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Chaim Tabakman - Du sollst nicht lieben
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Tabakman, Chaim:
Du sollst nicht lieben

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(Bücher frei Haus)

Gibt es über diesen Film aus Israel noch Neues zu sagen? Als er 2009 in die Kinos und Wettbewerbe kam, waren die zahlreichen Reaktionen der Kritiker fast einhellig sehr positiv. Es war ein Streifen, der Neuland betrat - erstmals ein Film über Homosexualität in der jüdisch-ultraorthodoxen Gemeinde Jerusalems, ein strenges Tabu dort. Viel gerühmt wurde seine ebenso respekt- wie eindrucksvolle Darstellung des exotischen Milieus von Me’a Sche’arim. Die einprägsame Handlung hier kurz zur Erinnerung oder ersten Notiznahme: Der etwa vierzigjährige Fleischer Aaron (Zohar Strauss), verheiratet, vier Kinder, beginnt eine Liebesbeziehung zu seinem jungen Gehilfen Ezri (Ran Danker). Die Gemeinde duldet das Verhältnis nicht. Ezri wird vertrieben und Aaron „fasst einen radikalen Entschluss“, wie Arte anlässlich der Fernsehausstrahlung im Mai 2012 in der Programmvorschau formulierte. Da die Vermarktung des Films ihre heiße Phase inzwischen durchlaufen haben dürfte, kann es jetzt wohl verraten werden: Aaron bringt sich um.

Der Film verzichtet auf Parteilichkeit, auf Thesen und darauf, für eine gute Sache – Toleranz - offensiv zu werben. Er setzt allein auf die Kraft der Handlung, der Bilder und der Figuren, auf Kunst. Dabei lädt keine der Gestalten zur Identifikation ein – und fast jede ermöglicht sie. Aaron und Ezri sind zwar Opfer, aber keine Lämmer. Aarons Frau: sehr sanft, sympathisch, aber auch starr auf ihre traditionelle Rolle fixiert. Der Rabbi beeindruckt durch menschenfreundliche Auslegung der Schrift, um sich dann doch zu verhärten. Der Anführer der radikalen, zur Gewalt neigenden Torastudenten ist ein Sittenwächter, dem man seine tiefe innere Überzeugung und Qual abnimmt.

Ein Kritiker erkannte eine beinahe expressionistische Bildersprache. Tatsächlich liegt in dieser Bildmächtigkeit eine der Stärken des Films. Ohne vordergründig plakativ zu sein, berühren solche Sequenzen tief, legen wie im Vorübergehen das Gewebe frei, aus dem der Stoff besteht, und bleiben im Gedächtnis haften. Dafür ist bereits die Eingangsszene ein gutes Beispiel - wie Aaron sich Zutritt zur Fleischerei seines plötzlich verstorbenen Vaters verschafft: gewaltsam, indem er den Riegel unter großer Mühe mit einem Steinbrocken aufsprengt. Da will einer eine Nachfolge antreten, für die er nicht geschaffen ist, den passenden Schlüssel nicht hat. Wenig später greift Ezri bei seiner ersten Vorstellung im Laden nach einer defekten Neonröhre und vertreibt das Dämmerlicht dort. Als Angestellter wird er eine kurze Pause nutzen und sich an der Wanduhr zu schaffen machen, die die falsche Zeit anzeigt. Aarons Frau, das Verhältnis zwischen den Männern ahnend, zeigt auf ein Stück Fleisch, das sie wie irgendeine Kundin mitnehmen will: mehr, mehr, alles, und dann soll Ezri es säubern … Dass er unreines, verbotenes Fleisch verkauft, wird die Gemeinde bald Aaron vorwerfen.

Der Film verzichtet nicht auf Dialog. Charakteristisch für diesen ist, dass die vertretenen Meinungen sich zumeist bald als schlecht begründet erweisen. Die Entwicklung der Geschichte nimmt keine Rücksicht auf die Wünsche, Absichten, Erwartungen der Figuren. Alle sind Getriebene. Was jedoch wie Fatum aussieht, ist nur die innere Gesetzmäßigkeit einer verhärteten Struktur. Der Rabbi plädiert zunächst allgemein gegen Enthaltsamkeit, für Sinnenfreude, und ergreift theoretisch Partei für jeden Sünder, der immer ein potentiell Gerechter sei. Aaron vertritt lange die Gegenposition und will die Prüfungen um ihrer selbst willen bestehen – die Lust sei zur Läuterung der Seele geschaffen - und er scheitert dabei. Konfrontiert mit Aarons spätem Coming-out, ohrfeigt der Rabbi ihn dann sogleich – und hat unmittelbar davor noch die Sittenwächter als gewalttätige Rabauken angesehen und weggejagt. Wenn Aarons Frau ihm gegen das Filmende die freie Entscheidung über Bleiben oder Weggehen überlässt, dann hat sie gewiss nicht den suizidalen Ausgang im Blick.

Diese ultraorthodoxen Menschen haben viel Würde im Auftreten und in der Ausstrahlung. Doch letztlich sind es unfreie Menschen, die in einem starren System der Überlieferung funktionieren, eben wie es geschrieben steht. Ihre Würde ist nichts Individuelles, Persönliches. Aaron und Ezri gewinnen erst ein Stück Freiheit und neuartigen persönlichen Wert, indem sie sich aus der Gemeinschaft zurückziehen und ihre Gefühle füreinander anerkennen. Als die Sittenwächter Ezris Entfernung fordern, als die Steine ins Ladenfenster fliegen, schließt Aaron das Geschäft und verbringt den Tag mit Ezri in dessen Kammer, beide still aneinanderruhend – noch so ein Bild, eines von Utopie.

Tabakman hat aus dem Drehbuch von Merv Doster einen ästhetisch rundum überzeugenden Kunstfilm gemacht. Er verzichtet dabei auf alle nur formalen Kniffe, erzählt die Geschichte ruhig dahinfließend, beinahe minimalistisch distanziert. Statt einer vielleicht zu erwartenden melodramatischen Musik hören wir etwas wie Sphärenklänge. Die Enge des Stadtviertels, die abgenutzten Gebäude, die alle Tage durchziehenden fremdartigen und von sehr alter Religiosität bestimmten Sitten, all das schafft eine ungewöhnlich dichte Atmosphäre. Das ist ein Film, der gewissermaßen im Kopf nachhallt.

[*] Diese Rezension schrieb: Arno Abendschön (2012-11-08)

Hinweis: Diese Rezension spiegelt die Meinung ihres Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung von versalia.de übereinstimmen.



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