu helfen, in die sie sich hineinmanövriert. Der sympathische Sonderling tut dies vor allem durch seine nicht unbeträchtlichen finanziellen Mittel. Dadurch wird er in ein unschönes Komplott hineingezogen, das er eigentlich selbst erkennen könnte, es aber lange Zeit nicht wahrhaben will. Hierin spielen ein sündhaft teures Gemälde und seine Fälschung eine Rolle sowie Weynfeldts unterschiedliche Bekanntenkreise aus strauchelnden Bohemiens einerseits und alteingesessenem Züricher Geldadel andererseits.
Die meisten Charaktere, die Suter entwirft, kennt man, die gescheiterten Möchtegern-Künstler, die schmierigen Bankrotteure, auch Lorena, die in sich zerrissene kleine Gaunerin. Sie alle geben dem immerhin mehr als dreihundert Seiten starken Roman Farbe, sind gewissermaßen das Fleisch auf den Rippen der Handlung, die ohne Schnörkel konventionell, aber mit viel hintersinniger Ironie erzählt wird. Am interessantesten erscheint jedoch Weynfeldt selbst, der letzte seiner altehrwürdigen Familie, der letzte einer aussterbenden Spezies von Reichen, die noch Stil und einen Hang zum Mäzenatentum besaßen, ohne diesen Umstand werbewirksam für sich und ihre Ziele zu vermarkten. Er gibt gern und reichlich, aber auch diskret, um nur ja niemanden zu brüskieren. Er nimmt offensichtliche Demütigungen durch von ihm finanziell Abhängige entgegen, als hätte er sie verdient. Fast hat man Mitleid mit ihm oder möchte ihm zurufen: Wehr dich endlich, Weynfeldt! Als er es dann schließlich tut - und er tut es auf eine seinem Charakter ganz und gar angemessene Weise - traut man seinen Augen kaum. Mehr sei über das Ende des Romans nicht verraten.
Die Protagonisten machen im Laufe des Buches eine Entwicklung aufeinander zu: Weynfeldt wird gezwungenermaßen ein bisschen gaunerhafter, Lorena ein bisschen solider. Beide profitieren in gewisser Weise davon - genau wie der Leser.
Dem Schweizer Erfolgsautor Martin Suter ist mit diesem Buch ein sehr unterhaltsamer, mit vielen kenntnisreichen beziehungsweise gut recherchierten Details über Kunst und Kunstvermarktung gespickter Roman gelungen. Eine gewisse Routine mag man dem Suterschen Duktus zwar bescheinigen, aber nicht wirklich vorwerfen können: in diesem Fall wird sie gar zum prägenden Stilmittel, kontrastiert sie doch auffällig mit dem verschlungenen und spannenden Plot, indem sie ironisierende sprachliche Distanz schafft. Der süffige Cocktail aus Aufrichtigkeit und Zwielichtigkeit, Kunst und Fälschung, Zuneigung und abgrundtiefer Verachtung entwickelt von Seite zu Seite einen stärkeren Sog, dem sich der Leser getrost hingeben kann, ohne einen anschließenden Lese-Kater fürchten zu müssen.

[*] Diese Rezension schrieb: Marcus Neuert (2010-01-17)

Hinweis: Diese Rezension spiegelt die Meinung ihres Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung von versalia.de übereinstimmen.



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