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Uwe Tellkamp - Der Turm
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Tellkamp, Uwe:
Der Turm

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(Bücher frei Haus)

Thomas Manns „Buddenbrooks“ trägt den Untertitel „Verfall einer Familie“. Tellkamp hat unter seinen Titel gesetzt: „Geschichte aus einem versunkenen Land“. Ebenso treffend könnte es heißen: Verfall einer Gesellschaft. Damit würde das Prozesshafte der Handlung, nein: der Handlungen noch besser charakterisiert sein. Es ist bei Tellkamp, als würde alles, Personen, Orte, Geschichten, in das Element Zeit getaucht, wie Gegenstände in ein Säurebad und alles veränderte sich darin radikal, erst zögernd, dann beschleunigt, zuletzt sich überstürzend.

Fast unüberschaubar sind Zahl und Geflecht der Personen. Dabei gehören sie überwiegend der gleichen Schicht an, einem im weitesten Sinn bürgerlichen Milieu, das sich nicht mehr durch Besitz, sondern durch herausgehobene Bildung und berufliche Funktion innerhalb der sozialistischen Gesellschaft definiert. Diese Ärzte, Wissenschaftler, Schauspieler, Betriebsleiter wohnen in den großbürgerlichen Villen am Dresdner Weißen Hirsch. Sie sind nicht einmal Erben der verschwundenen oder vertriebenen Erbauer, in keinem Sinne, beinahe nur Zwischennutzer, eingewiesen von der Kommunalen Wohnraumbewirtschaftung. Die zusammengewürfelten Mietparteien teilen sich alles mehr schlecht als recht, Bäder, Toiletten, Durchgangsräume. In den frühen Jahren spürt man noch den intensiven Zusammenhalt, er wird schwächer in den Jahren sich zuspitzender Entwicklung. Fluchtpläne, die Angst vor der „Firma“, Perspektivlosigkeit – die nachbarschaftliche Solidarität löst sich auf, um im Herbst 1989 noch einmal für kurze Zeit zurückzukehren.

Tellkamps Personen, selbst weniger bedeutende Nebenfiguren, nehmen zumeist eine gerade sie persönlich kennzeichnende Entwicklung in diesem „Mahlstrom“ vom späten Breschnew zum mittleren Gorbatschow. Wie dieses Individuelle nebenbei im Hauptgang der großen Entwicklung herausgearbeitet wird, gehört zu den großen Qualitäten des Romans. Ich will es nur an zwei kleinen Beispielen aufzeigen. Der Soldat Pfannkuchen (ein Spitzname) tritt uns zuerst als durchsetzungsstarker Rabauke mit krimineller Vorgeschichte entgegen, ein Mann kluger Instinkte und bar jeder Kultur. Seine verschlagene Vitalität kommt in den fürchterlichen Jahren bei der NVA zu einem deutlichen Bewusstsein seiner selbst, zu Ansätzen von Solidarität – und im Wendeherbst warten bei seiner Entlassung schon die Kumpane von früher. Sie werden die neue Freiheit auf ihre Weise zu nutzen wissen … Oder die Kaminski-Zwillinge, Studenten und Söhne eines Parteibonzen. Als neue Mitbewohner dringen sie zu Beginn des Romans in den Wintergarten ein und stören ein privates Frühstück befreundeter Hausgenossen; der Wintergarten sei für die gesamte Hausgemeinschaft da - und am Ende verfügen sie, schon im Geist des Modrow-Gesetzes, allein darüber.

Humor ist ein wesentliches Ingrediens der Erzählung. Man erzählt sich typische DDR-Witze jener Zeit. Ein Einkaufsbummel über den Striezelmarkt endet mit der sehr komischen Qualitätskontrolle nicht gebrauchsfähiger Rührbesen. Wir erfahren, wie ein typischer Leipziger Messemantel beschaffen ist; seine vielen Geheimtaschen dienen dem Abtransport erbeuteter Westbücher. In der Adventszeit entbrennt ein erbitterter Wettstreit unter den Universitätskliniken: Welche hat den schönsten Weihnachtsbaum? Man greift zu drastischen Mitteln. Es wird gern Sächsisch gesprochen. Tellkamp zeichnet es phonetisch sehr präzise auf.

Auch der Schrecken ist im Roman vertreten, und nicht zu knapp, vor allem in der zweiten Hälfte. Die Armee und die Industrie sind die Orte, an denen er unumschränkt herrscht. Andere Motive des Werks, die immer wieder variiert werden, wie Themen eines sinfonischen: die Welt der Ämter, die Zensur, die Fixierung in so vielem auf den anderen deutschen Staat, vor allem auf seine Produkte.

Zwei kritische Anmerkungen noch. Tellkamp ist ein großer Sprachvirtuose, unbestritten. Doch lässt er sich etwas zu oft dazu verführen, seine brillante Sprachkunst vorzuführen. Ihre Fontänen springen hoch und höher – bis sie nur noch ermüden. Das andere ist ein konstruktives Element, das man so oder ähnlich in vielen Romanen findet (nur bei Tellkamp, der so viel zu bieten hat, würde man gern darauf verzichten). Der Autor liefert mir an zwei Stellen zu viel dramatische Zuspitzung. Einmal sind es die erotischen Nebeninteressen der Eltern von Christian Hoffmann, der Hauptfigur. Sein Vater, Arzt, hat ein langjähriges Verhältnis zu einer Sekretärin, sogar eine Tochter von ihr. Die Geliebte erträgt die dauernde Zurücksetzung nicht, unternimmt einen Suizidversuch, der scheitert, und geht dann eine neue Beziehung ein, zu einem Kollegen von Hoffmann senior, dessen Frau sich ihrerseits … Ach, es ist alles noch komplizierter und doch insoweit nur ein Familienroman höchst konventioneller Bauart, entbehrlich. Christian selbst soll am Schluss als Soldat gegen Demonstranten in Dresden vorgehen, unter denen sich – Leser, deine Ahnungen trügen dich nicht – just seine Mutter befindet, die gerade von Polizisten zusammengeknüppelt wird; woraufhin der Held abschließend zusammenbricht, eine etwas zu gewollte Parallele zum kollabierenden Staat.

Im Übrigen ist das Buch ein großes, bereicherndes Leseerlebnis. Der Verlag hat wohl die Unterstellung vorausgesehen, es handele sich um eine Art Siegerliteratur, und hat auf die Rückseite gesetzt, was Jens Bisky, Sohn von Lothar Bisky, befand und woran ich mich jetzt anschließe: „Wenn in Zukunft einer wissen will, wie es denn wirklich gewesen ist in der späten DDR, sollte man ihm rasch und entschlossen den neuen Roman von Uwe Tellkamp in die Hand drücken: ‚Nimm und lies.’“

[*] Diese Rezension schrieb: ArnoAbendschoen (2010-05-02)

Hinweis: Diese Rezension spiegelt die Meinung ihres Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung von versalia.de übereinstimmen.



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