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Astra Taylor - Zizek - Der Elvis der Kulturtheorie
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Taylor, Astra - Zizek - Der Elvis der Kulturtheorie bestellen
Taylor, Astra:
Zizek - Der Elvis der
Kulturtheorie

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(Bücher frei Haus)

„Alles muss interpretiert werden.“ Auf die sich selbst gestellte Frage, warum er eigentlich so hyperaktiv sei, immer reden müsse und wild gestikuliere, antwortet Zizek, dass er glaube, sollte er jemals damit aufhören, die Leute wiederum glauben würden, da sei niemand, nur das gähnende Nichts. Am Anfang aller Dinge war seiner Auffassung nach tatsächlich das Nichts, die Leere, wenn auch eine „positively charged void“. Dann seien gewisse Dinge aufgetaucht und die Balance wurde verändert. Die Dinge entstanden aufs Versehen, als Fehler: „Things exist by mistake.“ Das Universum sei ebenso aufs Versehen entstanden. Und um diesen Fehler auszugleichen und etwas daraus zu machen gebe es einen Namen: Liebe. „Ist Liebe nicht genau dieses `kosmische Ungleichgewicht´?“ Aber Zizek geht noch weiter: er würde nie sa-gen, er liebe die Welt, entweder er hasse sie oder sei indifferent ihr gegenüber. Denn Liebe sei ein extrem gewalttätiger Akt: „It`s not `I love you all´, you know, it`s more: `I pick out some-thing out and I say it´ – again the structure of imbalance – even if this `something´ is just a small detail, a fragile individual person. I say `I love you more than anything else´, and in this quite formal sense, love is…the evil!“ Zizek ist halt nichts für Romantiker.

An academic rockstar auf Tournee
Flugzeug, Zizek in Buenos Aires, im Hörsaal, Geschrei, Nyman-Musik, verhaltener Applaus. Zizeks spanischer Übersetzer kommt kaum nach, denn der Philosoph redet schnell und viel, über den Kapitalismus zum Beispiel: „The paradox is that it is much easier to imagine the end of all life on earth than the smallest change in capitalism. We should reinvent utopia. But: which one? The real utopia is not a free imagination, it is an inner force, as the only way out.“ Starker Applaus, Zizek fügt sarkastisch hinzu: „You know why I also applauded? Fascist lea-ders only accept applause, but the stalinist leader applauses also himself as the tool of history. So I did my little Stalin here.“ Ob dieser Witz in dem von Peron geschüttelten Land so gut ankam, bleibt fraglich, ob überhaupt diese Form von Humor ankommt, in Südamerika, ist wohl genauso skeptisch zu beurteilen. Viel eher in den USA: Der New Yorker hatte Slavoj Zizek immerhin als „academic rockstar“ bezeichnet. Genauso tritt er auch auf. Zizek gibt alles, er schwitzt, auch wenn er keine Gitarre spielt. Hinter der Maske des Theoretikers stecke ein Monster, sagt er an einer anderen Stelle. In seiner Privatwohnung in Ljubuljana öffnet er für die Regisseurin dann symbolisch alle Schubladen, zeigt seine Unterhosen, seine Bücher, sein Stalinbild, seine eigenen Bücher in verschiedenen Sprachen, es scheint, als habe er nichts zu verstecken, er sei ein Narzisst, ja, er bewahre eben alles auf.

Zizeks Werdegang und Philosophie
1990 war Zizek sogar Präsidentschaftskandidat für die Liberal Demokratische Partei. Sogar der rechte Gegenkandidat gibt in einer Diskussionsrunde zu, dass Zizeks IQ höher als der aller Anwesenden sei, aber er dennoch weniger sprechen müsse. Das hätte ihm fast den Sieg ein-gebracht. Einen Philosophen als Präsidenten, das hatten aber die Tschechen schon, nach `89. Als Anhänger von Marx, Freud und Lacan lehrte Zizek bald an der Ljubljaner Universität und an verschiedenen Institutionen im Ausland. Seine eigene Ausbildung kommentiert er gewohnt ironisch: an der Schule habe er Englisch und Russisch gelernt, damals im Kalten Krieg, dachte er sich „whoever will win, I speak their language“. Das geistige Rüstzeug Europas stellt er auf drei Säulen, die „european trinity“: Anglosaxon economics, French politics und German metaphysics, poetry, philosophy. Den Dekonstruktivismus sieht Zizek als die ultimative Glaubensform (Fuller), in einer anscheinend so ungläubigen Welt. Man habe heute immer diesen Zwang sich zu distanzieren, man sage „Ich liebe dich“, aber nur unter ganz bestimmten Bedingungen, vor lauter Angst, etwas Falsches zu sagen. Aber woher komme diese Angst? Damals, in der Zeit der Romantik, sei die Distanzierung doch auch inklusive gewesen, trotz-dem hätte man einfach „Ich liebe dich“ sagen können, sie hätten dasselbe gemeint. Wenn wir heute sagen „Ich liebe dich“, hätte man Angst davor, es bedeute zu viel. „We believe in it!“, folglich glaube man heute mehr als damals. In der (Post-)Postmoderne glaube man also mehr also zuvor an die Macht der Worte, deswegen die ganzen Einschränkungen, Distanzierungen und bestimmten Bedingungen. Die Grundlage einer Illusion sei nicht die Illusion, die den realen Zustand der Dinge verschleiert, sondern eine (unbewusste) Fantasie, die unsere soziale Wirklichkeit strukturiert, schreibt Zizek in „The sublime object of history“. Alles sei Ideologie, betont der Philosoph, selbst die verschiedenen Toilettenarten. Leider wird das berühmte Zitat über den Ideologiegehalt von Toiletten in dieser Doku nur verstümmelt und unverständlich, wohl zensuriert, wiedergegeben, was wirklich schade ist, aber man kann es sich mit den gegebenen Stichworten ja auch auf youtube ansehen. Das „Levi Strauss Triangle“ baut auf der oben genannten „European trinity“ auf, ist aber kein philosophisches Konzept, „everybody talks about the end of ideology, yes, but as soon as you flush the toilet, you are right in the middle of it“: http://www.youtube.com/watch?v=FJ73hLQ64Ng) http://www.youtube.com/watch?v=AwTJXHNP0bg&feature=related

Lacan und die Psychoanalyse
Die Regisseurin Astra Taylor filmt Zizek nicht nur in der Öffentlichkeit bei seinen Vorträgen an amerikanischen oder argentinischen Universitäten, sondern auch in seinem Privatleben, in seiner Wohnung in Ljubljana, beim Spielen mit seinem Sohn, in seiner Bibliothek oder beim Videoschauen von alten Aufzeichnungen seines großen Vorbildes Jacques Lacan. Faszinie-rend ist es zu beobachten, wie Zizek die Art und Weise wie sich Lacan im französischen Staatsfernsehen präsentiert, kritisiert. Zizek ist von seinem Temperament und seiner Art seine Ideen vorzutragen wohl zweifelsfrei als Antithese zum „fake“ Lacan („His style is totally fake.“) zu bezeichnen. Kein anderer Philosoph bringt so viel Emotionen und nervöse Aufre-gung in seinen Diskurs ein, wie Zizek. Da bleibt natürlich die Frage, warum Zizek so nervös ist. Er bezeichnet Lacans Verhalten als „totally fake“, also gespielt, eingeübt, damit ein mög-lichstes breites Publikum die Thesen des Philosophen verstehen könnte. Diesen Lacan ver-weigert Zizek und bezeichnet sich als einen Lacanisten des Wortes, nicht der Präsentation. Wenn ihm (Zizek) später von seinen Zuhörern oder Kritikern vorgeworfen wird, er sei ein dogmatischer Lacanist, wehrt er sich mit Händen und Füßen. „Und wo sind die kritischen Derridaisten? Gibt es einen seiner Anhänger, der irgendetwas Distanzierendes oder Witziges über ihren „geistigen Führer“ gesagt hätte? Nicht einen! Ja, ich bin ein fahnenschwenkender Lacanist!“ Im diesem Kapitel des Films, „Psychoanalyse“, spricht Lacan langsam die Worte: „Ich sage immer die Wahrheit, nie die ganze, denn die zu sagen, schafft man nicht. Alles zu sagen ist materiell unmöglich, uns fehlen die Worte.“ Zizek erzürnt nicht der Inhalt, sondern die Form. „Es sind nicht die Ideen, die uns ausmachen. (…) Auf unser Handeln kommt es an.“ Zizek bezeichnet schließlich als Sinn seiner Arbeit zu zeigen, dass es möglich sei, Lacan in klare Worte zu fassen.

Nitebeat mit Zizek
Besonders unterhaltsam ist die Vorstellung von Zizeks (damals ) neuem Buch „The Puppet and the dwarf“ in der amerikanischen Nachrichtenshow „nitebeat“. Man hat das Gefühl, der Moderator habe absolut keinen blassen Schimmer von dem, was Zizek da erzählt, mache aber dennoch nach typisch amerikanischer Manier gute Stimmung, um die Werbetrommel zu rüh-ren. Denn Verkaufen ist immer gut für den Kapitalismus, das Produkt spielt dabei ja eigentlich nur eine nebensächliche Rolle. Der Diskurs entwickelt sich über Erziehung und nachdem man zuvor Zizek in seiner Privatwohnung mit seinem Sohn spielen hat sehen, der als Anführer seiner Spielfiguren ausgerechnet - politisch korrekt - zwei lesbische Königinnen auserkoren hat, versteht man den Sarkasmus Zizeks umso besser, wenn er auf die Frage des Moderators nach dem autoritären Erziehungsstil antwortet: „Absolutely, it is more honest!“ Mit Zizeks Humor haben einige Leute Probleme, auch sein Stalinbild mit dem Untertitel „Wohlstand für alle“, das neben seiner Haussprechanlage in seiner Wohnung hängt, würde oft missverstanden. Er habe mehr über Stalins Verbrechen und Auswüchse geschrieben, als seine Kritiker das je tun würden, deswegen habe er das Recht zu diesem Sarkasmus. Auch seine Provokationen gegenüber der Linken würden oft missverstanden, wenn er dem Faschismus positive Elemente abgewinnen könne. Schließlich habe der Faschismus ja von der Arbeiterkultur abgekupfert, es sei also nicht alles per se schlecht. Er wolle nur das Territorium rückerobern.

Was ist eigentlich Philosophie?
Philosophie löse keine Probleme, aber definiere sie neu. Was hilft die Philosophie, wenn ein Virus die Menschheit befällt? Nichts! Philosophie leistet keine Hilfe, auch nicht gegen einen Kometenschauer from outer space, aber wozu dann? Zizek legt sich (nackt) ins Bett und phi-losophiert weiter: Philosophen hätten nie Antworten gegeben. Philosophie sei nicht die Suche nach der absoluten Wahrheit, sondern sie sei eine „rather modest discipline“, sie stelle nämlich eine ganz andere Frage: what does it mean to be free? Sie frage nach dem impliziten Be-deutungshorizont von Worten, das sei alles, was sie tue. In unserer heutigen Welt der Entsa-gungen (Sahne ohne Fett, Bier ohne Alkohol, virtual sex ohne Sex, et al) habe sie daher umso mehr Bedeutung. „Action und reaction coincide.“, Aktion und Reaktion würden zusammen-fallen, das was den Schaden verursache, soll zugleich auch sein Heilmittel sein. Das ultimative Beispiel dafür, eine Schokoladeriegel, den Zizek in Kalifornien fand: Choclate laxative, abführende (nicht stopfende) Schokolade: „the thing is its own counteragent“, das Ding selbst als sein eigener Gegner. Der Genuss allein entstehe aus einem Mehr, das als Exzess konstitu-iert ist, wenn wir das Mehr abziehen würden, gehe der eigentliche Genuss verloren. Genau wie der Kapitalismus nur überleben könne, indem er unaufhörlich seine materiellen Bedingungen revolutioniere. Bei Stagnation höre er zu existieren auf. Damit wäre Zizek bei der Homologie zwischen dem Mehrwert, der „Ursache“, die den kapitalistischen Produktionsprozess in Bewegung setzt und dem Mehr-Genießen, der Objekt-Ursache des Begehrens. „Object petit a“, ein Begriff Lacans, der sich zur Erklärung des permissive late capitalis - laut Zizek -so vorzüglich eigne.

„My duty is the role of the analyst“
Das Superego ist der Genuss. Eigentlich gebe es gleich drei Paradoxons des „super ego“: je mehr man isst, desto hungriger wird man, je mehr man trinkt, desto durstiger, je mehr etc. Beim Steakessen in einem argentinischen Beisl überreicht ihm seine Gastgeberin einen Zeitungsartikel vom Vortag, seinem Vortrag an der Universität. Als Titel ist in Groß-buchstaben auf Spanisch unschwer „chocoladas laxans“ (oder so ähnlich) zu erkennen. (Die Medien in Argentinien funktionieren wohl gleich wie in Europa.) Zizek ist gar nicht „amused“, er mag keine Aufmerksamkeit, fürchtet sich vor diesem ganzen Fanatismus und den Erwar-tungen, die man an ihn stellt. Er versucht den Leuten immer zu erklären, dass er diese Ant-worten auch nicht habe. Als ihm ein (weiblicher) Fan im Park vor der Uni auflauert, zeigt sich deutlich seine Abscheu gegen diese Art Rummel und man glaubt ihm dies auch, dass es keine Koketterie mit seinem Berühmtheitsstatus ist. „My duty is the role of the analyst.“ „Denn die Frage ist nicht was ich ihnen geben kann, sondern ob ihre Erwartungen legtitim sind und was ihnen ihre Erwartungen über sie selbst aussagen.“

„You must say it with EXCESS“
Im letzten Kapitel stellt Zizek seinen eigenen Selbstmord im ersten und wohl einzigen Wolkenkratzer von Ljubljana, dem Neboticnik ( vom Architekten Vladimir Šubic, war zum Zeitpunkt seiner Errichtung, 1933, das höchste Gebäude auf dem Balkan und das neunthöchste in Europa) , nach. Die wunderschöne Spiralstiege des Art deco Gebäudes eignet sich vorzüglich dafür, es sei auch weniger brutal, als sich auf die Straße zu stürzen. So bleibe der Selbstmord wenigstens privat und dennoch effektiv. „My big worry is not to be ignored, but to be accepted.“ Das ist aber nicht der Grund für seinen inszenierten Suizid. Der Filmfan und Cineast wird zuerst noch in einer amerikanischen Videothek nach seinen drei „best movies of all times“ gefragt. Zizek nennt als ersten „Fountainhead“ als best american, „Opfergang“ als besten deutschen Film und Iwan, der Schreckliche von Eisenstein als besten russischen. Zu seinem inszenierten Selbstmord dürfte ihn aber Vertigo von Hitchcock inspiriert haben. „Offenbar habe ich eine clowneske Seite, die New York Times habe ihn einmal als vierten Marx brother tituliert“, erklärt Zizek auf einer öffentlichen Veranstaltung, „Mich populär zu machen, ist die Weigerung mich ernst zu nehmen“, habe er sich oft gedacht. Vielleicht sollte er „public suicide as a popular comedian“ begehen. Sprach`s und tat`s. Das Ende einer der unterhaltsamsten Doku-Porträts seit langem. Philosophie darf wieder Spaß machen, dank Astra Taylor und Slavoj Zizek. „Alles muss interpretiert werden.“, sagt Zizek ja selbst. Man muss Zizek nicht mögen, um diese Dokumentation von Astra Taylor bis zum letzten Atemzug genießen zu können. Für Zizek Fans ist sie ohnehin ein absolutes must.

Zizek – Der Elvis der Kulturtheorie
R: Astra Taylor
Vertrieb: realfiction
71 Minuten plus EXTRAS

[*] Diese Rezension schrieb: Jürgen Weber (2011-01-19)

Hinweis: Diese Rezension spiegelt die Meinung ihres Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung von versalia.de übereinstimmen.



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