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Rezensionen


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Andrei Tarkovsky - Nostalghia
„Bisogno ascoltare le voci che sembrano inutili“, schreit
der Verrückte Domenico (Erland Josephson) vom Reiterdenkmal
Marc Aurels auf dem Campidoglio (Kapitolsplatz) in Rom
herunter, bevor er sich mit Benzin übergießt und sich als
lebende Fackel in die Luft wirft, um einen neuen Pakt mit
der Welt somit zu unterschreiben. „Voglio un nuovo patto col
mondo: che ci sia sole di notte e neve in agosto“. Der
brutale Ausklang eines der feinfühligsten und sensibelsten
Filme der Cinematographie wird begleitet von Beethoven`s
Neunter: „Freude schöner Götterfunken, Tochter aus Elysium“,
während Domenico, inzwischen am Boden angelangt, sich in
seinen Flammen wälzt und schließlich kläglich verendet. Zur
selben Zeit löst Gorchakov sein Versprechen gegenüber
Domenico ein. Im von Rom fernen Bagno Vignoni in der
Toskana, geht er, eine Kerze haltend, langsam durch das
Thermenbecken der Santa Katherina. Dreimal muss er neu
beginnen, bis es ihm endlich gelingt, das ganze Becken zu
durchqueren und die Kerze am anderen Ende des Pools
hinzustellen: und sie brennt noch! Bisogno ascoltare le voci
che sembrano inutili: Man muss manchmal auf die Stimmen
hören, die unnütz erscheinen, fürwahr!
Die fantastischen Bilder wechseln sich in Nostalghia mit den
schönsten Schauplätzen ab. Da wäre einerseits – wie schon
erwähnt – Rom, die ewige Stadt, andererseits San Galgano,
die Kathedrale ohne Dach und Fenster oder eben Bagno Vignoni
und Monterchi, alle drei in der Toskana. Tarkovsky stellt
seine Szenen gerne ans Wasser, etwa wenn sein Protagonist,
Gorchakov (Oleg Yankovsky), im Wasser steht und einem
kleinen Mädchen eine Geschichte von zwei Männern erzählt,
von denen der eine den anderen aus einem Teich retten will
und der andere ihn anherrscht: „Was machst du? ICH lebe
hier!“ Er fühlt sich beleidigt, denn er will gar nicht
gerettet werden, für ihn ist es sein Leben. Gorchakov, der
eigentlich nach Italien gekommen ist, um Nachforschungen
über den in Bologna wirkenden russischen Komponisten
Sasnovsky anzustellen, betrinkt sich mit nassen Füßen mit
Vodka und ruht sich dann am Wasserrand aus, während er einen
Gedichtband von Arseny Tarkovsky (der Vater des Regisseurs,
der ein Poet war) verbrennt. Seine ihn begleitende
Übersetzerin Eugenia (Domiziana Giordano), der er ihn zuvor
geborgt hatte, um ihn ihr sogleich wieder zu entreißen,
spielt für ihn als Frau keine Rolle. Sie bemüht sich um ihn,
beschimpft ihn schließlich und verschwindet nach Rom zu
einem anderen. Gorchakov leidet unter einer schlimmen
Krankheit und diese Krankheit nennt sich Nostalgia: wie der
Regisseur Tarkovsky selbst hat er Frau und Kind in Russland
zurückgelassen, um nach Italien zu kommen, aber er kann ohne
sie nicht leben und will zurückkehren. Auch wenn ihm dort
eventuell dasselbe Schicksal droht wie seinem Komponisten:
er hatte sich nach seiner Rückkehr aus Bologna selbst
erschossen.
„I`m tired of seeing these sickingly beautiful sights. I
want nothing more just for myself.”, wobei Gorchakov das
“just” besonders betont. Denn was ist all diese
italienisch-toskanische Schönheit ohne die Gegenwart seiner
Familie, ohne die Gegenwart derer, die er liebt? Schon in
der Anfangssequenz des Films wird Tarkovskys Abneigung gegen
Eugenia klar. Sie schafft es nicht, sich vor dem Altar mit
dem Bildnis der Madonna del Parto in der Cappella di Santa
Maria di Momentana in Monterchi niederzuknien, ihr fehlt die
Demut. „Warum beten immer nur die Frauen?“ fragt sie einen
männlichen Besucher der Kirche und der Gläubige, ein
einfacher Mann antwortet, dass Frauen zum Kinder kriegen da
seien und sich um diese kümmern müssten. Alles andere sei
nicht so wichtig. In Chiesa della Madonna del Parto befindet
sich ein Fresko, das wohl die einzige „schwangere“ Madonna
zeigt, deswegen auch der Name. Das Bild zeigt einen deutlich
gewölbten Bauch der Madonna und einen länglichen weißen
Schlitz. Tarkovsky stellt genau dieses Fresko in seiner
Filmszene auf eine fantastische Art und Weise nach: Eine
weibliche Gläubige öffnet den Schoß einer auf Stelzen herbei
getragenen Marienstatue und ein Schwarm weißer Kanarienvögel
fliegt mit lautem Gezwitscher heraus, die Federn fallen in
die Kerzen, die die ganze Kirche erläutern und die Szenerie
schwenkt im selben Moment zu Gorchakov, der in einem fernen
S/W-Russland eine Feder aufhebt. Die Rückblenden werden als
Erinnerungen an Russland immer in Schwarz/Weiß gezeigt,
während die Handlung des Films in Farbe fortschreitet.
Eine der atemberaubendsten Szenen ist wohl jene, in der
Gorchakov auf dem Bett in seinem Hotelzimmer sitzt und
langsam in sich zusammensinkt, während es draußen immer
dunkler wird und er schließlich einschläft, in absoluter
Dunkelheit. Aufgeweckt wird er dann von Eugenia und dem neu
anbrechenden Tag. Beim Spaziergang mit Eugenia am
Thermenbecken in Bagno Vignoni will er den Verrückten
Domenico zum Abendessen einladen, dabei ist es morgens in
der Früh. Gott habe zur Heiligen Katherina gesagt: „Tu sei
quella che non è, io invece colunque sono“. Eine
wunderschöne Kamerafahrt zeigt zuerst die im Becken
schwimmende Gesellschaft, die sich über Domenico
unterhalten, der seine Familie sieben Jahre in seinem Haus
eingesperrt hatte, um sie vor dem Weltuntergang zu retten.
Dann zeigt die Kamera die Dreiergruppe
Gorchakov-Eugenia-Domenico und aus dem Becken steigt der
Wasserdampf, das Lieblingselement Tarkovskys, das auch als
dichter Nebel im Film sehr oft verwendet wird, wobei es sich
bei „Nostalghia“ überhaupt um eine ziemlich herbstliche
Landschaft und Stimmung handelt. Das Wasser ist nämlich fast
überall, auch in Domenicos Haus, wo es sogar als Regen durch
den Dachstuhl eindringt und über seinem Bett durch eine
Plastikplane behelfsmäßig zurückgehalten wird. Wasser als
reinigendes Element, genauso wie das Feuer am Ende des
Films, eine Metapher für die Katharsis der Protagonisten.
Feuer ist auch die Lösung für eine Kalabresin, die das Haus
ihres Arbeitgebers anzündete, weil sie Heimweh nach Hause
hatte, wie die Hoteldame Eugenia und Gorchakov erzählt. Sie
wollte eben nach Hause und hatte Nostalgia, so schaffte sie
einfach das aus der Welt, was sie am meisten daran hinderte.
Auch Domenico wird sich am Ende durch Feuer beseitigen,
während Gorchakov im trocken gelegten Thermenbecken eine
Kerze hochhält, eine Kerze die Leben bedeutet.
An einer anderen Stelle fragt ein kleiner blonder Junge, ob
das das Ende der Welt sei. „Papa, è questo la fine del
mondo?“ Domenicos Sohn wird in einer Rückblende aus dem Haus
befreit, aber was wird er ohne seinen Vater machen, wenn das
Ende denn wirklich kommt? Tarkovsky gibt zwar keine Antwort
über die genauen Hintergründe des Familiendramas, aber ist
doch voller Sympathie für den Verrückten Domenico, der sich
am Ende des Films für eine bessere Welt opfert. Auch wenn
dieses Opfer sinnlos ist, brennen sich seine Worte den
Zuhörern ins Gehirn ein, sie sind voller Pathos und
verbreiten eindringlich die Idee eines besseren Lebens
vielleicht nach dem Tod: „La strada di nostri cuori è
coperta d`ombra, bisogno di darci la mano“, aber sein Appell
verhallt ungehört, keiner löscht seinen brennenden Körper,
auch Eugenia kommt zu spät, um seinen Tod zu verhindern.
„Der Tod hat für mich keine Realität“ hat Tarkovsky in einem
Interview einmal gesagt, er befreie von den Fesseln der
Welt, sagt er, aber nicht ohne mit beabsichtigter Ironie
hinzuzufügen: „Vielleicht denke ich dann anders, wenn ich
einmal in die Situation komme.“
„Feelings unspoken are unforgettable“, sagt Gorchakov an
einer Stelle bei seinem Monolog mit den Füßen im Teich, er
spricht in seiner Muttersprache und entschuldigt sich bei
seiner kleinen Zuhörerin für sein schlechtes Italienisch.
Diese Szene entbehrt aber auch nicht einer gewissen Komik,
denn Gorchakov macht sich lustig über die italienischen
Schuhe, die jeder will, und er steht nun mit eben solchen
tief im Wasser. Zehn Jahre haben sie gehalten, aber diese
Szene werden sie wohl nicht mehr überleben. Wie steht es um
eine Welt, in der ein Verrückter die Wahrheit sagen muss,
fragt Domencio später vor seinem Abgang in eine bessere
Welt. „Che razza di mondo è questo, se un pazzo Vi deve dire
che Vi devete vergognare?” Aber was ist die Wahrheit? Wer
diese nicht zu unterscheiden weiß von der Lüge, sollte sich
wohl tatsächlich schämen. Eine positive Botschaft vermittelt
der Film in jedem Fall, zumindest für vor dem Mauerfall: der
Film entstand 1983. Als Eugenia Gorchakov fragt, was man
denn tun solle, damit die Länder und ihre Bewohner sich
besser verstehen könnten, da er es ihr in Abrede gestellt
hatte, ihn jemals zu verstehen, antwortet dieser: „Die
Grenzen zerstören“. „Welche Grenzen denn?“ „Die das
Staates.“ Eine ziemlich anarchistische Antwort für einen
religiösen Regisseur wie Tarkovsky, aber immerhin auch eine
Anleitung zum Glücklichsein. Einer der besten Filme nicht
nur dieses Regisseurs, sondern der internationalen
Cinematographie. In seiner BildIntensität unvergleichbar und
es soll Menschen geben, die nach diesem Film ihr Leben
radikal geändert haben.
Das Bonusmaterial ist eine Dokumentation des Filmemachers
Dmitry Trakovsky, der einige Persönlichkeiten interviewt,
die Tarkovsky noch persönlich kannten. Er starb 1986, aber
für viele dieser Personen ist er unsterblich geblieben, das
wollte er auch erreichen. Krystof Zanussi erzählt von einer
persönlichen Begegnung mit Tarkovsky in der er zwei Wochen
vor seinem Tag gesagt haben soll, dass Zanussi ihn als
sündigen Menschen in Erinnerung behalten solle, ja, die
ganze Welt solle so an ihn denken. Wir würden alle so
unschuldig tun, ergänzt Zanussi, aber seien gezeichnet
Schuld. Trakovsky interviewt auch Tarkovsky Sohn, der von
seiner eigenen Leidensgeschichte erzählt, aber auch einige
unglaubliche Anekdoten aus der Intimsphäre preisgibt. So
schwebe in dem Film „Stalker“, den Tarkovsky 1979 gedreht
hatte, ein Kalenderblatt mit dem Datum 28.12. durch einen
Bach, genau der Tag, an dem der Regisseur später
starb.Andere Interviews zeigen die im Alter noch schöner
gewordene Domiziana Giordano, die sogar das Skript von
Nostalghia zeigt, das nur 60 Seiten gehabt habe. Giordano
bezeichnet Tarkovsky als fasznierende Persönlichkeit, aber
auch als „orthodox, religiös und maschilista“. Der
schwedische Schauspieler Erland Josephson wird sogar in
Stockholm aufgesucht, „at the edge of Europe“ wie Trakovsky
sagt, und beschreibt die Zusammenarbeit mit Tarkovsky als
eine der besten in seinem Leben. „Meine Persönlichkeit ist
die einer Pflanze“, soll er gesagt haben und sensibel wie
eine Pflanze starb er erst 54-jährig 1986 in Paris an Krebs.
Tarkovsky hat in seinen Filmen zeitlebens die Schwachen
bevorzugt und Biegsamkeit und Schwäche als Zeichen des
Lebens gewertet, während Härte und Stärke den Tod
bedeuteten. Tarkovsky ist ein Magier, dessen Bann man sich
nur schwer entziehen kann.
In der Schlusseinstellung, dessen Standbild übrigens auf dem
Cover dieser Ausgabe von Nostalghia zu sehen ist, sieht man
noch einmal Gorchakov mit Domenicos Schäferhund vor einem
kleinen Tümpel mit einem Holzhaus im Hintergrund in einer
offensichtlich russischen Landschaft sitzen, was man auch
daran erkennt, dass sie wie die Erinnerungssequenzen in S/W
gedreht ist. Die Kamera fährt ganz langsam auf eine
Supertotale und bald erkennt man, dass die gesamte Szenerie
sich im Inneren der gewaltigen Abbazia San Galgano in der
Toskana befindet und…es beginnt zu schneien: „Voglio un
nuovo patto col mondo: che ci sia sole di notte e neve in
agosto“. Die Heimat, die Gorchakov in seinem Herzen
vermisste, fand er nun in den Worten des Verrückten
Domenicos. Unter der Abbazia di San Galgano, die weder ein
Dach noch Fensterscheiben hat, im offenen Himmel der Welt,
findet auch sein Russland ein zu Hause und die Nostalghia
selbst wird zur Heimat Gorchakovs.
Andrei Tarkovsky
Nostalghia
1983/2010
http://www.alamodefilm.de
im Vertrieb bei AL!VE
http://www.atmedien.de
Italien/UdSSR
125 Minuten Farbe und S/W
Italienisch/Deutsch
Bonusmaterial „Meeting Andrei Tarkovsky“
Dokumentation von Dmitry Trakovsky
90 Minuten
Musik von Verdi, Beethoven
[*] Diese Rezension schrieb: Jürgen Weber (2010-05-12)
Hinweis: Diese Rezension spiegelt die Meinung ihres Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung von versalia.de übereinstimmen.
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