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Rezensionen


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Jurij Trifonow - Das Haus an der Moskwa
"Wer aus diesem Haus wegzieht, hört auf zu
existieren." Auszugsgründe finden sich viele, doch selten freiwillige.
"Das Haus an der Moskwa" ist eine schonungslose
Skizze der gesellschaftlichen Verhältnisse im
"klassenlos kommunistischen" Russland. Die
Handlung beginnt in den 30er und endet in den 70er Jahren.
Mit überraschender Offenheit lässt Jurij Trifonow
(1925-1981) den weichspülenden Sozialistischen Realismus
hinter sich. Mutig spricht er Strukturen und Machenschaften
an, die sich tief in das Unterbewusstsein der russischen
Seele eingegraben haben.
Im Mittelpunkt steht die Geschichte Glebows, ein Junge aus
armen Arbeiterverhältnissen, der nicht im Haus an der Moskwa
wohnt, jedoch in der Nachbarschaft, in einer aufgrund des
städtischen Wohnungsmangels üblichen Wohnkommune. Fast
täglich geht er im Haus an der Moskwa, dem luxuriösen
Bonzenbollwerk, ein und aus, da dort viele seiner
Schulfreunde leben. Hier lernt er auch, was der Ausruf
"Klassenlose Gesellschaft" tatsächlich zu bedeuten
hat, nämlich absolut nichts. In Prunk und auf großzügigstem
Raum residieren die Elitefamilien seiner Spielkameraden,
kennen keinen Hunger und keine materiellen Nöte. Offenbar
ein Ansporn für Glebow, der die passenden Eigenschaften dazu
mitbringt, sich in einer Gesellschaft voller Misstrauen,
Hinterhältigkeit und Denunziantentum zu behaupten. Denn
Glebow besitzt die "seltene Gabe: überhaupt keiner zu sein" und "Leute die die Kunst, überhaupt keiner zu sein, bis zur
Vollkommenheit ausbilden, bringen es weit."
So geht er nach dem Krieg eine Liebschaft mit der Tochter
seines Universitätsprofessors ein, wohnhaft im Haus an der
Moskwa, bei der er in Kindheitstagen schon regelmäßig zu
besuch war. Doch hier gerät Glebow erstmals existenziell
bedrohlich in die Zwickmühle des Staatsapparates. Seine
Aussagen und Auskünfte wollen sich die Parteischergen
zunutze machen, um sich dem in der Welt hoch angesehenen,
aber der Universität längst lästig gewordenen Professor
Gantschuk, seinem Förderer und Schwiegervater in spe, zu
entledigen.
Parallel dazu erfahren wir von Ljowka, Glebows bestem
Schulfreund, um dessen Gunst alle buhlen, da er, aus einer
Adels- und Funktionärsfamilie stammend, mit einer
Schreckschusspistole und einer gehörigen Portion
Selbstsicherheit aufwartet. Während sich die Freunde nach
dem Krieg noch als Studenten wiedersehen, geht der Weg des
Arbeiterjungen steil bergauf und der des Politikersohnes
steil bergab. Der Kontakt verliert sich. Erst nach über
einem Jahrzehnt treffen beide, der ehemals Reiche besoffen
und zerlumpt, der ehemals Arme geschniegelt und beleibt, in
einer Gasse am Schwarzmarkt erneut aufeinander, in der auch
der Roman seinen Ausgangspunkt nimmt.
Jurij Trifonow versteht es, den Leser zu unterhalten. In
keiner einzigen Zeile kommt so etwas wie Langeweile auf.
Prägnant auf den Punkt gebracht, ohne sich zu verlieren,
verdichtet er eine Zeitspanne von circa 40 Jahren. Dazu
kommt ein Schuss Ironie, so dass man trotz des ernsthaften
Themas häufig schmunzeln muss. Das Leben ist eben selbst in
der ernsthaftesten Gesellschaft nicht immer nur ernsthaft.
Wunderbar. Die Seiten vergehen also im Fluge. Einzig ein
Ich-Erzähler, der von Kapitel zu Kapitel im Wechsel mit der
distanzierten Erzählweise regelmäßig auftaucht, sorgt
zunächst für Verwirrung, denn man kann ihn nicht
identifizieren. Ein gekonntes Stilmittel? Man wird dadurch
zumindest immer wieder angehalten, die Konzentration auch
nach Stunden nicht zu verlieren. Und Stunden sind es
wirklich, die man problemlos am Stück mit diesem Buch
zubringen kann.
[*] Diese Rezension schrieb: Alexander Czajka (2006-08-30)
Hinweis: Diese Rezension spiegelt die Meinung ihres Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung von versalia.de übereinstimmen.
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