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John Updike - Terrorist
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Updike, John:
Terrorist

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(Bücher frei Haus)

Die Ereignisse des 11. Septembers 2001 haben die USA insgesamt traumatisiert. Das zeigte sich nicht nur in der Art und Weise, wie der damalige Präsident Bush auf die Anschläge reagierte, indem er gleich Flächenbombardements in Afghanistan anordnete, waffenklirrend in den Irak einzog und insgesamt, d.h. zivil wie militärisch mobil machte, sondern auch in der amerikanischen Filmindustrie und auf dem Literaturmarkt. Regisseure und Schriftsteller nahmen sich des Themas an, wie z.B. DeLillo mit seinem Falling Man, eher ein Dokument der eigenen Sprachlosigkeit als ein gelungenes Stück dieses Meisters der literarischen Dramaturgie. Vor diesem Hintergrund muss man John Updikes Terrorist lesen, der seinerseits nicht zu den großen Würfen des großen Soziologen in der amerikanischen Literatur des 20. Jahrhunderts gehört, aber unter den Versuchen, sich dem Thema zu nähern, noch zu den gelungensten gezählt werden muss.

Mit der ihm immer anzumerkenden Exzellenz der soziologischen und sozialpsychologischen Perspektive nähert sich Updike in Terrorist der Denk- und Fühlweise eines jungen Araboamerikaners, der in einem eher unterschichtsgeprägten Milieu in New Jersey zur Schule geht. Sohn einer alleinerziehenden irischen Mutter, die ihn mit einem Ägypter zeugte, der kurz danach das Weite gesucht hat, ihrerseits als Krankenschwester arbeitet und sich in der Malerei versucht, erlebt Ahmed die Schule als einen Ort der Verrohung und Verwahrlosung. Eine schwarze Mitschülerin, die ihn anzieht, fühlt sich zu einem Macho und brutalen Gesellen gleicher Hautfarbe hingezogen, die Lehrer sind ausgebrannt und feige, sie haben keine Werte und erschlaffte zynische Züge. Ahmed sieht die bröckelnde Fassade einer einstmals strahlenden Ideologie der Freiheit und fühlt sich zu einem Imam in der eigenen Nachbarschaft hingezogen, der ihn den Koran zu lesen lernt.

Von der Lektüre des Heiligen Buches bis zur aktiven Teilnahme an einem Anschlag auf das verhasste System ist es gar nicht soweit, wie der unbeteiligte Beobachter zu glauben hofft. Die vermisste Ehre und Reinheit auf der Seite des realen Lebens wird gesucht in der ethisch erstrebten und gedachten Lebenswelt, der schnöde, trügerische Materialismus der Konsumgesellschaft, die keine Wurzeln mehr besitzt, für deren Erhalt es sich zu sterben lohnte, wird ersetzt durch das heroische Modell des Opfertodes. Es gelingt Updike, durch seine scharfe und unbestechliche Beobachtungsgabe, die Beliebigkeit des destruktiven Verhaltens zu beschreiben. Man wird bei fortschreitender Lektüre den Eindruck nicht los, dass es nicht um den alten Paradigmenstreit zwischen Christentum und Islam, sondern um den Unwillen geht, sich mit der postheroischen Gesellschaft abzufinden.

Das große Verdienst Updikes liegt in der Freilegung der intrinsischen Motive zu terroristischem Handeln, ohne diesen Motiven den Zauber der Logik zu nehmen. Einzigartig in der amerikanischen Literatur zum 11. September, dennoch weit entfernt von der üblichen Genialität des Autors.

[*] Diese Rezension schrieb: Gerhard Mersmann (2011-06-15)

Hinweis: Diese Rezension spiegelt die Meinung ihres Verfassers wider und muss nicht zwingend mit der Meinung von versalia.de übereinstimmen.



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