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Italo Svevo - Una Vita
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Svevo, Italo:
Una Vita

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(Bücher frei Haus)

„Es war ein grandioser Traum gewesen, sich durch den Kuss einer Frau aus der Erniedrigung herausholen zu lassen“, denkt Alfonso Nitti, „Das Leben verlor so diesen Anschein von ungerechter Härte, spendete Glück und Wohlstand dem, der es verdiente, und ohne im Kämpfe abzuverlangen; von dort oben kam ein Gesetz, Reichtum und Liebe für ihn“. Alfonso Nitti arbeitet tagsüber als kleiner Angestellter in der Korrespondenzabteilung des Triestiner Bankhauses Maller, doch abends schreibt er mit Annetta, der Tochter des Prinzipals, an einem Roman. Dieser will nicht so recht gedeihen, die Liebe zwischen den beiden jedoch umso mehr und so geschieht bald das Unausweichliche. Beide Beteiligten zeigen sich alsbald erschrocken über das Geschehene und versuchen die Spuren zu verwischen. Annetta schickt Alfonso zu seiner Mutter aufs Land, um die Dinge in Ruhe mit ihrem Vater klären zu können und vor allem damit er nicht unter dessen Ausbrüchen zu leiden habe. Alfonso fügt sich allzu gerne in das ihm aufgebürdete Schicksal und flieht, vor allem auch darum, weil er plötzlich merkt, dass er Annetta doch nicht liebt. Und doch wird sein eigenes Schicksal nicht mehr von der einen leidenschaftlichen Geste, einer Aufwallung der Gefühle zu trennen sein und bald ihren schweren Tribut fordern.

Die literarische Tradition des „inetto“
Alfonso, der den Schüchternen nur spielt, um sich in das Herz der hochnäsigen Annetta zu spielen, kokettiert mit der Liebe zu einer reichen Frau vielleicht auch deswegen, weil er darin den einzigen Weg sieht, sich aus seiner tristen sozialen Situation als kleiner Angestellter herauszumanövrieren. Italo Svevo, der den Leser sehr lebhaft und authentisch an der Seelenschau des Alfonso teilnehmen lässt, hatte dem Roman wohl auch deswegen ursprünglich den Titel „L’inetto“ gegeben, was so viel wie Versager, ein Unfähiger - ein looser würde man heute neudeutsch wohl sagen- bedeutet. Es gibt eine ganze literarische Tradition, die sich diesem Charakter des inetto widmet und Alfonso ist sicherlich einer der herausragendsten Vertreter dieser Sorte Mann. Alfonso, der in seinen Selbstgesprächen immer wieder betont, genau das eben nicht zu wollen – also sich durch die Heirat mit einer reichen Frau seinen sozialen Status zu verbessern – projiziert seine eigene Eitelkeit auf Annetta, wenn er sagt, sie sei ein eitles Ding und würde „am liebsten jemanden aus Liebe zu ihr sterben sehen, aber bis jetzt sei ihr das noch nicht gelungen“. Dieser Unheil verheißende Gedanke wird noch seine Erfüllung im Roman finden, doch dies sei hier nur angedeutet.

Parallelwelt Arm & Reich
Parallel zum seinem eigenen Drama spielt sich aber noch das des Hauses Lanucci ab, in dem Alfonso zur Untermiete wohnt. Die Lanuccis sind einfache Leute und ihre Tochter Lucia muss verheiratet werden und natürlich denkt die Signora dabei an den Bankangestellten mit seinem regelmäßigen Salär. Doch Alfonso will davon nichts wissen, er strebt nach Höherem und findet seine Mission am Ende doch darin, dieser armen Person helfen zu können. Svevo zeichnet aber selbst in dieser „guten Tat“ Alfonsos Eitelkeit verantwortlich, denn dieser tut alles, damit seine Wohltat erst dann bekannt wird, wenn die Ergebnisse schon auf dem Tisch liegen. Umso größer werde dadurch die Dankbarkeit der Betroffenen sein, doch stattdessen wächst zunächst die Missachtung gegenüber dem Wohltäter, die baldiger Verblüffung über die Absurdität seiner Tat weicht. Alfonso, der selbst nichts besitzt, als das Erbe seiner verstorbenen Mutter, stiftet die Mitgift für Lucia und macht damit ihr Elend nur größer, als sie erfährt, dass Gralli, ihr Verlobter, nur deswegen heiraten will und nicht etwa aufgrund seiner Liebe. Die Parallelwelt, die Svevo hier zeigt, macht auch die Unterschiede deutlich, wie Probleme in den unterschiedlichen Häusern Maller und Lanucci gelöst werden. Wichtig ist vor allem, dass die Standesunterschiede gewahrt bleiben und so heiratet Annetta am Ende auch ihren Cousin und nicht etwa den kleinen Angestellten, trotz der Tatsache, dass dieser ihre Ehre beschmutzt hat. Um diese Schmach zu tilgen gibt es ja ihren verrückten Bruder Federico.

Peripetie bis zum Ende
Svevos erster Roman glänzt nicht nur durch die psychologischen Einblicke in die Seele des Protagonisten Alfonso Nitti, sondern auch durch die glaubhafte Schilderung des „ernsten Strebens nach innerer Wahrheit“ des Protagonisten, die Svevo sehr glaubhaft und anschaulich als Auktor vermittelt. Auch wenn Alfonso oft schwächlich, unbedeutend, sogar abstoßend wirkt, hat man doch oft Mitleid mit dieser „wehleidigen, krankhaft-grüblerischen, zwiespältigen“ (Paul Heyse) Figur. Die „porcheria“ (so Svevo selbst über seinen ersten Roman) wird in redseliger Breite ausgebreitet und das Handeln des Protagonisten so erzählt, dass es schlussendlich sogar nachvollziehbar und verständlich wird. Alfonso Nitti geht „an seinem ureigensten Wesen gleichsam naturgemäß und schicksalhaft zugrunde“ – so Sallager im Nachwort – und der eigentliche Plot, die Peripetie, der strategisch angelegte Sieg des Außenseiters über die sozial überlegene Frau. Am Höhepunkt des Romans, dem Moment der letzten Spannung, ist sich der Leser völlig unklar, wie sich Alfonso entscheiden wird, ob er doch noch kämpfen wird für etwas das ihm nicht zusteht oder sich seinem Schicksal ergibt. Svevo versteht es, den sog. dritten Akt des griechischen Dramas, die Peripetie, bis zum Ende des Romans aufrecht zu erhalten und damit Spannung zu erzeugen, bis am Ende der vierte und fünfte Akt auf den Leser niederkrachen, wie einst die Mauern von Jericho. Alfonso, der weder zur Büroarbeit noch zur Liebe taugt, spielt verschiedene Rollen, aus taktischen Überlegungen, zwischen Gefühl und Kalkül - wie Sallager schreibt – und opfert einem fiktiven mondänen Erfolg „seine mönchische Lebensweisheit, deren Ideal Arbeit und Einsamkeit waren“. Am Anfang des Romans steht ein Brief von Alfonso an seine Mutter, die am Lande lebend, „mit nur einem Wort seine Nöte ausräume könnte“ (Svevo): Komm!

Italo Svevo
Una Vita
Manesse Verlag, Zürich
700 Seiten mit einem Nachwort Edgar Sallager

[*] Diese Rezension schrieb: Jürgen Weber (2012-08-17)

Hinweis: Diese Rezension spiegelt die Meinung ihres Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung von versalia.de übereinstimmen.



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